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Kultur in Angola: Luanda leuchtet

Stefanie AlischCopyright: Stefanie Alisch
DJ K.O. am Strand von Luanda: Eine Stadt erfindet ihre Kultur neu (Foto: Stefanie Alisch)

22. Mai 2012

Ob im 30. Stock einer Hochhausruine oder hinter Barockfassaden im Herzen der City: Die Kulturszene von Angolas Hauptstadt Luanda boomt – melodisch und schrill, rastlos und optimistisch. Manches davon schwappt auch nach Europa. Von Bartholomäus Grill

Sleepless in Luanda. Vor der Pensão Invicta tobt der Nachtverkehr, die Klimaanlage scheppert, Moskitos fliegen Dauerangriffe. Dazu dieses infernalische Hämmern und Wummern, das von einem Hochhaus hinterm Largo do Kinaxixi herüberwabert. Raus aus dem nassgeschwitzten Bett, nichts wie hin! Das Hochhaus: ein verwahrlostes Betonskelett, vermüllte Korridore, Uringestank, ein paar Obdachlose auf Pappkartons. Dann, ganz oben, 30. Etage, die Schallquelle: uma festa, ein wildes Fest, nachts um zwei.

Das hohle Gebäude vibriert, hundert aufgedrehte Kids tanzen. Kizomba, Kuduro, Tarrachinha, Semba, was man alles so tanzt in Angola. Bei manchen Figuren denkt man an Geschlechtsverkehr, ein hüftsteifer weißer Mann sollte den Dancefloor nicht betreten, er würde sich zum Gespött mache. Also nur chillen, staunen, eine Cuca trinken, den fetzigen Sound aus den Musseques, den Armenvierteln der Stadt, hören. Ich schaue durch die Fensterhöhlen auf das Lichtermeer. Luanda leuchtet! Die einst so verschnarchte Metropole ist nicht mehr wiederzuerkennen.

Foto-Shooting mit Rui Tavares. Angolas Fotokünstler Nummer eins hat es in die Revue Noire geschafft, das Standardwerk über moderne Fotografie in Afrika. Wir treffen ihn in der von protzigen Wolkenkratzern umzingelten Altstadt, in der Travessa do Teatro Providencia zwischen verwitterten Barockbauten aus der portugiesischen Kolonialära. Die Keimzelle Luandas durchweht die Aura der Saudade. Tekasala Ma’at Nzinga und Shunnoz Fiel, die beiden „Models“, sind schon einsatzbereit. Sie tragen Stresemann und Gummistiefel, Manschettenknöpfe mit Kalaschnikows, dazu Fliegen und Einstecktücher in den schrillsten Karnevalsfarben. Fashionistas nennen sie sich, aber das ist irreführend, denn ihr Projecto Mental will viel mehr als schnöde Modeschöpferei.

Mentale Rekonstruktion

„Nach dem Bürgerkrieg geht es nicht nur um den physischen Wiederaufbau unseres Landes, sondern um die mentale Rekonstruktion“, erklärt Tekasala. „Wir wollen die Confusão überwinden.“ Die große Verwirrung in den Köpfen nach fünfhundert Jahren Fremdherrschaft und 30 Jahren Krieg. Es geht im Geiste eines Steve Biko, Patrice Lumumba oder der Négritude der Sechzigerjahre um die Dekolonialisierung des Denkens, um die Suche nach Angolanidade, nach einer ureigenen kulturellen Identität – ein Selbstfindungsprozess, der Luanda und seine Musiker, Tänzer, Schauspieler, Filmemacher, bildenden Künstler, Literaten und Intellektuellen beflügelt.

Allerwegen ist dieser Aufbruch zu spüren, in den Ateliers, Kinos und Theatern, im Dom Q oder einem der vielen Musikclubs der Stadt, bei den umjubelten Auftritten der Rap-Band Ikonoklasta, im Studio Ghetto Produções oder in der TV-Show Sempre a subir, wo DJ Sebem Kuduro-Stars wie Muana Po, Tony Amado, Zoca Zoca, Gata Agressiva vorstellt. über dieser kreativen Umtriebigkeit könnte das Motto einer Ausstellung stehen, die im Vorjahr anlässlich des 435. Jahrestags der Stadtgründung zu bewundern war: Luanda – Suave e Frenética – Luanda, sanft und frenetisch.

Aber im Norden hat sich das noch nicht herumgesprochen, die meisten Europäer wissen nicht einmal, wo Luanda liegt. Irgendwo in Afrika, auf dem Kontinent der Kriege und Krisen, der Katastrophen und des Elends, heißt es. Die derzeitige Hungersnot am Horn von Afrika scheint dieses immergleiche Klischee wieder einmal zu bestätigen, es hat sich in den Jahrhunderten der Eroberung, Unterwerfung und Ausbeutung Afrikas in das kollektive Gedächtnis der Außenwelt gestanzt. Dass es auch ein ganz anderes Afrika gibt, ein optimistisches, schöpferisches, heiteres Afrika, in dessen Großstädten die Zivilgesellschaft, das Kulturleben, die Musik- und Kunstszene aufblühen, will nicht in diese Wahrnehmungsmatrix passen.

Abblätternde Fassaden als Laufsteg

Zurück zum Projecto Mental und seiner Performance im Herzen der City. Die beiden Designer werfen sich in die Gosse. Posieren mit zerfledderten lusitanischen Geschichtsbüchern. Verwandeln die abblätternden Fassaden in vertikale Laufstege. Schließlich knüpfen sie sich mit Elektrokabeln an einer Ampel auf, direkt gegenüber dem stählernen Turm des staatlichen ölkonzerns Sonangol. Ein ironischer Kommentar zur größten Bereicherungsmaschine Angolas, in der Milliarden von Petrodollars versickern, während die Masse der Bevölkerung mausarm bleibt. So mausarm wie die Passanten, die die stilvollendete Selbsthinrichtung belustigt verfolgen. „Kleider, Mode, Information, Bildung“, röchelt der Modemacher Shunnoz. Seine Zunge hängt heraus.

„Der Elite geht es nur um materielle Werte, um Luxus, um hemmungslosen Konsum. Erziehung, Bildung und Kultur werden leider vernachlässigt“, sagt António Ole. Er ist der berühmteste Künstler seines Landes, 2010, bei der Afrika-Ausstellung Who knows tomorrow in Berlin, stellte er eine gewaltige Containerwand vor dem Museum Hamburger Bahnhof auf, eine Art Fetisch der globalisierten Warenwelt. Daheim muss er kämpfen. Seine wunderliche Großskulptur Mitologias II an der Marginale soll versetzt werden, das wurmt ihn.

Gleichzeitig aber öffnet Angolas schneller Reichtum der Kunst ungeahnte Horizonte, man muss nur Fernando Alvim besuchen, in dessen Privathaus tausend Initiativen zusammenlaufen. Er hat 2006 die erste Triennale in Luanda auf die Beine gestellt, momentan plant er das erste Museum für zeitgenössische Kunst in der Sieben-Millionen-Metropole. „Damit die Afrikaner endlich mal von den Afrikanern gesehen werden können.“ Als Vizepräsident der Fundação Sindika Dokolo kann er auf die Kunstschätze zugreifen, die sich in deren Fundus befinden, zum Beispiel auf die spektakuläre Kollektion aus dem Nachlass des verstorbenen deutschen Kunstsammlers Hans Bogatzke.

Atemlose, zukunftsfrohe Heiterkeit

Fernando Alvim ist ein Ereignis, Künstler, hyperaktiver Kulturmanager, kettenrauchend, rastlos wie die ganze Stadt, immerzu auf höchster Betriebstemperatur, vulcanissimo sozusagen. Der Westen verliere allmählich sein Monopol, er habe als globale Leitkultur, Deutungsmacht und Entwicklungsmodell ausgedient, nur Portugal, der Ex-Kolonialmacht, sei noch ein gewisser Einfluss geblieben. „Die innovativen Impulse und Ideen kommen aus Afrika, Brasilien und der afro-amerikanischen Welt.“ Das ist in diesen Tagen in allen Kulturmetropolen des Kontinents zu spüren, in Lagos, Cotonou oder Johannesburg und ganz besonders in Luanda. „Irre Location“, schwärmte DJ Spooky, der Trip-Hop-Künstler aus New York, der gelegentlich vorbeischaut. Wir trafen ihn bei unserem letzten Besuch im Bahia, in der coolsten Lounge an der Baía, man fing gerade an, die Flaniermeile in eine Art Copacabana zu verwandeln. „Cross culture, der Süden trifft den Süden. Du gehst nach Rio oder São Paulo und stellst plötzlich fest, dass die Ursprünge vieler Musikstile in Angola liegen. Der Semba hat sich in den Samba verwandelt, die Sklaven, die die Portugiesen über den Atlantik verschleppten, haben ihn mitgebracht.“ Nun kehren die „Kulturexporte“ heim, mischen sich mit der vielfältigen lokalen Musiktradition und werden wiederum global: Kuduro und anderer Ghettotech aus Luanda, erobern die Clubs in Berlin, London und New York.

Eine Stadt erfindet ihre Kultur neu – und entdeckt die alte wieder. Im November 2010 ist beim Frankfurter Label Analog Africa die CD Angola Soundtrack – The Unique Sound of Luanda (1968 – 1976) erschienen. Einfach sensationell, Lusotropicalismo pur, eine Mischung aus Kongo-Rumba, karibischer Merengue, kubanischen Grooves, psychedelischen Gitarrenriffs. Das Album, dessen Produktion das Goethe-Institut Angola gefördert hat, erhielt auf Anhieb den diesjährigen Preis der deutschen Schallplattenkritik.

„Eine magische Zeitreise ins postkoloniale Afrika und ein faszinierender Einblick in transatlantische Musikwanderungen“, lobte die Jury. Der Sampler lässt legendäre Bands wie Ngola Ritmos, Os Kiezos oder Jovens Do Prenda auferstehen, vielleicht schlagen sie ja ähnlich ein wie der Buena Vista Social Club der kubanischen Altmeister, die Ry Cooder „reaktiviert“ hat. Im Herbst gehen einige Musiker erstmals auf Auslandstournee. Dann wird man auch in Europa den Pulsschlag von Nova Luanda hören, diese atemlose, zukunftsfrohe Heiterkeit, die den Schlaf raubt.

Diesen Text haben wir der aktuellen Ausgabe des Goethe-Magazins entnommen. Noch mehr spannende Reportagen, Hintergründe und Interviews zum Thema finden Sie in „Luanda leuchtet – Angola im Aufbruch“.
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