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Klaus Doldinger im Interview: „Nachtclubs waren meine Studierstätten“

Klaus Doldinger / Michael Friedel / Goethe-InstitutCopyright: Michael Friedel
Mai 1969: Das Klaus Doldinger Quartett jazzt mit pakistanischen Musikern in Lahore (Foto: Michael Friedel)

4. April 2012

Die unendliche Tournee: Seine Band heißt nicht umsonst Passport, der Mann ist schließlich ständig unterwegs. Im Interview spricht Klaus Doldinger über die Filmmusik, die ihn berühmt machte, den Jazz, der sein Leben ist, und einen Skandal in Paraguay. „Wir waren nicht immer Musterknaben.“

Klaus Doldinger sitzt im Aufnahmestudio seines Hauses in der Nähe von München. Vor ihm ein drei Meter langes Mischpult, neben ihm das Keyboard. Er mag es, Effekte auf die Musik zu legen. Noch kurz ein Telefonat mit seinem Produzenten – dann dreht er sich um und spricht über sein Leben.

Herr Doldinger, was machen Sie eigentlich sonntags um 20.15 Uhr?

Doldinger: Gelegentlich schaue ich, was im Fernsehen läuft, und komischerweise läuft da etwas, was mir sehr vertraut vorkommt: der Tatort. Die Vorspannmusik habe ich vor vielen Jahren komponiert und produziert. Übrigens sind viele dieser Folgen nach wie vor sehenswert. Ich finde es beachtlich, dass sich eine Serie über eine derart lange Zeit weiter entwickeln und halten kann.

Und was halten Sie von der Titelmusik?



Für einen Komponisten ist die Arbeit für einen Krimi eine eher leichte, wohingegen er im melodramatischen Bereich oder in der Komödie schon etwas mehr gefordert ist.

Dann lassen Sie uns über „Die unendliche Geschichte“ sprechen. Wie lange hat es gedauert, bis Sie die richtige Musik gefunden haben?

Die unendliche Geschichte wurde als Kinofilm produziert und beinhaltet viel mehr Aufwand als eine Fernsehproduktion. Wolfgang Petersen war öfter bei mir zu Hause, und ich habe ihm meine Ideen am Klavier vorgespielt. Das Hauptthema stand für uns beide relativ schnell fest. Allerdings muss man sich dann Variationen überlegen. Bei Die unendliche Geschichte gab es Stimmungsbilder, die verschiedene Themen verlangten. Das ist ein längerer Prozess, der in diesem Fall ungefähr ein halbes Jahr dauerte; die eigentliche Arbeit ging vier bis sechs Wochen. Bei mir entwickelt sich immer viel aus dem Spielen, also der Improvisation: Man bastelt etwas zusammen oder weitet ein Motiv aus. Manchmal ist es mir auch passiert, dass mir eine Musik plötzlich in den Kopf kam – dann habe ich sie schnell auf einen Zettel geschrieben.

Copyright: Klaus Doldinger / Michael Friedel /Goethe-Institut
Fotostrecke: Ein halbes Jahrhundert mit Klaus Doldinger

Wenn Sie gerade keine Soundtracks schreiben, touren Sie als Jazzmusiker durch die Welt. Gern auch mit dem Goethe-Institut. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Auslandstournee?

Ja, das war unsere Nordafrika-Tournee, 1964. Und ein Jahr später haben wir, das Klaus Doldinger Quartett, Südamerika bereist. Fast zwei Monate lang tourten wir durch sämtliche Staaten Lateinamerikas. Diese Reisen haben tiefen Eindruck bei mir hinterlassen.

Inwiefern?

Es tut sehr gut, Menschen zu begegnen, die einem musikalisch etwas geben. Zum Beispiel haben wir auf unserer Südamerikatournee mit fünf brasilianischen Musikern ein Video für eine Fernsehproduktion aufgenommen: Es war ein Studio voller Musiker, die frei aus dem Bauch spielen. Und in Marokko habe ich den Gnawa-Musiker Majid Bekkas kennengelernt, mit dem ich noch heute gelegentlich auftrete. Für viele Musiker im Ausland sind die Möglichkeiten in ihrer Heimat eingeschränkt – ihr Eifer, in Europa auf die Bühne zu gehen, ist deshalb groß.


Rio Jam: Passport jazzt mit fünf brasilianischen Musikern im Studio, 2003

Auf ihren Alben „Doldinger in Südamerika“ und „Passport to Morocco“ fallen lateinamerikanische und orientalische Klänge auf. Haben die Reisen auch Ihr musikalisches Schaffen geprägt?

Natürlich. Gerade die brasilianische Musik habe ich immer als Inspiration empfunden. Das sind Klänge, die die schwarzen Amerikaner im Jazz entwickelt haben. Beim Marokko-Album habe ich Elemente der nordafrikanischen Musik aufgegriffen. Genauer gesagt der Gnawa-Musik, die sehr jazzaffin ist und von dunkelhäutigen Marokkanern gespielt wird. In der indischen Musik konnte ich dagegen beispielsweise keine Ausdrucksparallelen finden; deshalb haben wir auch keine indische Platte aufgenommen.

Wenn eine Band junger Musiker in die weite Welt hinauszieht, dann will sie etwas erleben. Eine Anekdote, bitte!

Wir waren natürlich nicht immer Musterknaben. Als wir in Paraguay vor einem Konzert im Theater den Soundcheck machten, kam ein freundlicher Herr – er bezeichnete sich als Freund des Goethe-Instituts – auf uns zu und sagte: „Ach Kinder, das macht jetzt keinen Sinn, so lange hier zu warten, bis das Konzert beginnt. Ich lade euch zu mir nach Hause ein.“ Das nahmen wir gern an. Fast eineinhalb Stunden fuhren wir über Landstraßen, bis wir auf eine Hazienda gelangten. Wir speisten in seinem Haus vor offenem Kamin und tranken Wein aus riesigen Beständen. Es wurde dunkler und dunkler, wir mussten dringend los. Als wir wieder am Theater ankamen, liefen uns die Leute bereits entgegen. Unter ihnen, der Vertreter des Goethe-Instituts, der händeringend näher kam und sagte: „Meine Herrschaften, wieso kommen Sie erst jetzt?“ Das war ein richtiger Skandal, denn es war ein Rundfunkmitschnitt geplant, der verschoben werden musste. Das ist eine von vielen Geschichten, die wir auf unseren Reisen erlebt haben. Unser Agent in München, der sehr etepetete war, schrieb uns öfter Telegramme. Darauf stand zum Beispiel: „Bei weiteren unerfreulichen Vorkommnissen sofortiger Abbruch der Tournee.“ Wir waren damals jung und haben sämtliche Gelegenheiten wahrgenommen, die Reisen noch vergnüglicher zu gestalten.

Sie haben am Konservatorium in Düsseldorf Klavier studiert. Wie kommt ein Klavierschüler bitte zum Saxophon?

Copyright: Goethe-Institut
Jazzlegende Doldinger: „Ich wollte immer Stücke spielen, die der Hörer im Gedächtnis behält“ (Foto: Daniela Gollob)
Am Konservatorium habe ich relativ schnell Gleichgesinnte kennengelernt, mit denen ich musizierte. Dabei habe ich gemerkt, dass Klavier gar nicht so meins ist und dass ich viel lieber ein Blasinstrument spielen wollte. Als ich von dem Nachtclub Hot Club hörte, in dem Jazz-Platten gespielt werden, ging ich hin. Das war eine absolute Entdeckung. In Düsseldorf gab es gerade mal drei Geschäfte, die Platten verkauften – und dann eher Klassik und Schlager. Nachdem ich das erste Mal den kreolischen Sopransaxofonisten Sidney Bechet gehört hatte, war mein Trauminstrument ein Sopransaxophon. Ich arbeitete in den Ferien, um mir so ein Instrument kaufen zu können. Innerhalb von zwei Monaten konnte ich es schon ganz gut spielen. Und dann bin ich relativ schnell ins Jazzgeschäft eingestiegen. Als ich 17 Jahre alt war, haben wir unsere erste Band gegründet: The Feetwarmers, eine Dixieland-Jazzband. 1953 gaben wir unser erstes Live-Konzert, 1955 nahmen wir unsere erste Platte auf.

Dann haben Sie sich Saxophonspielen und Jazz selbst beigebracht?

Ja, ich bin ein absoluter Autodidakt. Jazzkurse an Musikhochschulen gab es damals nicht. Die Nachtclubs, in denen ich in meinen jungen Jahren aufgetreten bin, waren meine Studierstätten. Ich konnte es mir selbst beibringen, weil ich schon früh mit den großen Jazzmusikern musiziert habe: Louis Armstrong, Fathead Newman, dann auch den Großmeistern Illinois Jacquet und Junior Walker.

Hat sich seit dieser Zeit viel verändert?

Tatsache ist, dass es heute zahlreiche Möglichkeiten gibt, Jazzmusik zu studieren, die jungen Musiker hinterher aber nicht ausreichend gefördert werden. Das macht es schwer für sie, Fuß zu fassen und sich auf der Bühne zu bewähren. Zum anderen ist Musik immer mehr zum Geschäft geworden. Mit der digitalen Technologie haben sich neue Vertriebswege aufgetan, die das normale Business unterlaufen. Und wir haben heute das Problem der Piraterie. Ich bin selbst Aufsichtsratsmitglied der GEMA und finde, dass wir mit den Nutzern einen Weg finden müssen, der die Künstler wieder von ihrer Musik leben lässt.



1971 haben Sie Deutschlands erfolgreichste Jazzband Passport gegründet, unter anderen mit Udo Lindenberg am Schlagzeug. Wie kamen Sie auf ihn?

Das hat sich eher zufällig ergeben. Mein Trommler hat 1969 leider das Klaus Doldinger Quartett verlassen, und ich habe einen neuen Schlagzeuger gesucht. Ein Kollege erzählte mir von einem jungen Musiker, der in Hamburg spielt. Den habe ich mir angeschaut und fand ihn sehr amüsant. Außerdem hat er toll getrommelt.

Welcher Gedanke steht hinter Passport und seinem Namen?

1971 war für mich das Jahr des Umbruchs. Ich wollte andere Musik machen als meine Bebop-Gefährten. Es sollte Musik sein, die uns davonträgt, sich aber vom Free Jazz abhebt. Für mich war es immer wichtig, auf dem Boden zu bleiben und rhythmisch-harmonische Stücke zu spielen, die der Hörer im Gedächtnis behält. So kam es zu Passport. Dabei verbinde ich meinen Background – den klassischen Jazz und Blues – mit anderen melodieorientierten Stilen. Der Ursprung dieses Interesses hängt eng mit der Entdeckung des Deutschrocks zusammen. Mein Freund und langjähriger Produzent Siggi Loch brachte mich auf die Idee, Rock zu spielen. Ich merkte schnell, dass die Musik von Leuten mit lauten Gitarren mehr ist als Remmidemmi. Der Name Passport ist dabei ganz willkürlich entstanden. Wir waren im Studio und hatten eine Liste mit sieben, acht Vorschlägen. Einer von ihnen war Passport. Als Siggis Manager den Namen hörte, sagte er sofort: „Der ist toll. Da müssen wir nicht einmal einen Künstler für das Layout des LP-Covers engagieren, sondern nehmen einfach einen Reisepass mit euren Passfotos.“ Damit stand der Name fest und das zweite Album folgte: Get yourself a second passport.


Passport mit ihrem Stück Reng Deng, 2011

Im April touren Sie mit dem Goethe-Institut durch Neuseeland. Das schreit nach dem Album „Passport to New Zealand“ ...

Das lasse ich auf mich zukommen, denn die Eindrücke müssen wirken. Alles, was ich über Neuseeland gelesen habe, deutet darauf hin, dass es dort relativ europäisch zugeht. Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob die Reise ein Album nach sich ziehen wird. Es sei denn, ich treffe Musiker, die mich überzeugen. Ich habe in meinem Leben eigentlich nie etwas geplant, die Dinge haben sich immer entwickelt. In erster Linie geht es mir darum, interessanten Menschen zu begegnen.

Sie könnten auch die Titelmusik für die nächste Folge der Kinoverfilmung „Herr der Ringe“ komponieren, die in Neuseeland gedreht wurde.

Ich fürchte, da sind die Weichen gestellt. Aber ich würde nicht ablehnen, sollte man mich fragen.

Das Interview führte Daniela Gollob

Klaus Doldinger, 75, gab dem Tatort seine Titelmelodie. Danach kümmerte er sich um die richtige Musik für Das Boot, Die Unendliche Geschichte, Ein Fall für Zwei und viele andere Filme und Fernsehserien. Doldinger ist auch einer von Deutschlands bekanntesten Jazzmusikern. In rund 50 Ländern stand er über 4.000 Mal auf der Bühne, um 2.000 Stücke zu spielen. Dafür räumte er 17 Schallplattenpreise, Echos und Filmmusikpreise ab.
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