Goethe aktuell

Sophokles in Montevideo: Mehr als Theater

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Der Chor von Montevideo: Hier wird nicht Theater gemacht (Foto: Castagnello)

21. Februar 2012

Es ist ein Tabuthema in Uruguay: Über die Militärdiktatur spricht man nicht. Dass ehemalige Folterer unbehelligt auf der Straße spazieren, ist normal. Eine Theaterproduktion des Goethe-Instituts hat jetzt den Opfern eine Stimme gegeben. Falsch! Sie haben sie sich einfach genommen. Von Hartmut Krug

Die Hitze wabert über dem Strandrestaurant des Badeortes La Paloma und macht die Menschen schläfrig. Doch als ich hier, 240 Kilometer von Montevideo entfernt und vier Tage nach der Premiere von Antigona Oriental, mit den Menschen vom Nebentisch ins Gespräch komme, wird es lebhaft. Wir diskutieren über das „Hinfälligkeitsgesetz“, das den Tätern der Militärdiktatur Straffreiheit garantiert, und über die Inszenierung von Antigona Oriental. Die haben meine Gesprächspartner zwar nicht gesehen, doch sie haben viel über sie gehört. Spektakulär sei sie, aber auch problematisch: Das könne man doch nicht machen, den Präsidenten von der Bühne herab kritisieren. Für mich nicht erstaunlich, wie sehr dies Theaterstück Aufsehen erregt.

Als ich drei Tage vor der Premiere ins Teatro Solis in Montevideo kam, war ich fasziniert vom Kontrast zwischen dem goldglänzenden Logenrund des der Mailänder Scala nachgebauten Zuschauerraums für über eintausend Zuschauer und der leeren Bühne (Geld für ein Bühnenbild hatte man nicht), auf der eine vielköpfige Schar älterer Frauen in Alltagskleidung an die Rampe rückte. 19 Frauen, ehemalige politische Gefangene und Exilantinnen. Die jahrelang eingesperrt waren, die gefoltert wurden.

Nun wollen sie von ihren Schicksalen erzählen und stellen klar: „Wir fühlen uns nicht als Opfer. Wir waren Protagonisten eines historischen Moments.“ Kraft und Selbstbewusstsein der Frauen faszinieren. Im Interview, aber auch auf der Bühne. Denn natürlich haben sie schwer gelitten unter der zwischen 1973 und 1985 in Uruguay herrschenden Militärdiktatur. So sitzen die Frauen zunächst auf ihren Stühlen ganz hinten auf der Bühne im Dunkel, rücken sich und ihre Leben dann mit ihren Stühlen Schritt für Schritt weiter ins Licht und erzählen, um jeder falschen Betroffenheit auszuweichen, in Chorgruppen von ihren Schicksalen.

Expressiv statt psychologisierend

„Die Frau ist immer nackt. Du wirst ausgezogen, ob du deine Tage hast oder nicht, egal. Manche dringen in uns ein und wir bekommen Sachen in die Scheide gesteckt, immer werden wir angegrabscht. Einer ejakuliert in meinen Mund.“ Die Texte sind gelegentlich drastisch, bedienen aber niemals einen Voyeurismus. Volker Lösch sitzt gelassen im Zuschauerraum, neben sich zur Sicherheit eine Dolmetscherin. Doch der deutsche Regisseur braucht sie kaum, hat er doch in seiner Kindheit bis kurz vor der Militärdiktatur mehrere Jahre in Montevideo gelebt. Und während der Proben hat er sich schnell wieder in die fremde Sprache hineingefunden. Er agiert nicht als ein Zuchtmeister, wie man bei diesem chorischen Gruppentheater vielleicht erwarten könnte.

Volker Lösch hat sich einen Namen mit politisch engagierten Inszenierungen gemacht, in denen er Schauspieler mit vom jeweiligen Thema betroffenen Laien konfrontiert und dabei klassische Stoffe mit chorisch vorgetragenen dokumentarischen Texten verschneidet. Auf Anfrage der lokalen Theaterszene Montevideos und auf Initiative der bekannten uruguayischen Regisseurin und Dramatikerin Marianella Morena kam es nun zu dem Projekt des Goethe-Instituts mit Volker Lösch und einheimischen Künstlern. Der volle Titel: Antigona Oriental nach Sophokles, unter Mitwirkung und mit Texten von ehemals politisch inhaftierten Frauen aus Uruguay.


Ein Film von Elena Ern (Redaktion: Maren Niemeyer)

Es herrscht freundliche Gelassenheit trotz angespanntester Probenarbeit. Es ist eine Freude, mit den jungen Schauspielern zu sprechen. Die Darstellerinnen von Antigone und Ismene sind jung, Anfang bis Ende zwanzig. Sie berichten voll abwartender Offenheit von dem für sie ungewohnten Stil, der expressiv statt psychologisierend sei. Man merkt: Hier wird nicht nur Theater gemacht, hier vertritt man ein Anliegen. Auch der Kritiker aus Deutschland wird mit offener Herzlichkeit empfangen. Als ich mich später auf den Weg zu weiteren Interviewpartnerinnen mache, sehe ich in Garderobenräumen viele Frauen ruhen. In der Pause vor der abendlichen Probe geht kaum jemand nach Hause, und in der Küche türmen sich bergeweise die Äpfel neben den Wasserflaschen.

Es ist den Frauen nicht einfach, über die schlimmen Erlebnisse zu erzählen. Irma Leites, eine durch politische Aktivität bekannte Mitspielerin: „Diese Themen sind unheimlich bewegend. In dem Maße, in dem man anfängt zu erzählen, erweckt man ein inneres Monster. Doch wir umarmen und geben uns Halt und unterstützen uns gegenseitig.“

Dann die Premiere. Zwei Jahre lang hat man auf diesen Abend zugearbeitet. Draußen neben dem ausverkauften Theater tobt der Karneval auf dem Platz der Unabhängigkeit. Drinnen fordert der Frauenchor sein Recht auf Beachtung. Drei Männer in hellblauen Anzügen spielen einen Kreon, dem Texte des augenblicklichen Präsidenten mitgegeben wurden. Staatsoberhaupt Pepe Mujica ist ein ehemaliger Tupamaro, der 13 Jahre in einem Erdloch gefangengehalten wurde. Doch heute hält er am Hinfälligkeitsgesetz fest, das keine Anklagen gegen ehemalige Folterer erlaubt. Deshalb spricht Kreon den Satz des Präsidenten, jetzt müsse nur noch in die Zukunft geschaut werden.

Die Namen der Folterer werden verlesen

Und Señor Presidente, dessen Präsidentenpalast kaum hundert Meter vom Theater entfernt steht, wird von der Bühne herab mit Forderungen konfrontiert. Immer geht es um die Frage, welches Recht der Einzelne gegenüber dem Recht des Staates besitzt. Dabei wird über weite Passagen der Sophokles-Text gesprochen, betont Volker Lösch: „Wir sind immer an den Stellen, an denen Antigone in eine Situation kommt, die mit Erlebnissen dieser Frauen korrespondieren kann, in den Versuch getreten, Verbindungen herzustellen. Wie an der Stelle, als sie erzählen, was sie in der Folter erfahren haben, was sie ausdrücklich wollten. Ich habe vorsichtig nachgefragt. Ich habe das sehr forciert, dass sie das machen möchten, an der Stelle, an der das Todesurteil ausgesprochen wird, Ismene misshandelt wird von Kreon und das die Traumata auslöst. Alles wird immer verknüpft mit Dingen, die der Fabel Antigone dienen.“

Nach Antigones Tod liest der Chor die Namen von Folterern von Papierbahnen ab, von Menschen, die heute unbehelligt als erfolgreiche Geschäftsleute herumlaufen. Dann werden Fotos von Opfern ins Publikum geworfen. Zum Schluss erklären drei junge Frauen, dass sich ihre Generation zu wenig für die Zeit der Militärdiktatur interessiere, was sich ändern müsse. Zuvor aber singen alle in Abendkleidung eine Murga, ein Spottlied, auf die Linken und ihr Verhältnis zur Macht.

Das Ganze: kein agitatorisch plakativer, sondern ein politisch-poetischer Abend, dem das Publikum gebannt folgt und stehend lange und kräftig applaudiert – ungewöhnlich für das Theaterpublikum in Montevideo. Und ja, er war auch emotionalisierend: Um mich herum wischten sich nicht wenige Zuschauer Tränen aus den Augen.

P.S. Alle acht Vorstellungen waren ausverkauft, und Tourneen nach Cordoba, Buenos Aires, Kolumbien, Ecuador und Spanien sind vereinbart.
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