Goethe aktuell

Fotograf Florschuetz: Ausschneiden, zerlegen, weglassen

Copyright: Thomas Florschuetz, Courtesy: Galerie m Bochum
Ohne Titel (Palast) 56, 2006/07 (Foto: Thomas Florschuetz, Courtesy: Galerie m Bochum)

3. November 2011

Wer von Thomas Florschuetz‘ Bildern schnelle Antworten erwartet, ist ebenso schnell enttäuscht. Seine Architekturfotografien aus Berlin zeigen zunächst nicht viel. Zunächst. Von Arne Scheffler

Kein Zweifel, dem Palast der Republik ging es schon mal besser. Vor der Fensterfront steht etwas verloren ein Gerüst, Bauabfälle liegen herum, das Wasser sammelt sich in Pfützen auf dem Boden. Die Innenverkleidung ist größtenteils entfernt, in den Räumlichkeiten wirkt es dreckig und kahl. Als Thomas Florschuetz den ehemaligen Vorzeigebau der DDR Anfang 2006 mit seiner Kamera erkundet, ist von dem einstigen Prunkstück nicht mehr als eine Ruine geblieben.

Gut, könnte man sagen, so ist das eben, wenn ein Gebäude abgerissen wird. Dreck, Leerstand, Müll, was gibt es da schon groß zu sehen? Zu sehen gibt es jede Menge. Umso länger man Florschuetz‘ Serie der Palastbilder betrachtet, desto mehr kommt der Eindruck auf, dass hier nicht nur ein Bauwerk, sondern etwas viel Größeres seinem Ende entgegen geht. Die starken Kontraste und die besonders große Tiefenschärfe, die Florschuetz für seine Aufnahmen gewählt hat, erzeugen einen klaren und fast unerbittlichen Blick auf eine Szenerie, die trostloser kaum sein könnte. Da, wo früher einmal Fortschritt und Zukunft propagiert wurden, liegt jetzt nur noch Schutt. Im Tempel der Utopien, so mag man denken, rostet es an allen Ecken und Enden, die Fassaden der schönen neuen Welt sind eingerissen und jeder kann es sehen.

Copyright: Thomas Florschuetz
Fotostrecke: Bilder von der Baustelle


Nüchtern, ruhig und vielleicht auch ein wenig ratlos schaut der Betrachter auf die Überreste einer Illusion, auf die Überreste eines Experiments, auf die Überreste des alten Berlin (Ost). Ein fotografischer Abschied? „Warum Abschied“, fragt Florschuetz. Er, der selber aus der DDR stammt und seine ersten künstlerischen Schritte in deren Hauptstadt unternommen hat, denkt bei seinen Palastbildern eher an „Veränderung“. Baustellen, auch wenn sie wie vorliegend nur zum Abriss führen, sind für ihn Übergangssituationen oder Momente des Prozessualen.

Ähnlich verhält es sich mit Florschuetz‘ Serie Enclosure (Neues Museum). Auch hier geht es um eine Ruine, geht es um Veränderung, und auch hier ist zunächst nicht viel zu sehen: Wände, Säulen, Durchgänge und Fluchten. Und doch. Das Neue Museum, nach schweren Zerstörungen im Krieg fast vierzig Jahre lang am Verfallen, wird zu Zeit der Aufnahmen von Architekt David Chipperfield in einer Weise rekonstruiert, die so manch einem Freund der originalgetreuen Wiederherstellung gar nicht schmecken mag: Schäden am Gebäude werden von ihm nämlich nicht behoben, sondern im Gegenteil konserviert. Abgeplatzter Dekor, abgebrochene Vorsprünge, zum Vorschein kommender Ziegel, all das ist Programm. Man kann und man soll dem Neuen Museum anmerken, was es in den Jahren seines Bestehens durchgemacht hat – und Florschuetz schließt sich dem an.

Aus seinen Bildern wird deutlich: dieser Ort hat schon bessere, oder zumindest prächtigere Zeiten gesehen. Kratzer und Macken sind nicht zu bestreiten, doch anders als im Palast der Republik spricht aus ihnen nicht Niedergang oder verlorene Hoffnung. Sie stehen dem Bau vielmehr ganz gut zu Gesicht und verleihen ihm die berühmte Romantik des Verfalls. Die Veränderung hat im Neuen Museum etwas Positives, wofür auch die von Florschuetz wieder angedeutete Baustellensituation spricht. Sie zielt nicht auf Abriss, sondern auf Erhalt, die aus der Decke hängenden Kabel verweisen eher auf einen Neuanfang denn auf ein unmittelbar bevorstehendes Ende.

Ungeachtet der Frage, was auf Florschuetz‘ Bildern zu sehen ist, ihr Unterscheidungsmerkmal ist aber letztlich ihre formale Gestalt. Das Spiel mit Linien und Ausschnitten, Tiefenschärfe und Kontrasten beherrscht der gebürtige Zwickauer perfekt, so dass beim Neuen Museum mitunter der Eindruck aufkommt, der eigentlich dreidimensionale Raum sei ein zweidimensionales Tableau. Die Abstraktion springt dem Betrachter förmlich entgegen, doch darauf alleine kommt es Florschuetz nicht an. Ihm geht es auch um das Problem von Raum und Räumlichkeit, ein Problem, dem er sich durch bewusste Reduktion anzunähern versucht.

Mittendrin oder nur dabei?

Gesamtansichten sucht man beim Neuen Museum etwa vergebens, was stattdessen zählt, ist das Fragment. Florschuetz schneidet aus, zerlegt, lässt weg und trotzdem hat man das Gefühl, das Gebäude besser zu erkennen als in anderen, vermeintlich umfassenden Darstellungen. Woran das liegt? Zu denken wäre an die grundsätzliche Ausschnitthaftigkeit des menschlichen Blicks. Florschuetz überlegt: „Der menschliche Blick auf eine Situation ist an sich ja schon ein Ausschnitt aus einem größeren Geschehen. Der Blick durch die Kamera ist dann eigentlich noch einmal eine Fragmentierung dessen.“

Egal worauf man schaut, man sieht immer nur Fragmente. Für die Darstellung von Raum muss das aber nicht zwingend von Nachteil sein. Florschuetz sagt: „Interessant wird es, wenn man die Elemente, die diese Fragmentierung geschaffen haben, wieder zueinander stellt. Dann dynamisiert sich der Raum, den man weggelassen hat und es entstehen neue Linien in den nicht sichtbaren Raum hinein.“ Anders ausgedrückt: An den Rändern der Fragmente ist das Bild nicht zu Ende, sondern der weggelassene Raum wird zu einem Raum der Imagination. Er verdankt sich dem Fortdenken von Linien und dem Assoziationsvermögen des Betrachters und ist ihm vielleicht deswegen so vertraut.

Dass für Florschuetz‘ Bilder primär formale Kriterien ausschlaggebend sind, überrascht in jedem Fall nicht. Er stellt klar: „Würde ich mich nur auf das Dokumentarische konzentrieren, würde ich zu ganz anderen Schlussfolgerungen gelangen. Die formale Komponente macht und bestimmt für mich das Bild.“ Auf der Ebene des konkret Dargestellten darf man bei Florschuetz nicht stehen bleiben, was aber wohl diejenigen tun, die behaupten, es gebe bei ihm nicht viel zu sehen.
Nein, zu sehen gibt es einiges, es hängt nur davon ab, wie viel man sehen möchte. Sieht man nur Leerstand oder einen entblößten Palast? Sieht man nur Säulen oder eine Schönheit mit Schrammen? Ist man mittendrin statt nur dabei, mitten drin in diesem Ort und mitten drin in diesem Raum? Pauschale Antworten sind hier nicht möglich. Aber das ist gut so, denn Florschuetz‘ Bilder drängen sich dem Betrachter nicht auf. Jeder muss für sich selber entscheiden, was er auf ihnen sieht und genau das macht sie so interessant.

Im Rahmen der internationalen Messe für Fotografie Paris Photo präsentiert das Goethe-Institut Paris in Kooperation mit der Galerie m Bochum den Fotografen Thomas Florschuetz. Vom 11. November bis zum 21. Dezember 2011 ist dort unter dem Titel „Museumsinsel“ eine Auswahl aus den Serien „Enclosure (Neues Museum)“ und „Palastbilder“ zu sehen.
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