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Deutschland liest Comics: Die Welt in einer Sprechblase

ReproduktCopyright: Reprodukt Verlag
200 Seiten randvoll mit Bleistiftzeichnungen - die Graphic Novel „Gift“ von Barbara Yelin und Autor Peer Meter ist bei Reprodukt erschienen

11. Januar 2012

Sie sprühen nur so vor Zeichenkraft, Fabulierlust und künstlerischem Anspruch: die „neuen“ Comics. Jetzt kommt auch Deutschland auf den Geschmack. Dabei gibt es hier schon längst eine ästhetische Comic-Kultur – wir haben sie nur nicht bemerkt. Von Daniela Gollob

Die Feuilleton-Redaktionen sind begeistert. Ob Das Fräulein von Scuderi, Faust oder Dantes Göttliche Komödie – regelmäßig setzen Neuerscheinungen auf dem Comic-Markt literarische Klassiker neu in Szene. Der ambitionierte Historien-Comic Gift etwa beschwöre um die Serienmörderin Gesche Gottfried „eine Atmosphäre des universalen Grusels“ herauf, schwärmt die Welt. Das Genre boomt. Auch große Verlage wie Fischer, Rowohlt und Suhrkamp haben ihm inzwischen die Tür geöffnet. Und Jens Harders Evolutionsgeschichte Alpha Directions wurde als „Urknall des Sachcomics“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) gefeiert. Deutschland liest Comics – oder Graphic Novels, wie sich die anspruchsvollen Hardcover-Varianten meist nennen.

Zeichnung von Ulf K: Um seinem kafkaesken Arbeitsalltag zu entfliehen, träumt sich Hieronymus B. in surreale Welten
Das ist auch höchste Zeit. Denn eine eigenständige Comic-Kultur gibt es hierzulande nicht erst seit gestern. In seinem Essay Der deutsche Comic ist wieder da sieht der Journalist und Comic-Experte Andreas Platthaus den Beginn der Comic-Renaissance schon in der Wiedervereinigung Deutschlands: „Aus einer Ost-Berliner Zeichner-Gruppe erwuchs eine neue deutsche Comic-Avantgarde, die das Augenmerk auf ästhetische Aspekte richtet.“ Sein Essay ist im Katalog der Wanderausstellung Comic, Manga & Co. Die neue deutsche Comickultur erschienen, die vom Goethe-Institut und Kurator Matthias Schneider konzipiert wurde.

Dass das Genre in Deutschland erst seit ein, zwei Jahren das Interesse der lesenden Bevölkerung auf sich zieht, hängt mit einem Generationswandel zusammen. Seitdem die Avantgarde von 1990 „Lehrstühle an den Kunsthochschulen erhalten hat, ist in Deutschland endlich ein comicfreundliches Klima an den Universitäten entstanden, das generell das Erzählen in Bildern begünstigt“, erklärt Platthaus.

Neu gegründete, innovationsfreudige Comic-Verlage wie Reprodukt und Edition 52 haben sich angeschlossen. Der Comic ist salonfähig geworden – und sein Publikum erwachsen: „Viele, die mit Comics aufgewachsen sind und erkannt haben, dass in diesem Genre jede Menge Potenzial steckt, sitzen jetzt in den Büros der großen Verlage und Redaktionen von Tageszeitungen“, sagt Ulf Keyenburg alias Ulf K, der seit mehr als 15 Jahren Comics zeichnet.


Großes Goethe-Dossier: Deutschsprachige Comics

Kenner der internationalen Comic-Landschaft bezeichnen Deutschland aber noch immer als „Comic-Entwicklungsland“. „Viele Zeichner, vor allem die inhaltlich anspruchsvollsten, haben es im Ausland und da vor allem in Frankreich weitaus leichter als in ihrer Heimat“, sagt Platthaus. Wie auch Barbara Yelin und Jens Harder hat Ulf K im Nachbarland sehr viel mehr publiziert als in Deutschland selbst: „Die Szene dort ist eine ganz andere, das Publikum ein größeres und die Bereitschaft französischer Verlage, deutsche Comics im Programm aufzunehmen, ist da.“ Er hatte Glück. Andere produzieren ihre Arbeiten in Eigenregie – und zwar nach dem Feierabend, denn ihr Geld verdienen sie mit Illustrationen für Werbung und Schulbücher.

Auch das Goethe-Institut beschäftigt sich schon längst mit dem Thema Comics. Im Online-Dossier Deutschsprachige Comics lassen sich beispielsweise 55 Künstler, angesagte ebenso wie im Verborgenen schlummernde, in ihre Arbeiten blicken. Sie erzählen von persönlicher Reflexion, unerwiderter Liebe und surrealen Welten. Andere nehmen es mit den großen Dichtern und Denkern, komplexen Sachthemen und Pubertätssorgen auf. Mal mit klassischen Sprechblasen, dann mit längeren Textpassagen und unterschiedlichen Zeichenstilen. Comic-Experten kommen zu Wort und informieren über Tendenzen der letzten Jahrzehnte, neue Richtungen, Publikumsrenner und „Newcomer“.

Gezeichnete Revolutionsgeschichte

Die Website liegt inzwischen in zehn Sprachen vor. Das Goethe-Institut geht mit den Zeichnungen deutscher Comic-Künstler auch auf Tour, bietet Workshops an und fördert den Austausch mit Comic-Zeichnern aus anderen Szenen: darunter der ägytischen, belgischen, italienischen, südostasiatischen oder tschechischen. Zukunftsorientiert geht es in der „Morgenstadt“ zu: 17 Comiczeichner aus Deutschland, Japan, Südkorea, Taiwan und China bringen Ideen zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit auf das Papier. Und in Schweden paukt man deutsche Grammatik mit Bildergeschichten.

Ein außergewöhnliches Experiment wagten Barbara Yelin und das Goethe-Institut Kairo. Fünf Wochen war die Berliner Comic-Zeichnerin im September und Oktober 2011 vor Ort, um die Stimmung in Kairo kurz vor den Wahlen aufzuzeichnen. Ihre „oftmals kleinen Beobachtungen“ – wie sie selbst sagt – hat sie im „Comic-Reisejournal Kairo“ zusammengefasst: „Interessant ist das sicherlich für diejenigen, die wie ich vorher auch Kairo nur aus den Nachrichten kennen. Denn wie das Leben und der Alltag der Menschen dort wirklich sind, sieht man darin selten.“

Was würde Goethe zu all dem sagen? Vermutlich würde er die Künstler ermutigen – so wie damals 1831 den Genfer Schulmeister Rodolphe Töpffer. Der fuhr daraufhin fort, seine kleinen Bildgeschichten zu publizieren und begründete letztendlich eine Tradition, in der sich später auch Wilhelm Busch und schließlich die Comics des 20. Jahrhunderts wiederfanden.
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