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Interview zur Griechenland-Krise: „Jetzt klauen sie uns auch noch die Sonne“

Odysseas Galinos PaparounisCopyright: Odysseas Galinos Paparounis
„Ein Maß an Irrationalität, das immer noch überrascht“: Demonstration im Oktober in Athen (Foto: Odysseas Galinos Paparounis)

14. November 2011

Griechenland steckt in der Krise. Und Rüdiger Bolz in Griechenland. Auf die Krise hat er deshalb seinen eigenen Blick. Im Interview erklärt der Leiter des Goethe-Instituts Athen das Europaverständnis der Griechen und warum sie zwar auf Merkel schimpfen, aber in immer größerer Zahl ins Goethe-Institut kommen.

Herr Bolz, was bekommen Sie derzeit in Athen zu hören, wenn Sie sich als Deutscher zu erkennen geben?

Zunächst bin ich gar nicht so leicht zu erkennen als Deutscher – und höre damit viel mehr, als wenn ich von vornherein kenntlich wäre. Aber generell kommt sehr häufig die Frage: Warum mögt ihr uns nicht mehr und was hat eigentlich eure Angela Merkel gegen uns?

Die Vorbehalte richten sich also gegen die deutsche Politik, nicht gegen das jeweilige deutsche Gegenüber?

Ich weiß durchaus von Fällen, wo deutsche Gäste oder Touristen, die sich wohlwollend auf ein Gespräch eingelassen haben, ziemlich aggressiv angegangen worden sind. Aber ich selber und das Institut haben das so noch nicht erlebt, ganz im Gegenteil: Sowohl unsere Veranstaltungen als auch unsere Sprachkurse werden so intensiv wahrgenommen wie eh und je, teilweise sogar noch stärker. Das mag auch daran liegen, dass insbesondere im kommerziellen Kulturbereich nur noch ganz wenig läuft und die Leute jetzt verstärkt Kulturangebote wahrnehmen, die nichts kosten. Ich kenne kaum noch Veranstalter und Produzenten, die irgendein Wagnis eingehen. Auch bei Veranstaltungen, bei denen normalerweise Monate im voraus keine Karten mehr zu bekommen sind, gibt es jetzt noch Karten an der Abendkasse. In der Oper werden jetzt fremde Aufführungen auf eine Leinwand übertragen, etwa aus Verona. Das wäre vor zwei Jahren noch undenkbar gewesen. Aber unsere Veranstaltungen waren selbst bei Generalstreiks bestens besucht.

Wie beeinflusst das Ihre Kooperationen im Kulturbereich?

Wir erfahren bittere Verhältnisse. Im Moment läuft die Biennale – ohne Geld. Die Helfer arbeiten ehrenamtlich, die Künstler nehmen große Abstriche in Kauf. Das spürt man sofort, man darf deshalb keine europäische Biennale, die unter Normalbedingungen stattfindet, als Vergleichsmaßstab heranziehen: Das, was hier unter den gegenwärtigen Bedingungen und nur durch eine enorme Selbstausbeutung der Beteiligten entstanden ist, reflektiert eben auch die Krise. Die griechischen Filmschaffenden produzieren keine Low-Budget-Filme, sondern regelrechte Very-Low-Budget-Filme für 200.000 bis 250.000 Euro. Seit 2010 ist auch noch die staatliche Filmförderung gestrichen worden. Die Handvoll Filme, die momentan in Griechenland entstehen, können nur produziert werden , weil die Verantwortlichen zum Beispiel ihre Wohnungen oder sonstigen Besitz verkaufen und alle Beteiligten – vom Kameramann bis zum Schauspieler – keine Gagen und kein Gehalt bekommen.

Welche Unterstützung kann das Goethe-Institut hier leisten?

Vor allem können wir Kontakte und Know-how vermitteln. So organisieren wir etwa Informationsveranstaltungen, bei denen wir die unterschiedlichen Filmförderungsinstrumente vorstellen, die es in Europa gibt.

Der Film ist ja sehr kostenintensiv, wie ist das bei anderen Sparten wie Theater und Musik? Wird da genauso improvisiert?

Es ist überall die gleiche Misere: So haben wir am Staatstheater noch ein Drittel der Neuinszenierungen von 2009. Es ist kein staatliches Geld mehr da, und auch von der Wirtschaft kommt nichts mehr.

Aus Spanien kennen wir den Trend, dass die Leute in der Not sagen: „Jetzt lerne ich Deutsch und versuche mein Glück in Deutschland.“ Ist das bei Ihnen ähnlich?

Diesen Trend gibt es. Gerade junge Menschen möchten ihre beruflichen Basisqualifikationen verbessern. Wir hatten vor allem im Sommer bei den Super-Intensivkursen einen deutlichen Anstieg der Anmeldungen. Im Moment verzeichnen wir ungefähr 5 bis 6 Prozent mehr als im Vorjahr. Hinter der Zukunft freilich stehen dicke Fragezeichen.

Besteht da nicht die Gefahr eines „brain drain“, wenn jetzt noch die gut ausgebildeten jungen Menschen Griechenland verlassen?

Die Gefahr besteht. Die Arbeitslosigkeit beträgt bei jungen Akademikern über 40 Prozent. Man hört entsprechende Überlegungen in jedem Gespräch. Ich kann das auch verstehen. Allerdings sehe ich es nur eingeschränkt als Gefahr: Jemand, der sich in einer schwierigen beruflichen Situation befindet und in Deutschland oder in anderen europäischen Ländern einen Job findet, der ist jedenfalls kein „Europa-Skeptiker“. Wenn in Griechenland etwas sehr auffällt, dann ist es nicht ein antideutsches Denkmuster, sondern es sind die antieuropäischen Denkmuster. Deutschland steht nicht nur, aber vor allem deshalb im Fokus, weil es die führende Wirtschaftsnation in der EU ist. Übrigens werden in einem wieder wettbewerbsfähigen Griechenland sowohl Griechen wie auch qualifizierte Nicht-Griechen sehr gern ihre Chance suchen.

Wie erleben Sie selbst die Stimmung im Land?

Ich bin ehrlich gesagt emotional ziemlich mitgenommen. Seit über zweieinhalb Jahrzehnten fühle ich mich dem Land eng verbunden. Der ökonomische und politische Niedergang prägt die öffentliche Stimmung wie das private Gespräch bei Tisch, und manchmal herrscht dabei auch ein Maß an Irrationalität, das selbst mich immer noch überrascht.

Woher kommt diese Verbundenheit?

Meine Frau ist Griechin, ich bin Teil ihrer kretischen Familie. Und nach insgesamt elfeinhalb Jahre an den Goethe-Instituten Thessaloniki und Athen haben wir einen Freundeskreis in ganz Griechenland.

Spielen die Medien in Griechenland eine ähnliche Rolle wie in Deutschland? Werden dort auch die beiden Staaten als Antagonisten in der aktuellen Krise dargestellt?

Da schenkt man sich nichts. So kann man fast täglich Darstellungen von Angela Merkel in SS-Uniform sehen. Und der Versuch deutscher Solarunternehmen, mit griechischen Partnern in Kontakt zu kommen, wird kommentiert mit: „Jetzt klauen sie uns auch noch die Sonne.“ Was aus meiner Sicht allerdings schlimmer ist, ist der Meinungskonformismus in Griechenland, der nicht zuletzt durch die Medien erzeugt worden ist. Was im privaten Kreis gedacht und artikuliert wird, bleibt am Arbeitsplatz eher unausgesprochen, etwa ein so schlichter Satz wie „Wir brauchen mehr Europa“. Die unablässige Beschreibung der EU als bevormundende Instanz, die Darstellung der europäischen Rettungspolitik als Erpressung in den Medien: das wiegt in meinen Augen viel schwerer als dämliche Karikaturen. Und manches Interview, gar in einer deutschen Talkshow – wir hatten Anfragen – wird abgelehnt mit der Begründung: „Ich kann nicht öffentlich sagen, was ich weiß und was ich denke.“

Gestehen sich die Griechen denn eine Mitschuld an der eigenen Krise ein?

Nun, der erste Satz lautet immer: „Wir wollen gar nicht bestreiten, dass wir volkswirtschaftlich über unsere Verhältnisse gelebt haben.“ Dann kommt im zweiten schon das „Aber“ und dass das Ausland Mitschuld trägt.

Was wirft man Deutschland, Frankreich, Europa vor?

Dass man zum Beispiel in Griechenland gute Geschäfte gemacht hat. Es geht um dieses nicht geklärte Verhältnis Griechenlands zu Europa. In Griechenland sagt man, wenn man nach Berlin, London oder Paris fliegt: „Ich fahre nach Europa.“ Die Sprache verrät es schon. Man fühlt sich nicht als Teil einer europäischen Verantwortungsgemeinschaft, sondern Europa war immer etwas Abstraktes. Daraus konnte man ganz gut Geld ziehen, aber nationale Souveränität will man nicht aufgeben. Vor 30 Jahren ist Griechenland der Europäischen Union beigetreten; vor 50 Jahren als erstes Land von der damaligen EWG assoziiert worden – auf deutsches Betreiben übrigens. An beide Jubiläen, wenn man sie so nennen will, erinnert allenfalls das Goethe-Institut, gefeiert wird mitnichten.

Was müsste passieren, damit das Land wieder auf die Beine kommt?

Die Reformen müssen dringend umgesetzt werden, damit wieder investiert wird. Ich würde als Unternehmer auch nicht investieren, wenn es keine Rechtssicherheit gibt. Ich glaube, dass die Übergangsregierung unter Lucas Papademos eine Chance bringt: Endlich gibt es nationalen Konsens darüber, dass man nicht in die nationale Katastrophe schlittern will, sondern die Auflagen, die mit dem Sparpaket verbunden sind, umgesetzt werden müssen, um auch endlich wieder die Voraussetzung für ein günstiges Investitionsklima zu schaffen und die Wirtschaft anzukurbeln.

Wenn Angela Merkel nächste Woche zum Staatsbesuch nach Athen käme, was würden Sie ihr raten?

Das steht in der momentanen Situation nicht an, die griechische Übergangsregierung ist gerade erst vereidigt. Wichtig wäre erneut eine hochrangige Wirtschaftsdelegation. Deutsche beziehungsweise europäische Spitzenmanager mit dem Willen zu investieren und der Offenheit, nicht nur den Finger in Wunden zu legen, sondern auch Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Vertrauen und die Bereitschaft, gemeinsam neue Wege zu wagen – starke Signale, Optimismus und konkrete wirtschaftliche wie kulturelle Projektarbeit braucht Griechenland.

Das Interview führte Christoph Mücher
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