Goethe aktuell

Künstlerresidenzen: „Da draußen ist das unbekannte Land“

Lucy FrickeCopyright: Lucy Fricke
Der Schrein Heian-jingu in Kyoto (Foto: Lucy Fricke)

21. März 2012

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Und darüber schreiben. Deshalb schickt das Goethe-Institut regelmäßig Autoren auf Entdeckungsreise – etwa nach Kyoto, Sarajevo oder Tampere. Wir haben die Autoren Lucy Fricke, Marion Poschmann und Dieter M. Gräf befragt, nachdem sie aus diesen Städten zurückgekehrt waren.

Mit welchen Erwartungen sind Sie ins Flugzeug nach Kyoto, Sarajevo und Tampere gestiegen?

Fricke: Mein Hinflug war sehr speziell. Das Flugzeug von Frankfurt nach Osaka war nur halbvoll, die Maschine das Schrottigste, was ich je gesehen habe. Aus den Armlehnen hingen Kabel, auf der Toilette war die Verkleidung rausgefallen. Ich dachte, sie wollen es danach verschrotten. Aber aufgrund der Umstände – das war ja nur wenige Wochen nach Fukushima – war ich froh, endlich im Flugzeug zu sitzen. Endlich Ruhe. Endlich keine Fragen mehr, kein „Bist du verrückt? Bleib hier!“.

Poschmann: Ich war anfangs doch ein wenig aufgeregt. Aber als im Flugzeug nach Finnland Knäckebrot serviert wurde, kam bei mir schnell das Gefühl auf, dass es in die richtige Richtung geht.

Wie können wir uns Ihre Residenzzimmer vorstellen?

Gräf: Meines war beige und braun, und drumherum waren Einschusslöcher.

Einschusslöcher?

Gräf: Ja, aus den Jahren der Belagerung; die Folgen des Krieges sind nach wie vor in der Stadt zu sehen und zu spüren, beispielsweise anhand sogenannter Rosen, das sind mit Wachs ausgegossene Stellen im Pflaster, da, wo eine Granate einen Menschen getötet hat.

Copyright: Dieter M. Gräf
Mit Wachs ausgegossene Granatlöcher in Sarajevo (Foto: Dieter M. Gräf)


Poschmann: Ich war im oberen Stockwerk eines wunderbaren Jugendstilhauses untergebracht, von dem aus ich direkt auf den Rathausplatz blicken konnte. Früher hat dort ein finnischer Maler gelebt, Hugo Simberg, dessen Werke ich in Finnland kennengelernt habe. Die Wohnung war jetzt geteilt, in der anderen Hälfte wohnte ein deutscher Künstler.

Das war bei Ihnen ja ganz anders, Frau Fricke: Sie waren alleine in der Villa Kamogawa.

Fricke: Erst fand ich es merkwürdig, so allein in der großen Wohnung. Abends bin ich durch die drei leeren Zimmer geschlichen. Alles war noch neu und unberührt. Man hat Angst, dass man diejenige ist, die den ersten Kratzer hinterlässt. Ich habe mich also sehr vorsichtig in den Räumen bewegt, sehr japanisch.

Aber Sie sind hoffentlich auch vor die Tür gegangen, haben Notizen und Fotos gemacht?

Gräf: Ich glaube, wir haben alle drei eine Gemeinsamkeit: Wir haben fotografiert an unseren Orten.

Nutzen Sie das Fotomaterial jetzt als Erinnerungsstütze für Ihr Schreiben?

Fricke: Eher nicht. Ich habe in Kyoto immer wieder versucht, an meinem Roman zu schreiben; letzten Endes blieb es aber bei den Notizen. Ansonsten habe ich einmal in der Woche eine Art Tagebuch geschrieben, eine Kolumne für eine Berliner Tageszeitung.

Hat sich Ihr Schreibrhythmus im Ausland verändert?

Poschmann: Ich war schon zerrissen zwischen der Arbeit am Roman, die ich mir auch vorgenommen hatte, und dem Erkunden der Stadt und des Landes.

Copyright: Marion Poschmann
Blick auf den See Pyhäjärvi in Tampere (Foto: Marion Poschmann)


Stellte sich bei Ihnen schnell ein schlechtes Gewissen ein, wenn Sie am Schreibtisch saßen? Das hätten Sie schließlich auch in Deutschland gekonnt.

Poschmann: Ich wollte die Zeit in jeder Hinsicht gut nutzen. Aber klar, irgendetwas kam immer zu kurz.

Gräf: Mein Ziel war es, möglichst viele Eindrücke zu sammeln. Als ich zurück war, habe ich drei Gedichte über Sarajevo und Mostar geschrieben. Einen festen Schreibrhythmus habe ich als Dichter nicht – weder in Sarajevo, noch zu Hause.

Fricke: Ich befinde mich seit rund zehn Jahren auf der Suche nach meinem Schreibrhythmus – das ist sehr situationsabhängig. Man sitzt in der Ferne am Schreibtisch, schaut aus dem Fenster und denkt, da draußen ist das unbekannte Land. Dann hält es einen nicht mehr am Tisch.

Gibt es ein Erlebnis, das Ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht?

Gräf: Die Begegnung, die mich am meisten beeindruckte, war die mit dem Schriftsteller Dževad Karahasan, von dem ich in Sarajevo zwei Bücher gelesen habe. Ich bewundere, wie gut er sich in den westlichen Diskursen auskennt und wie orientalisch seine Fabulierfreude sein kann. Insofern personifiziert er die Vorzüge seiner Heimatstadt. Ich mochte die eigentlich überschaubare Stadt immer mehr, die Schlichtheit ihrer schönen Moscheen; ich streifte immer wieder die gleichen Orte, aber dadurch wurden sie nicht fad, sondern lebendig. Ich hatte auch zu realisieren, wie bedroht sich die Menschen in den neunziger Jahren gefühlt haben müssen. Immer wenn ich die Straße überquerte und die Berge sehen konnte, wurde mir bewusst, ich wäre von dort oben gesehen worden. Das hätte bedeutet: freie Schussbahn. Als ich zum jüdischen Friedhof hochgelaufen bin, von dem aus die Beschießung Sarajevos begonnen hatte, entdeckte ich meinen Supermarkt.

Copyright: Gitte Zschoch
Die Autoren Poschmann, Gräf und Fricke auf der Leipziger Buchmesse im Gespräch mit Arne Schneider und Klaus-Dieter Lehmann (3.u.4.v.l.) vom Goethe-Institut (Foto: Gitte Zschoch)


Fricke: In meiner sechsten oder siebten Woche verbrachte ich einen großartigen Abend in einem Club in Kyoto. Es spielten drei Independent-Bands. Teilweise kannte ich die Musiker, an diesem Abend jedenfalls kannte ich die Hälfte der Clubbesucher. Fast alle, die ich in den Wochen zuvor kennengelernt hatte, waren dort. Nach den Konzerten haben wir in demselben Club gegessen, da entstand ein Gefühl von Zu-Hause-Sein. Das hat mich sehr glücklich gemacht hat, der Abend war eine Art Wendepunkt für mich: Ich war angekommen.

Poschmann: Auch bei mir hatte eines der schönsten Erlebnissen meiner Residenzzeit mit Tanz zu tun. Ich war in einem Tango-Lokal, was deshalb so anrührend war, weil dort wie erwartet sehr viele ältere Leute tanzten. Übrigens zu einer ungewöhnlichen Zeit, nämlich nachmittags, von ungefähr eins bis halb vier.

Wurden Sie auch aufgefordert?

Poschmann: Ich habe es geschafft, nur als Zuschauer teilzunehmen.

Welcher Ort reizt Sie gerade, um dort für eine Zeit zu leben und zu schreiben?

Gräf: Japan!

Fricke: Ja?

Gräf: Ja, von der japanischen Ästhetik können wir viel lernen. Ich liebe die Stille ihrer Konzentrate, eine Vollkommenheitsvorstellung, die den Kult ums Unvollkommene umfasst. Dass Gebrauchsspuren mehr geschätzt werden als die Glätte neuer Ware und dass das Arrangieren von Blumen oder das Trinken von Tee Wege sein können, zu einer erleuchteten Gesellschaft beizutragen.

Poschmann: Mich würde St. Petersburg reizen. Die Stadt liegt ja dicht an Finnland, ich bin auf meiner Rückreise mit dem Zug von Helsinki dorthin gefahren und wäre gern länger geblieben.

Fricke: Shanghai, glaube ich. Diese Stadt kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Aber ich fahre jetzt noch einmal nach Kyoto, das hat sich tatsächlich ergeben. Ich hatte diesen zarten Wunsch, bekam dann von Bekannten eine Wohnung angeboten und habe zugegriffen.

Das Interview führten Martin Bruch und Jennifer Endro


Residenzprogramme sind seit langem wichtiger Bestandteil der Kulturarbeit des Goethe-Instituts. Sie ermöglichen Kulturschaffenden, eine Zeitlang in einem anderen Land zu leben und zu arbeiten, und fördern auf diese Weise den interkulturellen Austausch. So zog die 37-jährige Schriftstellerin Lucy Fricke (Ich habe Freunde mitgebracht, 2010) im vergangenen Jahr in die Villa Kamogawa ein. Die gebürtige Hamburgerin war die erste Stipendiatin in der neuen Residenz in Kyoto. Anlässlich der 50-jährigen Städtepartnerschaft Essen-Tampere ging Marion Poschmann (Geistersehen, 2010) als Stadtschreiberin nach Finnland. Die 43-jährige Autorin stammt selbst aus Essen. Und der 51-jährige Lyriker Dieter M. Gräf (Buch VIER, 2008) verbrachte vier Wochen in Sarajevo. Übrigens: Noch bis zum 30. April läuft das Bewerbungsverfahren für ein Stipendium im kommenden Jahr in der Villa Kamogawa.
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