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Leander Haußmann im Interview: „Alle meine Filme handeln von mir“

Dominik BaurCopyright: Dominik Baur
Regisseur Haußmann: „Da versteckt sich einiges Dynamit“ (Foto: Dominik Baur)

20. April 2012

Für seinen Film Hotel Lux hat Leander Haußmann in Deutschland viel Lob geerntet, aber auch Kritik. Jetzt zeigt der Berliner Regisseur ihn dem australischen Publikum. Ein Gespräch über Geschichte, Festivals, Höhlenmalerei und viel Geld. Und ein Lob von Michael Ballhaus.

Herr Haußmann, beim Audi Festival of German Films in Australien präsentieren Sie auf Einladung des Goethe-Instituts unter anderem Ihren jüngsten Film „Hotel Lux“. In drei Sätzen: Worum geht es darin?

Haußmann: Um einen deutschen Komiker, der zu spät aus Deutschland ausreist. Er muss aus Nazi-Deutschland fliehen und will nach Hollywood. Weil aber die amerikanischen Pässe aus sind, muss er erstmal Zwischenstation in einem Hotel in Moskau machen, von dem sich herausstellt, dass es das Hotel der Kommunistischen Internationale ist, und dort geht es ihm schlecht aufgrund einer Verwechslung. Kurz: Es ist eine Komödie.

Sie haben den Film als ihren vielschichtigsten bezeichnet. Warum?

Das ist ganz wörtlich zu verstehen: Der Film hat sehr viele Ebenen. Und das bringt einige Herausforderungen mit sich. Zum einen haben wir es mit einem sehr düsteren Thema in einer extrem brutalen und kompromisslosen Zeit zu tun, das in einer Komödie erzählt werden muss, ohne dass die Opfer dabei verhöhnt werden. Zum anderen musste ich den komplexen Sachverhalt dieses besonderen Hotels einem Publikum nahebringen, für das der historische Hintergrund größtenteils neu ist. Und außerdem muss man ja bei einem so sensiblen Thema auch historisch unangreifbar sein. Da versteckt sich schon einiges Dynamit. Nicht umsonst will man den Film in Moskau nicht zeigen.

Der Film ist also auch ein bisschen Geschichtsstunde?

Geschichtsstunde klingt mir eigentlich etwas zu oberlehrerhaft, aber natürlich kamen wir da nicht ganz daran vorbei. Doch es gibt ja schließlich auch positive Beispiele für filmische Geschichtsstunden – zum Beispiel „Schindlers Liste“ oder „Titanic“. Und ich fände es nicht schlecht, wenn dem Zuschauer durch meinen Film der eine oder andere Zusammenhang klarer wird. Unsere Aufgabe ist es, Geschichten zu erzählen, aus denen die Geschichte gemacht ist. Aber natürlich müssen wir dabei auch ein bisschen flunkern.


Audi Festival of German Films: Zur Website des Festivals

In einem Interview beschreibt Michael Herbig die von ihm gespielte Hauptfigur von „Hotel Lux“, Hans Zeisig, so: „Der scheißt sich ja nun gar nichts. Er zieht auch alles so ein bisschen ins Lächerliche. Aber auf eine sehr charmante Art und Weise.“ Sind Sie selbst auch ein bisschen Hans Zeisig?

Auf jeden Fall. Alle meine Filme handeln auch – in unterschiedlichem Maße – von mir. „NVA“ und „Sonnenallee“ sowieso; selbst „Herr Lehmann“ ist in dem Film ein bisschen wie ich, auch wenn es die Figur des Autors Sven Regener ist. Das hat den nicht unbedingt gefreut; aber ich kann nur überzeugend Filme machen, wenn ich auch etwas von mir selbst erzähle. Auch wenn es manchmal nur eine Wunschvorstellung ist, wie ich mich gern sähe.

Stimmt es, dass „Hotel Lux“ erst von Helmut Dietl gemacht werden sollte?

Die Idee war ursprünglich seine. Eine Zeitlang wollte er sie auch selbst verfilmen, aber schließlich hat er sie an die Constantin verkauft. Und dort hat Produzent Günter Rohrbach das Projekt wiederbelebt und sich damit an mich gewandt.

Die Kritiken für „Hotel Lux“ waren sehr unterschiedlich: Es gab großes Lob, aber auch einige Verrisse. Verfolgen Sie, was die Feuilletons über Sie schreiben?

In diesem Fall war es wirklich sehr interessant: Eine solche Bandbreite an Reaktionen gab es noch nie: Manche Zeitungen waren ja regelrecht hingerissen, andere dafür umso böser. Aber wissen Sie, wer ein großer Fan dieses Films ist? Der Michael Ballhaus. Und das reicht mir dann eigentlich auch schon als Auszeichnung.

Was für Reaktionen erwarten Sie sich nun in Australien? Obwohl die Handlung größtenteils in Moskau spielt, erzählt „Hotel Lux“ ja doch eine recht deutsche Geschichte.



Das ist ein Irrtum. Es wird nicht etwas zu einer deutschen Geschichte, nur weil Hitler und die Nazis darin vorkommen. Der Film zeigt, was aus einer jungen Demokratie entstehen kann, und stellt vor allem die Frage: Wie würde ich mich selbst verhalten? Wie weit geht die eigene Loyalität? Auf welcher Seite wäre ich gewesen? Meine Figuren sind ja immer etwas wankelmütig und auch feige. Sie eignen sich ideal als Projektionsfläche für diese Fragen, weil man sich mit ihnen gut identifizieren kann, vielleicht sogar noch mehr im Ausland als in Deutschland.

Waren Sie schon mal in Australien?

Nein.

Sie haben aber schon einmal ein australisches Buch verfilmt.

Nicht dass ich wüsste. Welches?

Das Sachbuch „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ von Allan und Barbara Pease.

Ach so. Ja, stimmt. Die sind Australier. Das war sogar einer meiner erfolgreicheren Filme. Das habe ich inzwischen so zu meiner eigenen Story gemacht, dass mir das gar nicht bewusst war.

Jetzt gäbe es die Gelegenheit, sie zu treffen ...

Stimmt. Es würde mich ja schon interessieren, wie sie den Film finden. Das Buch war ja eine wun­derbare Vorlage. Dennoch haben wir ja unsere eigene Geschichte daraus gemacht und dabei auch den Ton des Buchs ein bisschen parodiert.

Welche Bedeutung haben Filmfestivals für Sie?

Ich freue mich, dass man mich einlädt und wahrnimmt, und finde den Austausch vor Ort immer sehr interessant. Aber letzten Endes würde ich es nicht überbewerten. Es kommt natürlich sehr auf das jeweilige Festival an. Wichtig ist, dass man wirklich Leute kennenlernen und sich austauschen kann. Dann ist es ein gutes Festival. Leider fehlt dieser Aspekt immer öfter. Am meisten kann man oft noch auf den Studentenfestivals erleben.

Manchen Regisseuren hilft die Aufmerksamkeit auf einem Festival dabei, an Gelder für neue Projekte zu kommen. Wie wichtig ist Geld für einen guten Film?

Das kommt auf den Film an. Ich schöpfe durchaus oft aus dem Chaos und aus der Armut. Daraus kann etwas entstehen. Was sind schon 500 Menschen auf einem Marktplatz gegen einen leeren Marktplatz, über den die Herbstblätter wehen? 500 Menschen sind im Film immer noch wenige, kosten aber wahnsinnig viel Geld. Und „Herr der Ringe“ oder „Titanic“ kann ich eh nicht mehr toppen. Für solche Filme ist das Geld extrem wichtig. Aber auch ich hätte natürlich gern viel Geld zur Verfügung. Oder wie Sammy Davis Jr. es mal formulierte: Ich war arm, und ich war reich. Reich war besser.

Wie hoch war das Budget für Hotel Lux?

11 Millionen Euro.

Dafür kann man sich ja schon ein paar Häuser kaufen. Tragen Sie schwer an so einer Verantwortung?

Nein. Natürlich muss eine alte Oma dafür sehr lange stricken. Aber das ist doch relativ. Filme sind die Höhlenzeichnungen unserer Zeit. Vielleicht war die Höhlenzeichnung damals etwas billiger, aber vielleicht war ihr Preis auch sehr hoch – im Verhältnis zu dem, was Zeit damals wert war. Vielleicht war der, der das gemacht hat, immer sehr müde und ist dann am Ende von einem Säbelzahntiger gefressen worden, weil er die ganze Nacht in der Höhle gemalt hat.

Haben Sie als Höhlenmaler unserer Zeit ein Vorbild? Und sagen Sie jetzt bitte nicht Ernst Lubitsch oder Billy Wilder!

Das wäre dann Quentin Tarantino. Viele sehen ja in ihm nur den Action-Regisseur, aber für mich ist er ein ganz großer Dialogschreiber. Er geht nie den einfachen Weg, seine Figuren reden in den Dialogen nie über die Handlung des Films. Das ist die große Kunst.

-db-

Leander Haußmann wurde 1959 in Quedlinburg geboren. Er stammt aus einer alten Künstlerdynastie, sein Vater war der Schauspieler Ezard Haußmann, seine Mutter ist die Kostümbildnerin Doris Haußmann. Nach einer Ausbildung zum Drucker wird Haußmann in den Achtzigern Schauspieler. Als solcher feiert er diverse Erfolge auf den Bühnen der DDR; nach der Wende wechselt er ins Regiefach. In den Neunzigern sorgt er mit zum Teil umstrittenen Inszenierungen auf unterschiedlichen deutschen Bühnen für einiges Aufsehen. Von 1995 bis 2000 ist er Intendant des Bochumer Schauspielhauses. Seither macht er vor allem Filme, zu den bekanntesten zählen sein Erstlingswerk Sonnenallee (1999) und Herr Lehmann (2003).
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