Goethe aktuell

„über(W)unden“: Eine Konferenz der Extreme

Klassik Stiftung Weimar
Szene aus Sello Pesas Theaterstücks, das auf dem Parkett der verlassenen Johannesburger Börse aufgeführt wurde (Foto: Delwyn Verasamy/2point8)

5. Oktober 2011

Apartheid, Genozid, Bürgerkrieg – viele Künstler aus dem subsaharischen Afrika haben Traumatisches erlebt. In Johannesburg kamen nun Vertreter verschiedenster Sparten zusammen und diskutierten eine Woche lang persönliche Erlebnisse und die Frage, inwieweit ihr Schaffen mit diesen Erfahrungen zusammenhängt. Ein Erlebnisbericht von Elisabeth Wellershaus.

Der weiße Minibus schlängelt sich langsam durch den Nachmittagsverkehr von Johannesburg. An Bord eine bunte Mischung aus Künstlern verschiedenster Sparten. In der hintersten Reihe sitzt der ruandische Theatermacher Dorcy Rugamba und fotografiert die Menschen auf der Straße. Neben ihm der ivorische Künstler Aboudia, der den Kollegen mit ein paar schnellen Strichen skizziert. Ein paar Reihen weiter vorne Etienne Minoungou, den man als Festivalleiter aus Burkina Faso kennt. Minoungou sitzt einfach nur da, starrt auf die vorbeirauschende Stadt und wirkt erschöpft. Es ist der vierte Tag einer ambitionierten Projektwoche, die vom Goethe-Institut organisiert wurde und bei der kontinuierlich Extreme ausgelotet werden.

Eben noch saß man bei Kaffee und Keksen im Konferenzsaal des Instituts in einem offensichtlich wohlhabenden Vorort. Eine Viertelstunde später passiert man Straßenzüge mit heruntergekommenen Gebäuden, vor denen Bettler mit glasigen Augen und in zerschlissener Kleidung stehen. „So ist Johannesburg eben“, sagt die Schriftstellerin Véronique Tadjó. „In der Stadt treffen sämtliche Gegensätze des Kontinents aufeinander.“ Eine Eigenschaft, die die Metropole zur perfekten Kulisse für über(W)unden macht. Denn die Künstler, die aus ganz Afrika zusammengekommen sind, wollen das Tagungsthema Kunst und Trauma nicht nur theoretisch reflektieren. Sie wollen vor allem ihre unterschiedlichen Lebenssituationen in Bürgerkriegsländern, traumatisierten Gesellschaften und postkolonialen Zeiten diskutieren.

Copyright: Delwyn Verasamy/2point8



An diesem Nachmittag ist die alte Börse von Johannesburg Ort der Auseinandersetzung. Von außen macht das klobige Gebäude neben dem Taxistand nicht viel her. Von innen aber wirkt es wie eine monströse Geisterstadt. Die roten Fahrstühle fahren an einer Glasfassade rauf und runter, transportieren jedoch kaum jemanden. Auch die vielen kleinen Rolltreppen sind leer. Denn längst arbeiten die Börsianer nicht mehr in der Innenstadt, sondern in einem der reicheren Vororte, in dem heute überwiegend Weiße leben.

Im unteren Stockwerk rumort es dennoch, und dafür ist Sello Pesa verantwortlich. Der Choreograf hat das Gebäude als Performanceort für sich entdeckt und zwischen alten Stehpulten und Schalttafeln zu einer Produktion im Rahmen der Konferenz geladen. Um Identitätsfindung in einer heterogenen Gesellschaft geht es in seinem Stück. Vor allem aber um Unsicherheit und Misstrauen, die auch in Postapartheidzeiten noch zwischen schwarzer und weißer Bevölkerung herrschen.

„Wenn wir als Kinder mit meinen Eltern vom Township in die Stadt kamen, war das für uns immer wie Weihnachten“, erzählt Pesa. „Das erste was wir in dieser faszinierend fremden Stadt sahen, war die Börse. Sie stand direkt neben dem Taxistand, an dem wir ankamen und schien wie das Zentrum eines Ortes, an dem wir damals nur Gäste sein durften. Vielleicht wollte ich deshalb immer wissen, wie es drinnen aussieht.“ Dieses Jahr hat Pesa sich das Gebäude endlich angesehen. „Aber ich hatte immer noch das Gefühl, nicht wirklich willkommen zu sein. Ohne mein Stück hätte ich die Börse wohl noch nicht von innen gesehen.“

Geschichten über Annäherungen wie diese spielen eine zentrale Rolle bei über(W)unden. Man muss einander schließlich erst einmal erklären, wer man ist. So beschreibt Emmanuel Jal in seinen Rapsongs schier unvorstellbare Szenen, die er als Kindersoldat bei der sudanesischen Befreiungsarmee SPLA erlebt hat. Die Bilder des 28-jährigen Aboudia zeugen von der unmittelbaren Wucht, mit der er die bürgerkriegsartigen Zustände nach den Wahlen in der Elfenbeinküste erlebt hat. Und auch die Arbeiten von Dorcy Rugamba spiegeln die Erinnerungen an den Genozid in Ruanda auf eindringliche Weise.

Rugamba, der 1994 fast seine gesamte Familie verlor, beschäftigt sich unermüdlich mit Hintergründen und Folgen des Völkermords. Und dabei überrascht der Regisseur mit einem Interesse für deutsche Perspektiven. Vor einigen Jahren hat er Die Ermittlung von Peter Weiss mit ruandischen Schauspielern inszeniert – eine dokumentarische Aufarbeitung der Frankfurter Auschwitz-Prozesse. Und in Johannesburg begeistert er sich nun für eine Videoinstallation, die der deutsche Künstler Marcel Odenbach für die Konferenz aufgebaut hat. Denn die liefert abermals neue Perspektiven auf den Genozid in Ruanda.

Die unterschiedlichen Sprachen für das Unaussprechliche verstehen – dieses fast unmögliche Vorhaben war der Ausgangspunkt von über(W)unden. Die Gewissheit, dass in einer aufreibenden Woche wertvolle Anregungen dafür geliefert wurden, steht nun am Ende.

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