Goethe aktuell

„Kulturweit“: Nix wie raus hier!

Anna IhlCopyright: Anna Ihl
Anna hoch zu Ross in Patagonien: „Man muss auch mal was Neues ausprobieren“ (Foto: Anna Ihl)

14. April 2012

Nach dem Abitur als erstes mal ins Ausland – das wollen viele. Aber deshalb gleich das große Abenteuer wagen? Anna Ihl und die anderen kulturweit-Pioniere wollten auch das. Von Katina Klänhardt

„Nach dem Abi galt für mich ‚Hauptsache weg‘ – da musste ich nicht lange überlegen und sagte zu“, erzählt Christian Mücher. Kurze Zeit später gesellte sich zur Euphorie aber doch auch ein mulmiges Gefühl über den vorgeschlagenen Einsatzort. Kosovo also. Pristina. Das kennt man doch aus den Nachrichten. Auch die Freunde und Bekannten des Abiturienten sind mäßig begeistert. „Bloß nicht“, ist ihr Rat. Die Großmutter, der man den Einsatzort des Enkels vorsichtshalber erst mal verschwieg, reagierte am entspanntesten: „Geh hin! Wenn du wiederkommst, kannst du mir erzählen, wie es da wirklich ist.“

Christian hat es also gewagt und sich mit kulturweit als Freiwilliger auf den Weg gemacht, um für zwei Partnerschulen des Goethe-Instituts in Pristina zu arbeiten. Sechs Monate später sitzt Christian gemeinsam mit 40 anderen kulturweit-Freiwilligen des Goethe-Instituts in einer Jugendherberge am Werbellinsee. Im Nachbereitungsseminar tauschen die Teilnehmer ihre Erlebnisse aus und lassen die vergangenen Monate Revue passieren. Christian zieht eine positive Bilanz. Die Arbeit mit den Schülern hat ihm sehr gut gefallen und noch mehr die Tatsache, dass die anfänglichen Kosovo-Vorbehalte völlig unbegründet blieben. „Ich bin sehr froh, dass ich da war und dass ich das weitererzählen kann.“

Auch die anderen Rückkehrer wirken zufrieden. Die meisten kommen direkt vom Flughafen, und die Eindrücke der letzten sechs Monate sind noch ganz frisch. Die Vorfreude auf das Zuhause ist spürbar, aber auch, dass der Abschied von neugewonnenen Freunden noch keine 24 Stunden zurückliegt.

Sie sind 40 von knapp 400 Freiwilligen, die jedes Jahr für sechs oder zwölf Monate ins Ausland gehen. Seit September 2009 läuft kulturweit, der Freiwilligendienst des Auswärtigen Amtes. Wer sich als junger Mensch zwischen 18 und 26 Jahren in der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik engagieren will, ist hier richtig. Man bewirbt sich zentral und wird dann an eine der sechs Partnerorganisationen vermittelt. Beim Goethe-Institut besteht die Möglichkeit, im Ausland direkt am Institut mitzuhelfen oder an einer der 1.522 Partnerschulen. Im Frühjahr diesen Jahres reiste bereits der 1.000. Freiwillige aus.

Freiwilligenarbeit hautnah – ein kulturweit-Infofilm


Ein Film von Götz Lilienfein (Länge: 37:17 Minuten)


„Es freut uns natürlich, wie gut dieser kulturelle Freiwilligendienst angenommen wird. Die Bewerberzahlen steigen konstant, und die Qualität der Bewerbungen, die uns erreichen, ist enorm hoch“, meint Katharina Winkler, die das Programm auf Seiten des Goethe-Instituts koordiniert.

Für viele der Bewerber ist kulturweit auch wegen des pädagogischen Begleitprogramms eine gute Alternative zum selbstorganisierten Auslandsaufenthalt. „Die Freiwilligen werden nicht sich selbst überlassen. Es gibt Vor- und Nachbereitungsseminare in Deutschland, ein Zwischenseminar im Zielland und die Möglichkeit, vor Ort an einem Sprachkurs teilzunehmen“, so Winkler.

Mangelnde Sprachkenntnisse sind bei der Auswahl nämlich kein Ausschlusskriterium. „Es macht zwar alles etwas komplizierter, aber man sollte keine Scheu davor haben, mit Händen und Füßen zu kommunizieren“, sagt Anna Ihl. Nach ihrem Studium arbeitete sie zunächst als Redakteurin bei einer Zeitung. Aber eigentlich wollte sie wegkommen von dem, was sie bisher gemacht hat. Kulturweit kam da grade recht, und ihr Einsatzort Santiago de Chile war eine Punktlandung. „Ich kam an und habe mich pudelwohl gefühlt.“ Dazu hat auch die WG, in der sie mit drei Chilenen und einer Amerikanerin wohnte, beigetragen. Eine Unterkunft zu finden war allerdings ein Erlebnis für sich. „Mit Hilfe von Übersetzungstools im Internet habe ich die Anzeigen durchforstet und selber eine aufgegeben – mit Erfolg. Mir war klar: Wenn ich mich jetzt nicht durchbeiße, lerne ich die Sprache nie.“

Am Goethe-Institut Santiago de Chile konnte Ihl unter anderem ihre Erfahrungen in der Pressearbeit einfließen lassen. Letztendlich hat ihr aber das Unterrichten am meisten Spaß bereitet. So viel, dass sie sich jetzt, nach ihrer Rückkehr, beruflich umorientieren will.

Auf einer großen Pinnwand in der Jugendherberge am Werbellinsee kleben inzwischen zu der Frage „Was nehme ich aus meiner Zeit bei kulturweit mit?“ viele bunte Zettel mit den Antworten: „Freunde“, „Die Gewissheit meinen Berufswunsch weiter zu verfolgen“, „Spanischkenntnisse“ und auch: „Mittel- und Osteuropa ist top!“ Über diese Erkenntnis freut sich sicher auch Christians Großmutter.

Bewerbungen für einen Freiwilligendienst ab Februar 2013 können noch bis zum 30. April 2012 hier eingereicht werden.
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