Thailand: Rette Buch, wer kann!

Auch Bücher wurden Opfer der Fluten – hier in einer Bibliothek in Bangkok (Foto: Sittidech Nuhoung)
17. Januar 2012
Der Schimmel wuchert bereits auf den Einbänden und zwischen den Seiten. Zehntausende zum Teil wertvolle Bücher wurden beschädigt, als das Wasser bei den Überschwemmungen in Thailand auch in die Bibliotheken drang. Experten aus Leipzig wissen, was jetzt zu tun ist. Von Christiane Oelrich
Modergeruch steigt schon auf der Treppe nach unten in die Nase. Der Keller der buddhistischen Maha Chulalongkorn-Universität in Ayutthaya nördlich von Bangkok hat unter Wasser gestanden. An der Wand zeigt eine braune Linie, bis wohin das Wasser reichte: etwa 1,50 Meter. Hier war die Bibliothek untergebracht – bis zu den großen Überschwemmungen, die Thailand seit August heimgesucht haben. Die Mönche brachten viele der 200.000 Bücher nach oben. Alles schafften sie nicht. Wie die Bibliothek in Ayutthaya sind zahlreiche Bibliotheken in den verheerenden Überschwemmungen im Oktober und November schwer beschädigt worden.
Manfred Anders vom Zentrum für Bucherhaltung (ZfB) in Leipzig reißt erst mal die Fenster auf. „Hier muss Luft rein, sonst ist das wie ein Brutkasten für den Schimmel“, sagt er. Der Direktor der Bibliothek, Maha Srithon Samajaro, nickt. Er steht fast ein bisschen verloren zwischen hunderten teils nassen, schimmelnden Büchern. Die Uni ist mehr als 100 Jahre alt, wie viele Bücher es aus welchen Jahren gibt, weiß er nicht.
Anders ist mit Oliver Messerschmidt und der Restauratorin Jana Moczarski auf Initiative des Goethe-Instituts gekommen, weil Not am Mann ist. Niemand in Ayutthaya weiß, wie aufgeweichte und angeschimmelte wertvolle Bücher noch gerettet werden können. Doch die Experten aus Leipzig sind in ihrem Element. Das ZfB gehört zum Besten, was Deutschland auf dem Gebiet der Buchrettung zu bieten hat.
Das Unternehmen entstand in den Neunzigerjahren aus einer Abteilung der Deutschen Bücherei. Es ist spezialisiert auf Entsäuerung, Entschimmelung sowie Katastrophen. Wie das Hochwasser an der Elbe 2002, als zehntausende Bücher nass wurden. Oder der Brand in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek 2004 in Weimar, wo tausende Bände durch Löschwasser beschädigt wurden. Beim Einbruch des Kölner Stadtarchivs sackte 2009 die Bibliothek teilweise ins Grundwasser. Überall war das ZfB im Einsatz.
„Viele Leute sind noch im Schock“: Die Experten Anders, Messerschmidt und Moczarski im Einsatz (Foto: Sittidech Nuhoung)
Anders nimmt ein paar alte Bücher aus einem Plastiksack. „Das ist Gift für die Bücher“, sagt er. „Das muss sofort an die Luft.“ Maha Srithon Samajaro nickt. „Heute noch“, sagt Anders nachdrücklich. Die deutsche Dringlichkeit verpufft ein bisschen. „Viele Leute sind wie erstarrt und noch im Schock“, sagt Anders. Die ZfBler waren schon in der Privatbibliothek des Schriftstellers Suchart Sawatsi bei Bangkok. Dessen 50.000 Bücher standen fast alle unter Wasser. Inzwischen ist das Wasser weg, aber den Experten bot sich ein Bild des Chaos.
„Da lagen Bücher auf dem Boden, die schon zu Brei verfallen waren“, sagt Anders. „Die obersten Regale blieben trocken, das hätte längst fortgeräumt werden müssen“, sagt er. „Schimmel ist wie eine Krankheit, ein Buch steckt das andere an.“ Das ZfB hat zehn der wertvollsten Bücher mitgenommen. Sie sind jetzt tiefgefroren und sollen in Leipzig gefriergetrocknet und gammabestrahlt werden – die beste Methode, um wertvolle Schriften wiederherzustellen. Aber teuer: Das Verfahren kann 35 Euro pro Kilogramm Papier kosten.
Die Uni in Ayutthaya hat zu dem Besuch aus Deutschland Bibliothekare aus der ganzen Region eingeladen. Die Experten demonstrieren in einem oberen Stockwerk, was zu tun ist. „Wenn die Bücher verbogen getrocknet sind, wieder nass machen und glätten“, sagt Moczarski und kippt zum ersten Schreck der Zuhörer Wasser über ein altes Buch. „Den Schimmel kann man mit hochprozentigem Alkohol abtupfen“, sagt sie. Moczarski trägt einen Mundschutz und Handschuhe. Schimmel ist gefährlich. Er kann Asthma und schwere Lungenkrankheiten auslösen. Nach dem Glätten käme eigentlich die Gefriertrocknung. „Was kostet die Maschine?“ fragt einer. „400.000 Euro“, sagt Anders.
An der Luft trocknen ist schlecht, weil die Seiten verkleben und der Schimmel weiter wächst. Trotzdem ist das für viele in Thailand die einzige Möglichkeit. „Dann müsst ihr die Bücher jeden Tag wenden und später immer wieder durchblättern, damit Luft rein kann“, sagt Anders. „Ganz verschimmelte Bände sofort wegschmeißen, sonst breitet der Schimmel sich aus.“ Die Mönche nicken und scherzen über die Wiedergeburt des Schimmels.
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„Schimmel ist wie ein Krankheit“: Ein Buch auf dem OP-Tisch (Foto: Sittidech Nuhoung)










