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Autor Shalicar im Interview: „In Israel habe ich Frieden gefunden“

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Shalicar (links):„Im Berliner Wedding waren Freundschaften wie mit Sahin (rechts) kaum möglich"(Foto: privat)

26. April 2012

Wo andere sich auf einem Pulverfass wähnen, fühlt sich Arye Sharuz Shalicar endlich frei und sicher: 2001 wanderte der Schriftsteller nach Israel aus. Im Interview erzählt er von seiner Jugend im Berliner Wedding, der Suche nach seiner jüdischen Identität und wahren Freunden.

Herr Shalicar, was macht eine wahre Freundschaft aus?

Shalicar: Wahre Freunde halten zueinander und unterstützen sich. In meinem Fall beschützen sie sich sogar.

Sie beschützen sich?

Ich bin als Sohn persischer Juden im Berliner Bezirk Wedding aufgewachsen. Dort waren Auseinandersetzungen mit anderen Jugendlichen an der Tagesordnung. Aufgrund meines Aussehens wurde ich oft auf der Straße gefragt, ob ich Muslim sei, Araber oder Türke. Als ich sagte, dass meine Eltern aus dem Iran stammen und ich Jude sei, waren viele extreme Muslime gegen mich und haben versucht, mich fertigzumachen. Zum Glück gab es in diesen bitteren Zeiten auch Menschen, darunter auch eine Gruppe junger Muslime, die mich beschützt haben und die Freundschaft zu mir gehalten haben – einige sogar bis heute.

Wie sah Ihr Alltag als Jugendlicher im Wedding aus?

Ich hatte eine Art Doppelleben. Morgens bin ich auf das Gymnasium gegangen und habe versucht, die Noten so hinzubekommen, dass ich das Schuljahr schaffe. Auf dem Rückweg habe ich Dutzende von jungen Arabern, Türken und Kurden getroffen, die „spazierengingen“. So nannten wir es damals, wenn man nichts zu tun hatte, irgendwo rumhing und aus Langeweile auf blöde Ideen kam. Von solchen Jugendlichen wurde ich bedroht, beleidigt und auch körperlich angegriffen.

Wie sind Sie mit diesen Angriffen umgegangen? Rückzug oder Verteidigung?

Meine Mutter hat mir immer geraten, mit den Menschen zu reden, friedlich zu sein, Geduld zu haben, nett zu sein und zu vergeben. Mein Vater hat gesagt: „Mit Extremisten kannst du nicht reden, da musst du dich verteidigen." Ich habe für mich den Mittelweg gefunden. Einerseits habe ich mit der Schule weitergemacht, mein Abitur in Berlin geschafft und viel Zeit mit meinen Eltern, meinen Geschwistern und meiner damaligen Freundin Janica verbracht. Andererseits habe ich versucht, mit denen, die mir ans Leder wollten, Freundschaften zu knüpfen. Dies ist mir irgendwie gelungen, aber ich musste dabei aufpassen, dass ich selbst nicht in die kriminelle Richtung abrutsche.

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Autor Shalicar: „In Israel fühle ich mich zu Hause“ (Foto: privat)
Wann haben Sie zum ersten Mal bewusst Antisemitismus erfahren?

Im Alter von zirka 14 Jahren. Wir haben in der neunten Klasse einen Text durchgenommen, in dem es um ein kleines jüdisches Mädchen ging. Mein damals bester Freund, ein indischer Muslim, saß in der Klasse neben mir und sagte plötzlich so etwas wie „Juden sollte man töten“ und „Juden sind unsere Feinde“. Als ich ihm erzählte, dass ich jüdisch bin, wollte er mir nicht glauben. Am nächsten Tag trug ich meine Kette mit einem Davidsternanhänger, die mir meine Großmutter bei einem unserer Urlaube in Israel geschenkt hatte. Seitdem hat er nie wieder mit mir gesprochen.

Mit ihrer jüdischen Identität haben Sie sich selbst erst sehr spät auseinandergesetzt.

Ich wusste schon vorher, dass irgendwas in meiner Identität jüdisch ist, aber es hat lange keine Bedeutung in meinem Leben gespielt. Meine Eltern haben mir nichts über Religion oder Zugehörigkeitsgefühl beigebracht. Sie wollten, dass ich mich modern, westlich und als freier Berliner entwickle.

Sind Sie Ihren Eltern dafür dankbar?

Mittlerweile ja, aber ich war lange deswegen sauer auf sie. Wenn ich heute zurückschaue, merke ich, dass ich mich so um einiges gesünder entwickelt habe. Denn ich habe mir das Jüdischsein sozusagen selbst beigebracht. Ich konnte selbst entschieden welche Rolle es in meinem Leben haben soll, anstatt die Entscheidung meinen Eltern oder der Jüdischen Gemeinde zu überlassen. Ich konnte so, als ich älter wurde, anfangen über das Judentum zu lesen und für mich zu überlegen: Was bedeutet es, jüdisch zu sein?

Und, wie haben Sie sich entschieden?

Ich habe angefangen darüber nachzudenken, was die Menschen eigentlich meinen, wenn sie sagen „Du bist Jude, du bist dreckig, und wir wollen dich töten“. Wieso haben sie diesen Hass gegen mich? Es war ja auch nicht eine bestimmte Volksgruppe, die mich angepöbelt hat; es waren Pakistaner, Inder, Türken, Kurden, Palästinenser, Libanesen, junge Muslime, die natürlich auch Einfluss auf Nicht-Muslime hatten. Ich begann zu lesen und nach dem Abitur Judaistik zu studieren. Ich habe gemerkt, dass diese radikalen Ansichten oft nicht von alleine kommen, sondern man diese von den Eltern mitkriegt. Das ist noch ein Grund, warum ich meine Eltern so liebe. Sie haben mir keinen Hass beigebracht, gegen niemand. Ich kann mich im Gegenteil daran erinnern, dass meine Mutter mir damals immer gesagt hat: Muslime, Christen, Juden und Buddhisten. Das spielt alles keine Rolle – wir sind alle Menschen, und man muss alle mit Respekt behandeln.

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Shalicar mit Freunden bei seiner Hochzeit: „Ich habe nach Zugehörigkeit gesucht"

Trotzdem haben Sie es irgendwann in Deutschland nicht mehr ausgehalten.

Ja. Ich habe aber in drei verschiedenen Ländern gelebt, bevor ich 2001 nach Israel ausgewandert bin: in Frankreich, Amerika und eben Israel. In Israel habe ich mich vom ersten Tag an zu Hause gefühlt, obwohl ich kaum Hebräisch konnte. Ich habe mich dort immer irgendwie frei gefühlt, bis zum heutigen Tag. Man läuft als junger Jude durch die Straßen und fühlt sich nicht bedroht, man muss den Davidstern nicht mehr verstecken. Ich habe sehr viele Freunde gefunden, die hebräische Sprache gelernt und zwei Uniabschlüsse gemacht. Im Endeffekt ist das der ausschlaggebende Punkt, warum ich nach Israel gezogen bin: weil ich auf der Suche nach Zugehörigkeit war, nach Ruhe, nach Frieden.

Ruhe und Frieden suchen Sie ausgerechnet in Israel?

Ich weiß, das klingt komisch, aber für mich persönlich ist es so. Ich fühle mich frei, wenn ich tagtäglich zur Arbeit gehe, auf den Straßen Jerusalems unterwegs bin oder in Cafés sitze. Diese Freiheit ist mir wichtiger, als in einem Land zu wohnen, wo keine Raketen einfallen, ich mich aber nicht mal traue, aus der U-Bahn auszusteigen, weil ich nicht weiß, wer mich am Bahnhof anpöbelt.

2010 haben Sie all diese Erfahrungen niedergeschrieben und Ihre Autobiografie „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ veröffentlicht. Wie sind Sie als Autor an den Text herangegangen?

Den Text habe ich vor etwa sechs Jahren schon fertiggeschrieben. Eine Veröffentlichung war ursprünglich nicht geplant. Ich habe den Text in erster Linie geschrieben, weil ich einen Schlussstrich ziehen wollte und weil ich den Text irgendwann meinen Kindern geben wollte, wenn die Frage kommt „Papa, warum bist du eigentlich aus Deutschland weggegangen?“. Das war der Grund, warum ich angefangen habe zu schreiben. Ich habe den Text dann nur meinen Eltern und meinen Geschwistern zu lesen gegeben. Sie haben geweint und waren erschüttert. Danach meinten alle, dass ich die Geschichte veröffentlichen sollte, weil diese Erfahrung heute kaum jemand in Deutschland kennt.

Haben Sie seit der Veröffentlichung des Buches mehr Freunde oder mehr Feinde?

Ich habe sehr viel positives Feedback bekommen; aus allen Ecken Deutschlands, der Schweiz und Österreich. Hunderte von Menschen haben mir zum Beispiel über Facebook geschrieben, wie gut ihnen das Buch gefällt. Es gab aber natürlich auch einige negative Reaktionen, sogar Drohungen, aber die meisten waren positiv.

Werden Sie ein weiteres Buch veröffentlichen?

Ich habe angefangen, mir Gedanken darüber zu machen. Es ist aber schwierig, weil ich gerade als Pressesprecher der israelischen Armee arbeite und kaum Zeit habe zum Atmen. Aber ich habe einige Ideen, die ich irgendwann auch gerne zu Papier bringen würde.

Pressesprecher der israelischen Armee? Wie kam es dazu?

Das war Zufall. Vor drei Jahren gab es die israelische Militäroperation gegen die Terroristen der Hamasorganisation im Gazastreifen, und ich habe gemerkt, wie sehr viele Menschen über das Internet – besonders in Europa – sich gegen Israel äußern, und dass viele Vorurteile gegenüber dem israelischen Militär haben. Man liest so etwas wie „das sind alles Verbrecher, die töten Kinder und Frauen“. Das hat mich persönlich getroffen, denn ich habe auch viele Freunde, die in der Armee gedient haben. Ein Freund erzählte mir von der freien Stelle als Pressesprecher, ich habe mich beworben, wurde angenommen und arbeite jetzt seit zweieinhalb Jahren glücklich in dieser Position.

Sie haben selbst nicht gedient?

Ich habe sowohl bei der Bundeswehr als Sanitäter gedient, als auch meinen Pflichtdienst bei der israelischen Armee (IDF) absolviert. Reservedienst habe ich in Israel auch geleistet, bis ich gegen Ende 2009 eine Offizierskarriere bei der IDF begonnen habe.

Wo sehen Sie Ihre Kinder aufwachsen?

Auf jeden Fall in Israel. Meine Frau ist schwanger, und wir erwarten im Sommer unseren ersten Sohn. Da wir in Israel leben, muss ich ihm nicht erklären, was Jüdischsein bedeutet. Ich würde ihn gerne modern, aber doch mit einer gesunden Portion Identität und Zionismus aufwachsen sehen. Zugehörigkeitsgefühl ist mir wichtig und auch die Liebe zum Land. Ich hoffe, dass mein Sohn später in Frieden und ohne Angst vor Raketen in Israel leben kann.

Das Interview führte Caroline Meurer

Arye Sharuz Shalicar, 1977 in Göttingen geboren, stammt aus einer Familie persischer Juden. 2001 wanderte er nach Israel aus und studierte an der Hebräischen Universität Jerusalem Internationale Beziehungen, Nahostgeschichte und Politik und im Anschluss European Studies. 2010 erschien seine Autobiografie Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude. Shalicar ist ehrenamtlicher Vorsitzender der Organisation junger deutschsprachiger Einwanderer in Israel (NOAM) und seit Oktober 2009 Pressesprecher der israelischen Armee (IDF). Am Freitag, den 27. April wird Arye Sharuz Shalicar ab 20 Uhr zusammen mit dem israelischen Autor Eshkol Nevo im Literaturhaus Berlin lesen und diskutieren. Die Veranstaltung ist Teil der deutsch-israelischen Literaturtage, die vom 25. bis 29. April unter dem Titel beziehungsweise(n) in Berlin stattfinden. Die Literaturtage werden vom Goethe-Institut und der Heinrich-Böll-Stiftung organisiert.
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