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Sexualerziehung im Libanon: Lasst uns über Sex reden!

Thomas HaselCopyright: Thomas Hasel
Die Sitten wandeln sich: Die Gäste aus dem Libanon mit Gesprächspartnerinnen in Berlin (Foto: Thomas Hasel)

13. August 2012

Über das Wetter, die Arbeit oder den Fußball lässt sich’s meist trefflich parlieren. Bei dem Thema Sex wird es da etwas heikler. Was selbst in Europa gilt, macht Aufklärern in Ländern wie Libanon die Arbeit erst recht schwer. Farah Wardani und ihre Kolleginnen kennen das Problem. Von Thomas Hasel

Als Farah Wardani aus einem Gespräch mit den Schauspielern des Berliner Theaters Strahl kommt, leuchten ihre Augen. Begeistert erzählt die libanesische Theatertherapeutin, welche Kooperationen sie und die deutschen Darsteller für die Zukunft vereinbart haben. Farah Wardani will die Theatergruppe nach Beirut einladen, mit ihnen Workshops für libanesische Schauspieler organisieren und am liebsten auch Mitarbeiter ihrer eigenen Truppe, dem Live Lactic Culture Theatre, nach Berlin schicken. Wer die Pläne finanzieren soll, ist noch offen. Aber ein erster Kontakt ist gemacht.

Farah Wardani gehört zu vier jungen Frauen aus dem Libanon, die auf Einladung des Goethe-Instituts nach Berlin und München gereist sind. Thema der Reise war allerdings nicht die deutsche Theaterszene, sondern Sexualerziehung für Jugendliche in Deutschland. Dass Wardani dennoch im Theater Strahl landete, liegt daran, dass hier seit 15 Jahren Stücke auf die Bühne gebracht werden, die sich mit der ersten Liebe, Schwangerschaft bei Minderjährigen oder Homosexualität auseinandersetzen. Farah Wardani sucht nach Methoden, wie man das schwierige Thema Sexualität auch libanesischen Jugendlichen nahebringen kann, ohne dass konservative Kreise dagegen Sturm laufen. Ein schwieriges Unternehmen.

„Wir haben kaum Sexualkunde in den Schulen“, sagt sie. Es werde zwar im Moment im Bildungsministerium ein Programm für den Sexualkunde-Unterricht entwickelt, das aber viel zu vorsichtig an das Thema herangehe. „Das Thema Sexualität ist bei uns fast tabu. Die Lehrer trauen sich nicht wirklich, mit ihren Schülern darüber zu sprechen, in den Familien wird es oft totgeschwiegen, und christliche wie muslimische Geistliche sind gegen eine offene Diskussion. Ihre Ratschläge beschränken sich meist darauf, keinen Sex vor der Ehe zu haben.“

Da dieser Tipp bei jungen Libanesen eine ernsthafte Sexualerziehung kaum ersetzen kann, versucht Farah Wardani mit Hilfe des Theaters das Thema anzugehen. „Ein Seminar über Sexualität in der Schule wird nicht akzeptiert, ein Theaterstück, in der wir unsere Botschaft subtil rüberbringen, schon eher“, meint Farah Wardani, die ihre Stücke in Schulen aufführen will.

Viele glauben, dass Homosexualität eine Krankheit ist

Dass Sexualerziehung im Libanon Not tut, bestätigt auch die Ärztin und Fernsehmoderatorin Sandrine Atallah. Seit 2010 präsentiert sie eine wöchentliche Aufklärungssendung im libanesischen Sender LBC. Zuschauer können per E-Mail oder in einem Blog zur Sendung Fragen stellen, die von Sandrine Atallah und ihrem Mit-Moderator beantwortet werden. Die häufigsten Fragen kreisen um die Befürchtung, durch Masturbation die Jungfräulichkeit zu verlieren, unfruchtbar, blind oder taub zu werden.

Ältere Zuschauer bewegt unter anderem die Angst vor Geschlechtskrankheiten, aber auch die Frage, ab wann Frauen nach einer Schwangerschaft wieder Sex haben können. „Wir müssen viel Aufklärungsarbeit leisten“, sagt Sandrine Atallah. „Viele Menschen bei uns glauben zum Beispiel, dass Homosexualität eine Krankheit ist.“ Eine Sendung, die sexuelle Aufklärungsarbeit leistet, hat es im Libanon nicht leicht. „Wir werden von konservativen Seiten stark angegriffen“, erzählt die TV-Moderatorin. Jede Woche stehe in irgendeiner Zeitung, die Sendung sei pornographisch, und Atallah erhielt bereits mehrmals Drohbriefe und -anrufe.

Doch die Moderatorin macht weiter, denn sie weiß, dass die jungen Menschen im Libanon nach Aufklärung dürsten und die Sitten in einem Land, in dem Geschlechtsverkehr vor der Ehe, Homosexualität und Ehebruch strafbar sind, aber so viele Schönheitsoperationen durchgeführt werden wie nirgends sonst, sich rascher wandeln, als es sich mancher vorstellen mag.

Dass Homosexualität natürlich auch im Libanon nichts Ungewöhnliches ist, aber die Existenz gleichgeschlechtlicher Liebe von den herrschenden konservativen Kräften hartnäckig als abartige Verirrung bekämpft wird, treibt besonders Diana Abou Abbas um. Die Mitarbeiterin der MARSA Sexual Health Clinic, der einzigen Klinik für sexuelle Krankheiten im Nahen Osten, setzt sich deshalb für die Anerkennung von Homosexualität ein, unter anderem durch Sit-Ins am Beiruter Christopher Street Day. Deshalb ist sie auch besonders interessiert an einer Begegnung mit Mitarbeiterinnen des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD).

HIV: Hohe Dunkelziffer

Hier wendet man sich insbesondere an Jugendliche mit Migrationshintergrund und versucht zum Beispiel durch Sportveranstaltungen, wie die jährlichen Respect Gaymes, deren Vorurteile gegenüber Homosexuellen abzubauen. Dass man dabei auch etwas über die eigenen Vorurteile lernt, gibt die Psychologin So-Rim Jung vom LSVD im Gespräch mit den libanesischen Gästen zu. „Anfangs dachten wir, dass die Homophobie bei Muslimen besonders stark sei. Aber das stimmt gar nicht. Es geht ganz allgemein um Vorurteile. Deshalb richten wir uns jetzt auch in unseren Kampagnen gegen Rassismus und Islamophobie.“

Diana Abou Abbas versteht sich mit ihren Gesprächspartnern vom LSVD auf Anhieb sehr gut und will unbedingt über eine weitere Zusammenarbeit sprechen – vor allem in einem Bereich, der für die arabische Welt und den Libanon immer bedeutender wird: den der Aids-Prävention und der Entstigmatisierung von HIV-Erkrankten. Denn auch wenn die offizielle Zahl mit 1.500 Betroffenen auf rund 4 Millionen Libanesen niedrig ist, geht man von einer viel höheren Dunkelziffer aus. Das Problem aber sei, dass viel zu wenige Libanesen sich wegen der Angst vor einer sozialen Ausgrenzung überhaupt testen lassen, wie die Krankenschwester und Forscherin an der American University of Beirut, Rola Yasmine, berichtet. „Auch das Thema HIV und Aids ist bei uns beinahe tabu. Wir wissen nicht, wie viele Menschen im Libanon wirklich davon betroffen sind, es ist schwer, an Medikamente zu kommen, und unser Land wäre auf eine höhere Anzahl von Erkrankten logistisch und mental überhaupt nicht vorbereitet.“

Auch hier gilt es, viele Vorurteile abzubauen. Wie man in Deutschland dabei in den vergangenen 25 Jahren relativ erfolgreich vorgegangen ist, erfahren die Gäste bei einem Treffen mit einem Vertreter der Berliner Aids-Hilfe. „Wir haben nie versucht, Angst vor Geschlechtskrankheiten zu erzeugen“, sagt Thomas Wilke, Jugendarbeiter bei der Aids-Hilfe. „Unser Ansatz war immer zu zeigen, dass man positiv mit HIV und Aids umgehen muss, um Betroffene nicht zu stigmatisieren.“

Diana Abou Abbas von der MARSA-Klinik überzeugt das. Sie möchte in Zukunft Praktikanten zur Aids-Hilfe nach Deutschland schicken und von den Erfahrungen hier lernen. „Wir haben einen Weg vor uns, den man in Deutschland teilweise schon gegangen ist“, sagt sie. „Aber zu wissen, wie dieser Weg aussehen kann, motiviert mich für meine weitere Arbeit zu Hause.“

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