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Terror in Nigeria: „Wir wussten nicht, wo die nächste Bombe hochgeht“

Copyright: Frank Roger
Die Stadt Kano vom Dala Hill gesehen (Foto: Frank Roger)

30. Januar 2012

Im Norden Nigerias eskaliert der Terror. Als jüngst in der Metropole Kano fast 200 Menschen bei Anschlägen ums Leben kamen, war Frank Roger nur einen Kilometer entfernt. Im Interview erzählt der Goethe-Mitarbeiter von seinem Schock und einem reichen Land mit armseligen Aussichten.

Ein großangelegter Terrorangriff der radikal-islamischen Vereinigung Boko Haram hat am 20. Januar die nordnigerianische Metropole Kano erschüttert. Fast 200 Menschen starben. Herr Roger, Sie leiten die Außenstelle des Goethe-Instituts in Kano und waren in der Stadt. Was haben Sie von den Anschlägen mitbekommen?

Roger: Ich war zu dem Zeitpunkt in einem ruhigeren Teil der Stadt unterwegs und habe die ersten Explosionen nicht gehört, wurde aber sofort über Anrufe und SMS von Freunden informiert. Ich habe mich dann mit dem Auto auf den Weg nach Hause gemacht und steckte auch gleich im Stau. Erstaunt war ich, wie die Menschen trotz Panik reagiert haben: Normalerweise ist der Verkehr sehr chaotisch, an dem Tag aber waren die Autofahrer rücksichtsvoll. Während ich im Auto saß, hörte ich in der Nähe eine Bombe explodieren, vielleicht einen Kilometer entfernt. Die Explosion war so laut, das ging richtig durch den Magen. Alle Autos vibrierten. Das Nervenaufreibende war: Wir konnten ja nicht weg – und wussten nicht, wo die nächste Bombe hochgehen würde.

Hatten Sie Angst?

Ich habe mich auf der Straße noch nie so unsicher und verletzbar gefühlt. Als ich am frühen Abend zu Hause angekommen war, habe ich mich sofort mit meinen Nachbarn ausgetauscht und versucht, Freunde und Kollegen telefonisch zu erreichen. Die Explosionen und vor allem die Schießereien dauerten noch mehrere Stunden.

Wo sind Sie jetzt? Geht es Ihnen und Ihren Mitarbeitern gut?

Mittlerweile bin ich in Lagos. Ich bin sicher angekommen und war sofort erleichtert. Es ist schön, jetzt hier in Lagos zu sein. Allen meinen Freunden und Kollegen in Kano geht es gut. Aber es war schwierig für mich, sie dort zurückzulassen.

Sind Sie in Lagos in Sicherheit?

Momentan fühle ich mich hier nicht gefährdet. Aber es gibt schon auch Befürchtungen, dass die Gewaltwelle eines Tages den Südteil des Landes erreichen könnte.

Ist man als Deutscher und Europäer in besonderem Maße Zielscheibe?

Inzwischen wohl schon. Am Donnerstag wurde in Kano ein deutscher Bauingenieur entführt. Es ist noch nicht ganz klar, von wem. Bis jetzt hatte ich nicht das Gefühl, dass Weiße im Norden besonders im Fadenkreuz stehen, das war eigentlich ein auf die Ölgebiete im Nigerdelta begrenztes Problem, aber darauf würde ich jetzt nicht mehr vertrauen.

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Das Verbindungsbüro in Kano (Foto: Frank Roger)


Was bedeuten die Anschläge für Ihre Arbeit in Kano?


Wir haben am Montag nach den Anschlägen das Institut geschlossen, weil wir die Sicherheit für unsere Gäste nicht mehr garantieren konnten. Dabei wird es leider fürs Erste bleiben müssen.

Was wissen Sie über die Hintergründe der Tat?

Es sind tausende Gerüchte im Umlauf, und die Bevölkerung ist sehr nervös. Es ist bekannt, dass die islamistische Vereinigung Boko Haram, die vorher eher im Nordosten tätig war, hinter den Anschlägen steckt. Die nahezu simultan an mindestens sechs Orten in der Stadt verübten Anschläge waren sehr gut koordiniert und müssen lange vorher geplant worden sein, das war von einer neuen Qualität. Die Attentäter trugen Polizeiuniformen, als sie Polizeistationen gestürmt haben. Deswegen war auch die Opferzahl so groß, denn die Verwirrung war perfekt. Ansonsten weiß man noch sehr wenig. Die Lage ist unübersichtlich. Es gibt viele Fragen, die zu klären sind: Wie kommen die Islamisten an Uniformen, Waffen und Munition? Wer bildet sie aus? Da ist viel Geld im Spiel. Wer sind die Sponsoren?

Hatten Sie mit Attentaten gerechnet?

Es gab immer wieder Warnungen, auch für Kano. Aber niemand hat sie wirklich ernst genommen. Deshalb war es doch ein ziemlicher Schock.

Sind die Anschläge ein Zeichen dafür, dass Boko Harams Macht wächst?

Ja, den Eindruck bekommt man. Die Regierung scheint überhaupt kein Konzept zu haben, wie man diese Gewalt in den Griff kriegen kann; das ist das Schlimmste an der Sache. Es gibt keine erkennbare Strategie.

Welche Rolle spielt denn Präsident Jonathan Goodluck dabei?

Generell ist in Nigeria die Einstellung weit verbreitet, dass von der Regierung nicht viel zu erwarten ist. Nigeria ist aufgrund der Ölvorkommen ein sehr reiches Land, aber die Infrastruktur ist in einem miserablen Zustand: Die Eisenbahnlinien liegen brach; die Strom- und oft auch die Wasserversorgung ist eine Katastrophe. Nigeria ist von der Einwohnerzahl her das größte Land in Afrika, und keine der Regierungen – egal ob Militärregierung oder demokratisch gewählt – hat es bisher geschafft, diese Probleme zu bewältigen.

Wogegen richtet sich die Gewalt Boko Harams?

Gegen den Staat. Zu Weihnachten gab es zwar auch Anschläge auf Kirchen, aber diesmal waren staatliche Einrichtungen das Ziel. Und dort sind die meisten Mitarbeiter Muslime. Seit 2000 gibt es in den nördlichen Bundesstaaten die Scharia als Rechtssystem, aber den radikalen Islamisten geht deren Umsetzung nicht weit genug. Als die Scharia eingeführt wurde, hofften die Menschen, dass dadurch die Korruption eingedämmt werden würde. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Die Führer Boko Harams wollen die korrupte Elite beseitigen. Viele Menschen unterstützten dieses Vorhaben, darunter auch Intellektuelle. Aber mit den Anschlägen wurde eine Schwelle überschritten. Ich glaube nicht, dass sich die Gruppe dadurch einen Gefallen getan hat. Die meisten Opfer in Kano waren Muslime. Boko Haram steht nun unter Druck und versucht jetzt, vor der muslimischen Anhängerschaft ihre Taten zu rechtfertigen, wie die jüngsten im Internet verbreiteten Botschaften zeigen.

Korruption, Misswirtschaft, Terror – gibt es überhaupt noch Hoffnung für Nigeria?

Eigentlich gab es viel Hoffnung. Eine Woche vor den Anschlägen haben die Menschen in vielen Städten sechs Tage lang gestreikt. Sie haben friedlich gegen die Benzinpreiserhöhungen protestiert. Am 1. Januar hatte die Regierung die Benzinpreissubventionen abgeschafft, sodass ein Liter plötzlich mehr als doppelt so viel kostete und für die meisten Nigerianer unerschwinglich wurde. Alle anderen Preise für Lebensmittel und generell alle Güter, die zu den Märkten transportiert werden müssen, gingen sofort in die Höhe, das gleiche galt für Fahrpreise für öffentliche Verkehrsmittel. Das Benzin wird aus anderen Ländern eingeführt, denn Nigeria hat zwar riesige Ölvorkommen, aber keine funktionierenden Raffinerien. Während dieses Generalstreiks ist zum ersten Mal in Nigeria eine breite Bürgerbewegung entstanden, und zwar über die Grenzen von Regionen und Religionen hinweg. Diese Bewegung ist auch bekannt geworden unter dem Stichwort Occupy Nigeria. Es hatte den Anschein, das jetzt endlich alle Probleme auf den Tisch kommen und die Bürger mit der Regierung in eine ganz neue Art des Dialogs einsteigen würden. Aber durch die Anschläge sind diese Themen leider in den Hintergrund getreten.

Steht dem Land nun also Anarchie bevor?

Hoffentlich nicht. Auch wenn in Kano diese Gefahr momentan besteht. Was die Zukunft angeht: Norden und Süden sind in Nigeria so grundverschieden, dass immer mehr Nigerianer für ihr Land nur noch eine Lösung à la Sudan sehen, also die Teilung.

Das Interview führte Gitte Zschoch

Frank Roger ist Soziologe, Afrikanist und Ethnologe und seit 2008 Leiter des Verbindungsbüros des Goethe-Instituts Nigeria in Kano. Vorher war er acht Jahre lang im Afrikareferat der Heinrich-Böll-Stiftung tätig.
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