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Samar Martha im Interview: „Es muss auch unsere Sicht der Dinge dargestellt werden“

Thomas HaselCopyright: Thomas Hasel
Kuratorin Martha in Berlin: „Wir hoffen, dass sich Pilger künftig nicht nur die Geburtskirche ansehen“ (Foto: Thomas Hasel)

22. Dezember 2011

Samar Martha soll in Bethlehem ein Museum der Palästinensischen Erzählungen gestalten. Ein solches Museum sei dringend nötig, sagt die Kuratorin im Interview. Doch wie die palästinensische Perspektive auf die Geschichte aussehen soll, das ist auch in ihrer Heimat umstritten.

Frau Martha, was verbirgt sich hinter der Idee für das Museum der Palästinensischen Erzählungen?

Martha: In dem Museum soll die Geschichte der Palästinenser erzählt werden, sowohl die Geschichte unserer Kultur, unserer Gesellschaft, als auch die politische Geschichte von der Zeit um Jesu Geburt bis heute. Das Museum soll in einem bereits bestehenden Gebäude in unmittelbarer Nähe zur Geburtskirche in Bethlehem untergebracht werden und sowohl archäologische Funde enthalten, als auch mit multimedialen Mitteln arbeiten, etwa Filmen, die die Geschichte der Palästinenser erzählen. Eine andere Idee ist, internationale Künstler einzuladen, um Kunstwerke zu schaffen, die bestimmte Ereignisse der palästinensischen Geschichte aufgreifen.

Gibt es bestimmte geschichtliche Schwerpunkte, die Sie setzen wollen?

Wir stehen mit der Konzeption noch ziemlich am Anfang. Aber ein wichtiges Thema wird sicherlich das der palästinensischen Flüchtlinge seit 1948 sein, weil das unser Selbstverständnis sehr geprägt hat. Eine Idee ist, Menschen, die 1948 aus dem Gebiet des heutigen Israel geflohen sind und heute im Westjordanland, dem Gaza-Streifen oder im Ausland leben, in Video-Interviews von ihren Erlebnissen erzählen zu lassen. Aber ich möchte auch jüngere geschichtliche Ereignisse beleuchten, etwa die Intifada oder die Auseinandersetzungen zwischen Fatah und Hamas in den vergangenen Jahren.

Sind diese Themen unter den Palästinensern nicht ziemlich umstritten?

Das sind sie. Und deshalb muss ich von Anfang an alle Politiker, die etwas zu entscheiden haben, in die Konzeption involvieren. Es ist natürlich eine wichtige Frage, wer über die Geschichten entscheidet, die erzählt werden sollen. Wir haben viele Diskussionsgruppen gegründet, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen. Außerdem muss die Unesco, die das Projekt unterstützt, von unserem Konzept überzeugt werden und das Peace Center, in dessen Gebäude es untergebracht werden soll.

Weshalb sind Sie überhaupt auf die Idee dieses Museums gekommen?

Aus einem einfachen Grund: Weil es so ein Museum bei uns bisher nicht gibt. Der Blick auf die palästinensische Kultur und Geschichte ist international sehr von der israelischen Sichtweise geprägt. Dem wollen wir gerne ein Museum entgegensetzen, das eine palästinensische Perspektive einnimmt. Ob ein Museum allein die internationale Wahrnehmung verändern kann, weiß ich zwar nicht, aber es ist ein Anfang. Wir hoffen aber natürlich, dass in Zukunft Pilger und Touristen aus aller Welt, die nach Bethlehem kommen, sich nicht nur die weltberühmte Geburtskirche ansehen, sondern auch unser Museum gegenüber.

In Israel ist sehr umstritten, ob es eine palästinensische Sichtweise auf die Geschichte, die sich von der israelischen unterscheidet, geben kann. Kritiker sagen, das Beharren auf unterschiedlichen Versionen helfe nicht, die Kluft zwischen Israel und Palästina zu überwinden.

So ein Argument finde ich merkwürdig, da es natürlich unterschiedliche Blickwinkel auf geschichtliche Prozesse geben kann, gerade in Konflikten. Es ist an der Zeit, dass auch unsere Sicht der Dinge dargestellt und betrachtet wird. Aber das ist keine einzige, eindeutige Sicht, sondern es gibt auch unter Palästinensern viele Geschichten und Perspektiven, auf das, was in den vergangenen 60, 70 Jahren geschehen ist.

Haben Sie vor, auch israelische Künstler oder Wissenschaftler bei der Konzeption des Museums einzubinden?

Wenn sie sich selbst kritisch mit der israelischen Geschichte auseinandersetzen, dann ja. Ansonsten haben wir mit den israelischen Behörden viele Probleme, etwa, weil sie Künstler, die wir zu uns einladen, nicht einreisen lassen. Auch werden Kunstwerke, die im Ausland geschaffen wurden, nicht in die palästinensischen Gebiete gelassen. Und es wird für Palästinenser, die in anderen arabischen Ländern oder im Rest der Welt leben, fast unmöglich sein, unser Museum zu besuchen, da sie nicht über die israelischen Grenzen kommen. Deshalb wird in unserem Museumskonzept der virtuelle Raum, also die Website des Museums im Internet, sehr wichtig sein. Viele von den 10 Millionen Palästinensern in der ganzen Welt werden unser Museum nur über unsere Website besuchen können.

Im Konflikt zwischen Palästinensern und Israel ging Gewalt nicht nur von der israelischen Seite aus. Wird die palästinensische Gewalt auch thematisiert?

Wir werden uns bemühen, viele Seiten zu zeigen. Aber jedes nationale Museum hat eine bestimmte, begrenzte Sichtweise. Das ist auf der ganzen Welt so, vielleicht mit der Ausnahme von Deutschland, wo man sich in den Museen sehr kritisch mit der eigenen Geschichte auseinandersetzt. Doch bei uns geht es in erster Linie darum, so etwas wie eine palästinensische Identität darzustellen. Auch unseren Kindern, bei denen wir überhaupt ein klareres Bewusstsein für die eigene Herkunft vermitteln müssen. Die jungen Palästinenser sollen stolz auf ihre Identität sein und daran glauben, dass es so etwas wie Palästina geben kann, auch wenn kaum noch jemand daran glaubt. Viele Menschen bei uns haben keine Hoffnung mehr. Vielleicht kann das Museum den Menschen ein wenig von ihrer Hoffnung zurückgeben.

Haben Sie Hoffnung, dass es bald einen palästinensischen Staat geben wird?

Nicht mehr in meinem Leben.

Die Fragen stellte Thomas Hasel

Die international tätige palästinensische Kuratorin Samar Martha, Jahrgang 1970, war Ende November in Berlin, um sich über museumspädagogische Konzepte und den Einsatz neuer Medien in Museen zu informieren. Sie wurde vom Besucherprogramm des Goethe-Instituts betreut.

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