Goethe aktuell

Ein Appell: Europa ist mehr als nur Euroland

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Goethe-Präsident Lehmann: „Die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ist mehr denn je gefordert“ (Foto: Goethe-Institut)

15. Oktober 2011

Pleiten, Risiken, Hilflosigkeit: Täglich lassen uns derzeit die Nachrichten der Eurokrise ungläubig staunen. Doch es geht um mehr als eine Währung; die kulturelle Identität Europas steht auf dem Spiel. Wir brauchen ein Europa der Bürger, fordert Klaus-Dieter Lehmann.

An Goethes Geburtstag Ende August verlieh das Goethe-Institut in Weimar seine diesjährigen Medaillen an drei große Europäer, die für ein kulturelles und eigenverantwortetes Europa stehen, an Ariane Mnouchkine, John le Carré und Adam Michnik. Als Kontrastprogramm erleben wir derzeit den Takt der täglichen Nachrichten, beginnend mit der Öffnung der Börse in Tokyo, überleitend nach Frankfurt und London, endend mit New York, um in Tokyo wieder neu zu beginnen.

Der andere Taktgeber ist der Euro samt seiner Rettungsschirme, mal größer, mal kleiner, der Schuldenschnitt, die Risiken der europäischen Länder Griechenland, Italien, Portugal als Pleitestaaten, die Ansteckungsgefahr, die Hilflosigkeit der politischen Entscheidungsträger. Wir, also diejenigen, die diese Nachrichten tagtäglich erleben, stehen staunend oder ungläubig davor. Es ist ja nicht unbedingt unsere Welt.

Die weitgehend ökonomische Ausrichtung des Staatenverbundes EU als Währungsunion reicht offensichtlich nicht aus, um ein gemeinsames Bewusstsein zu entwickeln, das auch in Krisen belastbar ist. Solange der Zahlmeister zahlen konnte, war alles in Ordnung. Da musste man nicht groß über andere Lebensbereiche nachdenken, der Euro wird’s schon richten. Jetzt aber, beim möglichen Auseinanderbrechen des Eurolandes, erleben wir konkret die Schwäche des verbindenden Bandes Europa. Und da die Gefahren unmittelbarer Natur sind, bleibt auch wenig Zeit für größere Reformen. Erneut beschränkt man sich ausschließlich aufs Fiskalische und lässt politische oder gesellschaftspolitische Aspekte unbeachtet.

Vielleicht hängt dieses Denken mit unserem gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahre zusammen. Während das marktwirtschaftliche System früher meist nur ein Segment des Lebens betraf, nämlich die Produktion von Waren und Dienstleistungen, so erleben wir neuerdings im großen Stil Übersprungeffekte auf alle Lebensbereiche. Alles hat sich dem Prinzip des Nützlichen und Gewinnbringenden unterzuordnen. Jürgen Habermas spricht von einer Kolonialisierung der Lebenswelt. Man kann das sehen beim Sport, bei der Organisation der Freizeit, auch bei der Kultur, beim Quotendenken der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. In der Krise wird die politische Entscheidungsmöglichkeit zusätzlich durch die Verselbständigung von Sachzwängen ausgehebelt oder zumindest stark eingeschränkt. Das erleben wir derzeit in Europa.

Über die gemeinsamen Verträge, die Europäische Gemeinschaft, die Europäische Union ist bereits Historisches gelungen: die Entwicklung eines Raumes der Freiheit, der Sicherheit, des freien Personenverkehrs. Die Alten haben also ihre Geschichten. Aber was haben die Jungen? Wie schaffen wir heute eine bindende und emotionale Beziehung zu Europa, haben wir neue Geschichten zu erzählen? Die Europäische Union hat sich geografisch erheblich erweitert und auch den neuen Beitrittsländern Perspektiven gegeben. Aber in der politischen Weiterentwicklung ist man zögerlich. Und es bestehen weiterhin Demokratiedefizite.

Kultur als Teil und Mittel europäischer Prozesse

Kein Wunder, dass die nicht vorhandene Transparenz zu einer zunehmenden Abkehr der Bürger führt und das Gefühl eines von oben verordneten Europas entsteht. Es geht nicht um das Europa der Regierungen oder der Eliten, es geht um das Europa der Bürger. Hier setzt auch die Arbeit des Goethe-Instituts ein, als ein Akteur für Bildung, Kultur und zivilgesellschaftliche Aktivitäten. Europa ist auch und vor allem Kultur, ist und war immer ein Bildungsprojekt. Und Europa ist mehr als nur Euroland. Es geht um die politische Kraft der Kultur. Sie ist kein privater Spielplatz für Künstler und Intellektuelle, sie ist auch nicht der Grundstoff für die Kommerzialisierung, sondern die Grundlage unserer Gesellschaft, um offen zu sein und Neues zu denken. Für Deutschland als „Mittelland“ mit seinen neun Nachbarländern gilt das im Besonderen.

Die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ist mehr denn je gefordert, sich der Verantwortung für Europa als eines zusammengehörenden Kulturraums zu stellen. Die kulturelle Vielfalt soll sich mitteilen können, wechselseitig wirken und als Gegenstand des Wissens, der Wissenschaft und Bildung verstanden werden. Damit wird Kultur mehr als nur ein Sammelbegriff der Identität oder undeutlicher nationaler Empfindungen. Sie wird Teil und Mittel europäischer Prozesse.

Die Basis für die Auswärtige Kulturpolitik bleibt ihre Akzeptanz im eigenen Land. Nur wenn begriffen wird, dass Innen und Außen keine getrennten Welten mehr sind, lässt sich über aktiv gestaltete Beziehungen Kompetenz für Europa und letztlich für die Welt entwickeln. Ohne Nahkompetenz keine glaubhafte Fernkompetenz. Deshalb ist Europa mit seinem Reichtum an kulturellen Ausdrucksformen ein Fundus von Erkenntnissen und Erfahrungen, nicht für den Wettbewerb der Systeme, nicht für eine Instrumentalisierung durch die Politik, sondern für eine Lerngemeinschaft, die ein fantasievolles Gespräch mit und in der Welt ermöglicht.

Es gibt mehr als Nützlichkeit und Gewinnorientierung. Es gibt eine Verantwortung für einen gemeinsamen Kulturraum, der in seiner Freiheit, seiner Vielfalt und in der positiven Anerkennung seiner Unterschiede eine einzigartige Stärke Europas in der Welt ist. Damit kann man neue Geschichten schreiben. Dem, was der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher fordert, fühlt sich auch das Goethe-Institut verpflichtet: „Deutschland ist nicht nur eine führende Wirtschaftsnation, wir sind eine Kulturnation. Das allein verbietet eine Ökonomisierung des Deutschlandbildes in der Welt. Deshalb ist die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik mehr als schmückende Beigabe unserer Außenpolitik, und schon gar nicht ist sie eine ästhetische Form der Außenhandelsförderung.“

Klaus-Dieter Lehmann ist Präsident des Goethe-Instituts. Sein Beitrag erschien ursprünglich im „Tagesspiegel“ vom 12. Oktober 2011.

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