Goethe aktuell

Babelsberg trifft Bollywood: „Let’s make it happen!“

Tapan PanditCopyright: Tapan Pandit
Orchesterbesuch in Indien: Es geht auch ohne Mozart (Fotos: Tapan Pandit)

9. Februar 2012

Die Melodien des indischen Filmkomponisten A. R. Rahman sind den Fans von Bollywood wohl vertraut. Ein Gastspiel des Filmorchesters Babelsberg zeigte nun in Mumbai, wie fremd das Vertraute klingen kann – was der Begeisterung des Publikums aber keinen Abbruch tat. Von Dirk Knipphals

Das National Centre for the Performing Arts liegt an einer der Vorzeigeseiten von Mumbai, Indiens Wirtschafts- und Kulturmetropole. Gleich vor den Toren des Centres beginnt der Marine Drive, die Promenade, von der aus man die Sonnenuntergänge über dem Arabischen Meer beobachten kann – sehr idyllisch sehen sie aus. Und im Januar und Februar ist auch die beste Zeit, sie zu genießen. Dann ist es noch nicht so tropisch heiß.

Hier, in einer der modernsten Ecken von Mumbai, fand eines der Leuchtturmereignisse des gegenwärtigen Deutschlandjahrs in Indien statt: Das Babelsberger Filmorchester spielt Melodien und Songs von A. R. Rahman, dem indischen Filmkomponisten, der von Bollywood aus eine Weltkarriere startete und spätestens seit seiner Musik für Slumdog Millionaire zu den bestbezahlten Komponisten Hollywoods zählt.

Das Centre ist vor allem wegen seiner Akustik zwingend, es hat den besten Konzertsaal der 18-Millionen-Einwohner-Metropole. Am Tag vor der Premiere führt uns Amrit Gangar über das weitläufige Gelände. Die deutschen Musiker bedienen sich an einem Seiteneingang nach der Probe gerade ausgiebig am für sie bereitgestellten Büffet. Es gibt Reis und Curry-Gerichte. Viel Zeit ist nicht, die Musiker essen im Stehen. Nur eine deutsche Musikerin, so wird berichtet, hat die Anpassung an das indische Essen nicht verkraftet und muss ihren Magen nun mit trockenem Reis und Bananen beruhigen.

Copyright: Tapan Pandit
Das Orchester – vor passender Kulisse

Etwas für sich stehen noch die Mitglieder des beteiligten Chors, der sich aus Schülern des von A. R. Rahman gegründeten Ausbildungszentrums für klassische Musik, dem KM Music Conservatory, rekrutiert. Der Respekt vor den europäischen Musikern ist groß. Das einzige Symphonieorchester Indiens befindet sich in einer Aufbauphase; derzeit setzt es sich hauptsächlich noch aus Musikern aus Kasachstan zusammen.

Amrit Gangar zeigt derweil auf die Säulen im Eingangsbereich des National Centres und lässt einen daran klopfen: solider Marmor, schön dazu. Bezahlt hat ihn, wie das ganze Centre, die Tata-Familie – so etwas wie die indischen Krupps. Die Tatas produzieren Autos und Telefone, ihnen gehören Hotels, und sie treten in großem Stil als kulturelle Mäzene auf. Wer in Indien etwas mit Kultur machen will, kommt an ihnen nicht vorbei. Zudem konnte die deutsche Kabelfirma Lapp, die in Indien große Expansionsmöglichkeiten sieht, als Sponsor gewonnen werden.

Noch wichtiger als der Marmor ist Gangar dann aber doch die kleinere Spielstätte auf dem Gelände, die etwa 300 Zuschauern Platz bietet. Hier finden auch subkulturelle und Avantgardevorstellungen statt. Gangar ist Filmhistoriker, in Mumbai hat er ein Dokumentarfilmfestival gegründet, in Berlin schon mal mit dem Hebbel-Theater zusammengearbeitet.

Copyright: Tapan Pandit
Auch der Meister selbst ließ von sich hören: A. R. Rahman am Flügel

An der Konzeption des Konzerts war er entscheidend beteiligt: Er sorgte für die Verbindung von Babelsberg und Bollywood. Für das Begleitheft der indischen Tournee, die das Babelsberger Orchester auch nach Neu Delhi, Kalkutta, Chennai und Bangalore führt, beschrieb er die Zusammenarbeit der Filmstudios in Babelsberg mit denen in Mumbai. Bis in die Stummfilmzeit reicht sie zurück. So ist die Tour in eine lange Tradition gestellt, aber zugleich ist sie auch etwas vollkommen Neues: Es ist das erste Mal, dass ein großes europäisches Symphonieorchester nach Indien kommt – um dann nicht Haydn oder Mozart, sondern einen indischen Komponisten zu spielen.

„Ich habe mehr auf gut Glück bei A. R. Rahman angefragt“, erzählt Marla Stukenberg, die das Goethe-Institut in Mumbai leitet und die ursprüngliche Idee zu der Zusammenarbeit hatte, „und dann kam zu meiner eigenen Überraschung tatsächlich sehr schnell eine Antwortmail zurück.“ Darin stand: „Let’s make it happen!“

Und so laufen im Büro von Marla Stukenberg die organisatorischen Fäden des Mammutunternehmens zusammen. 130 Hotelbuchungen in fünf Städten, 3.500 Kilogramm wiegen allein die Instrumente, und für jede Kleinigkeit müssen bei der allgegenwärtigen Bürokratie in Indien Genehmigungen eingeholt werden, Stempel nicht vergessen! Kurz vor der Premiere muss Stukenberg dann noch beträchtliches diplomatisches Geschick aufbieten, um Kartenwünsche freundlich abzubiegen. Es ist in Indien üblich, noch schnell seine Beziehungen spielen zu lassen. Aber der Saal hat nun mal nicht mehr als tausend Plätze. Auf den weiteren Stationen der Tour werden es dann bis zu 8.000 Plätze sein.

Copyright: Tapan Pandit
Sie gehört nicht zur klassischen Besetzung in Babelsberg, durfte aber in Indien nicht fehlen: die Sitar

A. R. Rahman hat Stukenberg nicht durch Geld zur Zusammenarbeit gewinnen können. Der Weltstar hat auf eine Gage verzichtet. „Wir hätten ihn sowieso nicht bezahlen können“, so die Institutsleiterin. Stattdessen ist Rahman an einer langfristigen Zusammenarbeit der deutschen Musiker mit seinem Music Conservatory interessiert. Vereinbarungen dazu wurden bereits getroffen, Austauschmöglichkeiten zwischen Mumbai und Potsdam in die Wege geleitet.

Die Zusammenarbeit beim Auftaktkonzert in Mumbai klappte schon einmal sehr gut. Der Komponist A. R. Rahman mit seinem Bollywood-Fundament, der Dirigent und Arrangeur Matt Dunkley, mit dem Rahman schon bei vielen Filmscores zusammengearbeitet hat, und das Babelsberger Orchester – sie alle trafen sich in einem Wirkungswillen, dem an einer Überwältigung des Publikums gelegen ist. Heraus kam eine praktische Erkundung des musikalischen Terrains, das sich zwischen der europäischen Orchestertradition und der Breitwandemotionalität der Bollywood-Musik ergibt. Großes Kino auch die Sitar- und Flöten-Einlagen, die indisches Kolorit einbringen.

Nicht nur für das indische Publikum, das ihm vertraute Melodien erstmals mit der Klangbreite und dem Pathos eines europäischen Orchesters hörte, auch für die deutschen Musiker hielt das Konzert neue Erfahrungen bereit. Wenn es eine der Bollywood-Hymnen A. R. Rahmans erkannte, jubelte das indische Publikum laut. Einige Orchestermusiker blickten dann halb irritiert, halb beeindruckt über ihre Geigen. Und Amrit Gangar musste in diesen Momenten ein bisschen in sich hineinlächeln.
Links zum Thema

Goethe aktuell:

Über den RSS-Feed
können Sie sich über Neuigkeiten aus der Welt des Goethe-Instituts auf dem Laufenden halten.

Jahrbuch-App 2013

Entdecken Sie die Arbeit des Goethe-Instituts weltweit und klicken Sie sich durch die Höhepunkte des Jahres 2013. Unsere Jahrbuch-App für iPads steht ab jetzt kostenlos zum Download im App Store bereit.

Goethe-Institut.
Reportagen Bilder Gespräche

Das Magazin des Goethe-Instituts berichtet dreimal im Jahr über die Arbeit des Instituts.

Twitter

Aktuelles aus den Goethe-Instituten