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Kunstrevolutionär Sehgal: Die unerträgliche Überflüssigkeit des Materiellen

Justine KurlandCopyright: Justine Kurland
Künstler Sehgal: Fotografieren darf man nur ihn – nicht seine Kunst (Foto: Justine Kurland)

29. November 2011

Der Berliner Künstler Tino Sehgal bringt Bewegung ins Museum. Er lässt Aufseher singen und tanzen, zeigt Küsse in Zeitlupe und verwickelt Besucher in philosophische Debatten. Von Mirko Heinemann

Ein Kunstwerk von Tino Sehgal lässt sich durchaus betrachten. Aber es reagiert auf den Betrachter. Der erste Eindruck von This Situation etwa besteht aus einem Raum mit leeren Wänden, darin befindet sich eine Gruppe von Menschen. Sie bewegen sich langsam und diskutieren miteinander. Kommt der Besucher näher, wird er im Chor mit den Worten begrüßt: „Welcome to this Situation“. Ein Mitglied der Gruppe zitiert den Satz eines Denkers der Philosophie oder Wirtschaft, Karl Marx oder Jean-Jacques Rousseau. Eine neue Diskussion entbrennt. Der Besucher ist mittendrin. Und soll mitdebattieren: „Wie denken Sie darüber?“

So oder ähnlich funktioniert die Arbeit This Situation, die sich derzeit auf Tournee durch Goethe-Institute in Osteuropa und Südasien befindet. Ihr Erschaffer ist 35 Jahre alt und schon ein Weltstar: Tino Sehgal stellte auf der Venedig-Biennale aus, auf der Frieze Art in London, auf der Manifesta in Frankfurt, auf der Biennale in Moskau. Zum 50. Geburtstag des New Yorker Guggenheim-Museums hängte er alle darin ausgestellten Kunstwerke ab, um in den Räumen eigene Arbeiten zu zeigen: über hundert Darsteller, die Besucher in philosophische Diskussionen verwickelten. Dazu The Kiss, ein Paar, das sich in Zeitlupe küsst. Die New Yorker Kunstkritik zeigte sich entzückt.

Jetzt sitzt er mit leicht verwuscheltem Haar im Goethe-Institut und reibt sich nachdenklich das Kinn, als er gefragt wird, warum er keine Fotos oder Filmaufnahmen von seiner Arbeit erlaubt: „Der Kern meiner Arbeit ist das Situative“, sagt er. „Man muss selbst daran teilnehmen.“ Im Gegensatz zu der in Stein gehauenen oder auf Leinwand gebannten Kunst von Bildhauern oder Malern mögen seine Arbeiten vergänglich sein, seine Idee ist es nicht. Tino Sehgal gilt als Begründer einer neuen, „immateriellen“ Kunstform. Man mag seine Arbeit in einer gemeinsamen Tradition mit dem Situationismus und den Happenings der Fünfziger- und Sechzigerjahre sehen; sein Gedankengut macht ihn zum Revolutionär. Objekte findet Tino Sehgal nämlich überflüssig: „Wir wollen von den materiellen Dingen etwas Immaterielles“, sagt er. „Warum also den Umweg über das Objekt gehen?“

In der Kunstwelt der westlichen Hemisphäre ist Tino Sehgal bereits bekannt. Nun stellt das Goethe-Institut seine Arbeit dem Publikum in Osteuropa und Südasien vor. Noch bis Mitte Dezember ist seine Arbeit This Situation auf Tour über Teheran, Mumbai, Bangalore bis nach Neu Delhi, wo ein großer Teil seiner weit verzweigten Verwandtschaft lebt: Sein Vater ist Inder, seine Mutter Deutsche. Er wuchs in international geprägten Städten auf, in London, Paris, Düsseldorf. Heute lebt Tino Sehgal in Berlin, wo er ein Wirtschaftsstudium absolvierte, dazu kam eine Ausbildung in Tanz, an der Folkwang-Schule Essen. Zwei völlig unterschiedliche Bereiche, die er kongenial in seine Arbeit integriert.

Entspannt durch Sibirien

Unkonventionell, geprägt durch leise Ironie, so ist sein Verhältnis zur Kunstwelt. In einer Arbeit, die im deutschen Pavillon der Venedig-Biennale 2005 gezeigt wurde, ließ Tino Sehgal Museumswärter um die Besucher herumtanzen und singen: „Oh, this is so contemporary“, „es ist so zeitgenössisch!“ Der Auftritt erhielt nicht nur positive Resonanz. Kritiker monierten mangelnden Hintersinn, andere bezeichneten sie als „Scharlatanerie“. Doch sie war Tino Sehgals Durchbruch.

Wer eine seiner Arbeiten kaufen will, erhält – nichts. Keinen Vertrag, nicht einmal ein Skript. Er muss sich mit einer mündlichen Vereinbarung zufrieden geben, und er muss Darsteller beschäftigen, die vom Künstler instruiert und autorisiert werden, die jeweilige Arbeit zu inszenieren. Um die Umwelt zu schonen, hat Tino Sehgal für sich entschieden, keine Flugzeuge zu benutzen. Für viele international tätige Künstler wäre dieses selbst auferlegte Handicap ein riesiges Problem. Tino Sehgal betont stattdessen das Entspannende einer Reise mit dem Zug durch Sibirien, man könne wunderbar an neuen Ideen arbeiten. Zu seiner Guggenheim-Schau in New York fuhr er mit dem Schiff, mitsamt Frau und Kind.

Die Reise von This Situation nach Indien findet ohne den Künstler statt. Vier seiner Mitarbeiter bilden die Interpreten vor Ort aus und achten auf die Umsetzung. Tino Sehgal muss die Kontrolle über sein Werk abgeben, was ambivalente Gefühle in ihm auslöst. Sicher, räumt er ein, im Rahmen der Debatten könne etwas gesagt werden, hinter dem er nicht stehe: „Persönlich mag ich das schwierig finden. Als Künstler finde ich es sehr interessant.“

Von Berlin aus hält er Kontakt zu seinen Mitarbeitern und nimmt an Videokonferenzen teil. Zugleich tüftelt er an seiner nächsten Arbeit. Im Sommer nächsten Jahres wird er sie in der Tate Gallery in London präsentieren, im Rahmen einer Einzelausstellung, die ebenfalls vom Goethe-Institut gefördert wird. Was dort zu sehen sein wird? Tino Sehgal lacht, verweist auf seine Schweigepflicht – und gibt kein einziges Detail preis. Werbung braucht der Künstler nicht. Wo immer Arbeiten von Tino Sehgal zu erleben sind, sprechen sie für ihn.

„This Situation“ auf Tour: Oktober 2011 in Belgrad, Ankara, Tiflis, November 2011 in Teheran, Dezember 2011 in Mumbai, Bangalore, Kolkata, New Delhi; und vom 17. Juli bis 28. Oktober 2012: Tino Sehgal in der Turbine-Hall, Tate Modern, London.
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