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In den Straßen von Manhattan: Den Deutschen auf der Spur

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Mobiler Wegweiser: Mit dem Smartphone nach Kleindeutschland

17. Februar 2012

In New York gibt es eine ganz neue Möglichkeit, die Stadt zu erkunden: Per Smartphone gelangt man an Orte längst vergessener deutsch-amerikanischer Geschichte. Gleichzeitig zeigt das Projekt German Traces aber auch, wie die Zukunft eines alten Berufsstandes aussehen könnte. Von Nele Husmann

Regelmäßig rappelt der Zug Nr. 7 der New Yorker Subway durch den Tunnel, der zwischen Queens und Manhattan unter dem East River hindurchführt. Doch kaum jemand der „Straphangers“, wie die New Yorker U-Bahn-Fahrer sich selbstironisch nennen, dürfte wissen, dass er hier durch den historischen Steinway-Tunnel fährt. Geschweige denn, dass die New Yorker diese Unterführung einem Deutschen zu verdanken haben. Diese Passage hatte ursprünglich der deutsche Klavierbauer Steinway bauen lassen, um seine Klaviere aus den Fertigungshallen in Queens zum Hafen in Manhattan bringen zu lassen. Als sein Plan nicht aufging, verkaufte er den Tunnel kurzerhand an die Stadt New York.

Geht es nach dem Goethe-Institut in New York, werden bald immer mehr Menschen bewusst auf den Spuren von deutschen Einwanderern durch Manhattan wandern. Denn jüngst hat man hier eine mobile Website für Smartphones entwickelt, die Interessierten Touren entlang deutscher Relikte in der Metropole zusammenstellt. Ein besonderes Highlight ist eine Augmented-Reality-Anwendung, die auf dem Smartphone ein Archivbild aus vergangenen Zeiten über die aktuelle Ansicht legt. „Wir wollen die deutschen Einflüsse in der Stadt ganz unmittelbar sichtbar machen“, sagt Projektleiterin Brigitte Döllgast, die seit fünf Jahren als Leiterin der Bibliothek für das Goethe-Institut in New York arbeitet. Gemeinsam mit der Brooklyner Universität Pratt Institute entwickelte sie in zwei Jahren das Projekt German Traces, das Ende 2011 online gegangen ist.

Längst ist der deutsche Ursprung von vielem in New York in Vergessenheit geraten. Dabei waren noch 1840 rund ein Drittel der 400.000 Bewohner New Yorks deutschstämmig. Damals lebten nur in Wien und Berlin mehr deutschsprachige Menschen in einer Stadt zusammen. In der jüngsten ausgewerteten Volkszählung aus dem Jahr 2000 gaben immerhin noch 15 Prozent aller Amerikaner an, deutsche Wurzeln zu haben. Doch wegen der beiden Weltkriege und insbesondere dem Holocaust haben viele deutsche Auswanderer ihre Herkunft lieber verschleiert. Unternehmen wie Germania Fire Insurance oder Germania Bank beeilten sich, Deutschland aus ihrem Namen zu streichen. So kommt es, dass jeder den Weg nach Little Italy kennt, niemand aber mit „Kleindeutschland“ etwas anfangen kann. „Erst die Wiedervereinigung steigerte das öffentliche Interesse an Deutschland und machte das Deutschlandbild wieder positiver“, sagt Döllgast.



Ähnliche Webprojekte gibt es auch schon für andere Städte wie Chicago oder Washington. Döllgast und ihre Mitstreiter gingen noch einen Schritt weiter und passten German Traces konsequent den Bedürfnissen der Handynutzer an. „Wir wollten dieses Projekt ins 21. Jahrhundert bringen und gerade für eine jüngere Zielgruppe attraktiv machen.“ Die mobile Website liefert zu jeder der knapp 40 historischen deutsch-amerikanischen Stätten einen Audiobeitrag und ein Quiz. Geodaten stellen einen Spaziergang zusammen von einem Ausgangspunkt und einer Dauer, die der Nutzer selbst wählen kann. Mithilfe der Augmented-Reality-App Layar legt sich vor Ort dann ein historisches Bild über das Kamerabild auf dem Smartphone und macht so die Vergangenheit greifbar.

Die Aschenbrödel-Halle ist ein ganz besonderes Beispiel der deutschen Geschichte in New York: Der Prinz von Wales kam zu Besuch nach New York, und zu seinen Ehren wurde ein Ball gegeben. Deutsch-amerikanische Musiker wurden nicht zum Spielen geladen – antideutsche Ressentiments herrschten bereits Mitte des 19. Jahrhunderts vor. Empört darüber, ausgeschlossen zu sein, inszenierte eine Gruppe deutscher Musiker um August Asche einen alternativen Ball – und ließ die Musikhalle gleich noch dazu bauen. Der Name Aschenbrödel spielt dabei nicht nur mit dem Namen des Erbauers, sondern auch auf die Gefühle der Deutschen an – sie kamen sich vor wie das Stiefkind Aschenputtel.

Tragischer ist das Ereignis, an das das oft übersehene Denkmal im Tompkins Square Park im East Village erinnert: 1904 sank das Dampfschiff General Slocum auf dem East River. Die meisten der 1.300 Passagiere ertranken, darunter besonders viele deutsche Kinder und ihre Mütter. Es war das größte Massenunglück in der Geschichte New Yorks vor dem 11. September 2001.

Bei der Recherche zu den einzelnen Stätten deutscher Geschichte waren vor allem die Studenten im Studiengang Bibliothekarswesen des Pratt Institute gefragt: Aus Archiven mussten sie Flugblätter, Bilder, Textmaterialien zusammentragen. „Das Projekt wurde zu einem Paradebeispiel dafür, was es heute bedeutet, ein Bibliothekar zu sein“, sagt Döllgast, die German Traces jetzt auf verschiedenen Fachmessen präsentiert. „Heute geht es um die Zukunft in unserem Beruf: Wir Bibliothekare bieten die Darstellung und Aufbereitung von Wissen in ganz unterschiedlichen Medien, die weit über Bücher und Zeitungen hinausgehen.“

Das Projekt weckt nicht nur die Neugier deutscher Touristen in New York, sondern spricht vor allem historisch interessierte New Yorker an. Die auf Manhattan begrenzte Liste von Sehenswürdigkeiten führte gar zu Protesten von ortskundigen Deutschen aus Queens, Brooklyn und der Bronx, die etliche Sehenswürdigkeiten mehr für die mobile Website vorschlugen. Die Vorschläge sind willkommen. „Wir hoffen, dass lokale Gruppen das Ortsangebot noch ausweiten werden“, sagt Döllgast. Zugleich meldeten sich bereits Interessenten aus Philadelphia und Austin, die auf der vom Goethe-Institut aufgebauten Plattform eigene Touren für ihre Stadt aufbauen wollen. Döllgast ist zufrieden: „German Traces hat einen großen Stein ins Rollen gebracht.“
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