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Roma-Theater: Von wegen lustiges Zigeunerleben

Thomas AurinCopyright: Thomas Aurin
„Ich mache kein anthropologisches Theater“: Proben zu „Open for Everything“ (Foto: Thomas Aurin)

1. Mai 2012

Constanza Macras hat ein neues Tanzprojekt auf die Bühne gebracht. Ihre Protagonisten diesmal: Roma aus Ungarn, Tschechien und der Slowakei. Um ihre Situation geht es. Aber eines will die argentinische Choreografin auf keinen Fall – Mitleidstheater. Von Renate Klett

„I am open for everything“ – mit diesem Satz beendeten viele Teilnehmer des Castings ihre Präsentation, auch wenn sie eigentlich kein Englisch sprachen. Deshalb heißt das Tanzstück, das Constanza Macras im Auftrag der Goethe-Institute Prag, Budapest und Bratislava entwickelte, auch Open for Everything. Mehr als 80 Roma hat sie in den drei Städten kennengelernt, bei der zweiten Vorsprechrunde blieben noch 40 übrig.

Ausgesucht hat sie schließlich zwanzig von ihnen, Professionelle und Amateure, Junge und Alte, Musiker, Tänzer, Sänger. Drei Monate Proben in Budapest, Berlin und Wien, gemeinsam mit fünf Tänzern der Macras-Gruppe DorkyPark, haben aus zwei Dutzend Menschen, die sich vorher nicht kannten, eine eindrucksvolle Kompanie gemacht, die nach der Premiere bei den Wiener Festwochen in diesem Monat auf eine wochenlange Tournee gehen wird: nach Berlin, Hamburg, Dresden, Budapest, Prag, Nitra, Zürich und Stockholm.

Die Initiative für eine Aufführung mit und über Roma aus Zentraleuropa kam vom Goethe-Institut Prag. Die größte ethnische Minderheit in Europa ist nach wie vor vielfacher Diskriminierung und Aggression ausgesetzt. Am gefährlichsten ist ihre Situation derzeit wohl in Ungarn, wo es in den letzten Jahren zu zahlreichen Überfällen und Mordanschlägen gekommen ist.

Die Hintergründe sind bekannt, und sie sind erschreckend. Constanza Macras hat sie studiert, aber sie will keine politische Dokumentation auf die Bühne bringen, sondern Menschen zeigen, die von ihrem Leben erzählen, von ihren Träumen, Verzweiflungen und Leidenschaften. „Ich mache kein anthropologisches Theater“, sagt sie. „Natürlich ist die Situation der Roma sehr schwierig, besonders im Ungarn unter Premier Orban, aber mit Mitleidstheater und billigem Schulterklopfen ist ihnen nicht geholfen. Da will ich lieber Respekt und Würde einfordern.“

HipHop, Jazz und traurige Zigeunerlieder

Die argentinische Choreografin aus Berlin hat ein gutes Händchen für die Arbeit mit Laien, aus denen sie ihr Bestes herauslocken kann. Einige ihrer berühmtesten Stücke entstanden mit „Problem-Kids“, die sie so ernstnahm, dass sie keinen Platz für Zoo-Gefühl und Voyeurismus boten: Scratch Neukölln und Hell on Earth. Auch diesmal holt sie jeden Einzelnen genau dort ab, wo er steht.

Der dicke Adam Horvath erweist sich als erstaunlich gelenkiger HipHopper, Fatima Hegedüs, die früher Raimund Hegedüs hieß, kommt mit großherziger, ansteckender Diven-Qualität daher, und Ivetta Millerova kann die traurigen Zigeunerlieder so knapp und unsentimental singen, dass sie einem gerade dadurch die Tränen in die Augen treibt. Dazu die ausgezeichnete Profi-Band Gitans aus Prag, die neben ihren Volksliedern auch Jazz und Pop spielt – nein, dies ist kein sozial wohlmeinendes Theater, sondern ein künstlerisch hochgreifendes.

Constanza Macras hat Humor und Zartgefühl genug, die traditionelle Folklore auch auf die Schippe zu nehmen – und alle machen begeistert mit. Nur dann gehört einem die eigene Kultur wirklich, wenn man auch damit spielen kann. Die meisten der Roma kommen aus Ungarn, sind seit Generationen sesshaft und bezeichnen Ungarisch als ihre Muttersprache, einige können gar kein Romanes. Sie leben in speziellen Siedlungen am Dorfrand, kaum einer hat Arbeit und, ja, sie sind arm. Aber sie sprechen nicht gern über ihre schlechte Situation.

Sie wollen da raus, vielleicht auch mithilfe dieser Aufführung, aber niemand will ohne die Familie leben. Die Trennung von ihr ist schon bei den Proben und Gastspielen ein großes Problem. Für die ganz Kleinen ist Ivan Rostas, den alle nur „Papa“ nennen, als Betreuer dabei. Papa schaut bei den Proben zu, aber manchmal packt es ihn, und dann muss er einfach mitmachen. Außerdem kann er wunderschön die alten Zigeunermärchen erzählen. Die handeln immer vom Tod und oft von Gespenstern, die wiederkehren, weil sie im Jenseits keine Ruhe finden.

Tanzen gegen Klischees

Auch Goethe hat ein „Zigeunerlied“ geschrieben, und das beginnt so: „Im Nebelgeriesel, im tiefen Schnee, / Im wilden Wald, in der Winternacht, / Ich hörte der Wölfe Hungergeheul, / Ich hörte der Eulen Geschrei ...“ und handelt von Geistern und Werwölfen. Das Fahrende Volk, beneidet und beleidigt, hat schon immer die Phantasie der Sesshaften angeregt. Früher galt das Zigeunerleben als lustig und frei, heute, wo das oft ärmliche Haus den Wohnwagen abgelöst hat, ist es elend und ausgegrenzt.

In Wohnwagen sitzen jetzt eher die Reichen, und überhaupt sind heute alle ständig unterwegs – nur die Roma nicht. Auch um solche Entwicklungen kreist das Stück. Die DorkyPark-Tänzer leben in Berlin, aber sie stammen aus Israel, Südkorea, Holland, Deutschland und Kanada. Sie fliegen viel, weil die Kompanie Gastspiele in der ganzen Welt hat. Die meisten der übrigen Darsteller in Open for Everything hatten noch nie in einem Flugzeug gesessen, und sie freuten sich darauf wie die Kinder.

Folklore und Legenden, bunte Röcke, Carmen und schluchzende Geigen, Freiheit und Abenteuer, Ehre und Ohrringe – unsere Klischees sind romantisch oder, schlimmer, bösartig: Diebe, Schmarotzer, Gesindel. Macras will ein modernes Bild dagegen setzen, eines, das die Grenzen einreißt, die in den Dörfern und die in den Köpfen. Es soll den Stolz vermitteln und die Freude, und sei es nur darüber, einen komplizierten Tanzschritt erlernt zu haben und ihn nun souverän ausführen zu können. Auch das kann ein Anfang sein, wenn man 19 ist und große Pläne hat.

Die Uraufführung von Open for Everything findet am 10. Mai bei den Wiener Festwochen statt. Weitere Vorstellungen folgen am 12., 13. und 14. Mai. In Deutschland ist das Stück dann vom 18. bis 20. und 22. bis 23. Mai (Berlin, Hebbel am Ufer) sowie vom 31. Mai bis 2. Juni (Hamburg, Kampnagel) zu sehen.
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