Goethe aktuell

Angolas Sixties und Seventies: Musik von Vaters schwarzen Scheiben

Analog AfricaCopyright: Analog Africa
Zé Keno, Gitarrist der Gruppe Jovens do Prenda (Foto: Analog Africa)

25. Februar 2012

Psychedelische Gitarren, Latin-Grooves und urbane Karnevalsbeats – das Label Analog Africa spürte mit Unterstützung des Goethe-Instituts Raritäten aus dem Angola der Sechziger- und Siebzigerjahre auf und erhielt dafür den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Von Otiniel Silva

1961 begannen bewaffnete Gruppen in Afrika mit dem Aufstand gegen die portugiesische Kolonialmacht, der 1975, ein Jahr nach der portugiesischen Nelkenrevolution, mit der Unabhängigkeitserklärung Angolas endete. Kann ausgerechnet diese Zeit der Kämpfe das „goldene Zeitalter der angolanischen Musik“ gewesen sein, wie die amerikanische Historikerin Marissa Moorman in den Liner Notes zu Angola Soundtrack schreibt?



Ja, sagt sie, denn genau in jener Zeit bildete sich in den Musseques, den Armenvierteln der späteren angolanischen Hauptstadt, zwischen den Menschen, die aus allen Gegenden des Landes zusammenströmten, ein Gemeinschaftsgefühl heraus. Diese urbane Kultursprache speist sich aus den unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, die hier miteinander in Kontakt kamen, ebenso wie aus der Musik, die aus Europa, den USA oder der Karibik Luanda erreichte. Die E-Gitarre, Symbol des weltweiten popmusikalischen Aufbruchs der Sechzigerjahre, traf auf traditionelle Instrumente und Rhythmen aus allen Landesteilen und ließ einen neuen Sound entstehen: Rebita, Kazukata oder Semba – den Soundtrack des modernen Angola.

Dass dieser einzigartige Sound Vorläufer hatte, versteht sich, doch Aufnahmen etwa aus den Fünfzigerjahren sind allenfalls in Radioarchiven zu finden. Schallplatten wurden in Angola erst seit den Sechzigerjahren produziert. Sie nach vierzig Jahren noch aufzustöbern, sei ein Abenteuer für sich gewesen, schreibt Samy Ben Redjeb, Kopf des Frankfurter Plattenlabels Analog Africa, im Begleittext der CD. Angola Soundtrack ist die neunte Produktion des Labels, das sich auf das Aufspüren vergessener Aufnahmen spezialisiert hat – und die bisher schwierigste, versichert Samy Ben Redjeb. In dem aufwändig gestalteten Booklet ist eine Fülle an Informationen über die beteiligten Bands und Musiker zu finden, in interessanten Texten erzählt Ben Redjeb von Begegnungen, Kontakten, Zufällen, Rückschlägen und Erfolgserlebnissen, Visa-Problemen, Logistik-Katastrophen, horrenden Kosten und einer Lebensmittelvergiftung, die auf seinem Weg zu den begehrten Originalaufnahmen lagen.



Auf São Tomé e Príncipe, dem kleinsten portugiesischsprachigen Inselstaat im Golf von Guinea, der traditionell starke kulturelle Bande zu Angola unterhält, gelang es ihm, einen Radio-DJ dazu zu bringen, einen Aufruf an die Bevölkerung zu richten. Sie sollten einmal nachschauen, ob bei ihnen zu Hause irgendwelche von diesen „kleinen schwarzen Scheiben, die euer Vater immer gespielt hat“, verstauben. Bereits Sekunden später klingelte im Studio das Telefon. Am Ende aller Mühen stand in Luanda die Begegnung mit Zé Keno, dem Gitarristen der legendären Band Os Jovens Do Prenda, mit dessen Hilfe Ben Redjeb schließlich nicht nur eine stattliche Schallplattensammlung zusammenbekam, sondern fast alle Komponisten der ausgewählten Songs persönlich treffen konnte. Die 18 Titel, die auf Angola Soundtrack zu hören sind, wurden aus hunderten Original-Singles ausgesucht, die zur weiteren Digitalisierung nun in Frankfurt am Main lagern. Besonders erfreulich ist, dass die CD nicht nur spektakuläre, mitreißende, selten gehörte Musik bietet, sondern in dem sorgsam edierten und reich bebilderten Booklet auch eine Fülle an Informationen zu den beteiligten Bands und Musikern sowie ihren historischen, ökonomischen und kulturellen Hintergründen liefert.



Angestachelt vom Erfolg des Samplers, der kurz nach seiner Veröffentlichung im November 2010 mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde, reiste Samy Ben Redjeb im Mai 2011 mit Unterstützung des Goethe-Instituts erneut nach Angola. Nicht nur eine zweite CD mit Aufnahmen der „Goldenen Ära“ stand diesmal auf dem Programm, sondern auch der Versuch, einige Musiker von damals wieder auf die Bühne zu bringen. Und tatsächlich traten am 20. Mai 2011 die lebenden Legenden Boto Trindade (Os Bongos / Gitarre) und Teddy N’Singui (Inter-Palanca / Gitarre) zusammen mit Carlitos Timótio (Águias Reais / Bass), Joãozinho Morgado (N’goleiros Do Ritmo / Congas), Chico Montenegro (Os Jovens do Prenda / Bongos) und Raúl Tolingas (Conjunto Kissanguela / Reco-Reco) im Elinga Teatro von Luanda vor ein begeistertes Publikum. Glaubt man den euphorischen Berichten in der angolanischen Presse, so hat das auf Initiative des Goethe-Instituts von der Produktionsfirma Mano a Mano ausgerichtete Konzert auch dort Musikgeschichte geschrieben. Im Oktober 2011 tourte die angolanische Supergroup durch sechs europäische Städte.



Copyright: Analog Africa
„Angola Soundtrack. The Unique Sound of Luanda (1968-1976)“ Mit: Os Jovens do Prenda, Santos Júnior, Dimba Diangola, África Ritmos, Os Kiezos, Os Bongos, Africa Show, Mamukueno, N’Goma Jazz, Os Korimbas, David Zé, Quim Manel. Analog Africa 2010.

Die erste Einsendung an oeffentlichkeitsarbeit@goethe.de gewinnt die CD Angola Soundtrack. The Unique Sound of Luanda (1968-1976)


Diesen Text haben wir der neuen Ausgabe des Goethe-Magazins entnommen. Noch mehr spannende Reportagen, Hintergründe und Interviews zum Thema finden Sie in „Luanda leuchtet – Angola im Aufbruch“.
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