Goethe aktuell

Kulturarbeit in der Dritten Welt: Den Anfang macht die Musik

David WeyandCopyright: David Weyand
Institutsleiterin Mirschberger: „Unser Haus ist freier als viele anderen Orte der Stadt“ (Fotos: David Weyand)

18. Juni 2012

149 Goethe-Institute gibt es weltweit. In Kulturmetropolen wie New York und Paris ebenso wie in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeshs. Aber was bedeutet Kulturarbeit in einem der ärmsten Länder Asiens? Ein Tag aus dem Arbeitsleben einer Institutsleiterin. Von David Weyand

Judith Mirschberger schlüpft aus ihren Schuhen und schreitet barfuß übers Parkett, vorbei an den deckenhohen Spiegeln. Schwarze Vorhänge verdunkeln den Tanzsaal. Mirschberger, seit Anfang 2011 Leiterin des Goethe-Instituts in Bangladesh, lässt sich von der düsteren Atmosphäre nicht einschüchtern. Die 30-jährige Geografin und Islamwissenschaftlerin durchquert den weitläufigen Raum im Obergeschoss der weißgetünchten Villa. Hinter ihr folgt auf leisen Sohlen Olivier Litvine. Er leitet das französische Kulturinstitut „Alliance Francaise“ in Dhaka.

„Is anybody here?“, ruft sie in die Stille. Aus einem Büro ertönt ein leises „Yes“. Die deutsch-französische Kulturdelegation betritt den Raum. An den Aktenschrank sind Fotos von Tänzern in traditionellen bengalischen Gewändern geheftet. Hinter dem Schreibtisch sitzt Lubna Marium. Die Tänzerin, Tanzlehrerin und Choreografin ist Generalsekretärin des Shadhona-Tanzzentrums im Stadtteil Banani. Zur Begrüßung gibt es Tee und eine Einführung in die Historie des klassischen bengalischen Tanzes.

Judith Mirschberger nippt an ihrem Tee und hört der Expertin lächelnd zu, dann kommt sie zu ihrem Anliegen. Litvine und sie wollen mit Lubna Marium über eine Kooperation sprechen. Die Leiter der europäischen Kulturinstitute lernten sich im September 2011 in Dhaka kennen und beschlossen, ein gemeinsames Projekt zu organisieren. Passend, dass es einen deutsch-französischen Fonds für Kulturarbeit in Drittländern gibt. Sie schlugen ein Tanzprojekt vor. „Wir wollten was machen, was auch ohne Sprache geht und wo wir nicht drei Übersetzungen – deutsch, französisch, bengalisch – brauchen“, sagt die Deutsche.

„Hip-Hop hat hier einen schlechten Ruf“

Idealer Partner ist der algerischstämmige Franzose Samir Akika, der an der Essener Folkwang-Hochschule Tanz studierte, und heute als Choreograph und Regisseur mit Künstlern in der ganzen Welt arbeitet. Ende Juni soll er nun einen zehntägigen Tanzworkshop in Dhaka mit anschließenden Aufführungen in der Hauptstadt und in Chittagong, der Hafenstadt im Süden, leiten. Teilnehmer sind zwölf professionelle Tänzer, an einem Tag dürfen auch Straßenkinder mitmachen. Lubna Marium strahlt und ist glücklich über die Zusammenarbeit. Eine Frage hat sie allerdings noch: „Es wird aber nicht nur Hip-Hop getanzt?“ Mirschberger kann sie beruhigen und erklärt später: „Hip-Hop hat in Bangladesh einen schlechten Ruf, er gilt als amerikanische Gangster-Musik.“

Es ist die erste Kooperation dieser Art in Dhaka. Aber nach dem Willen der beiden Initiatoren soll es nicht die letzte sein. „Wir wollen die Tanzszene in Bangladesh stärker mit der in Europa vernetzen und beiden neue Ausdrucksformen vorstellen“, sagt die Deutsche auf der Rückfahrt ins Institut. Der Austausch mit Partnern vor Ort ist ihr tägliches Geschäft.

Im Zentrum der Arbeit steht dabei oft die Musik. Da in dem muslimischen Land Prohibition herrscht und es keine Clubszene gibt, lädt das Institut regelmäßig zu Konzerten. „Rock ist extrem angesagt, aber auch elektronische Musik ist im Kommen.“ Kürzlich erst legte ein Berliner Elektro-DJ auf.

Film ab!

Zwei bis drei deutsche Künstler gastieren pro Monat im Goethe-Institut Dhaka. Das Spektrum reicht von moderner Literatur über klassische Musik bis eben zum Elektro-DJ. Einmal im Monat lädt das Institut gemeinsam mit dem Filmclub der Universität Dhaka zur German/Bangla Movie Night.

Nach einer Pause im Institut folgt der nächste Termin: die Medienakademie Pathshala. Am Fuße zweier Hochhäuser drängen sich mehrere Flachdachbauten mit Schulungsräumen um einen lauschigen Hof. Mittendrin umzingeln sechs Studenten eine Filmkamera, die auf einem Stativ jegliche Handgriffe erduldet. Als Judith Mirschberger um die Ecke biegt, lotst sie der Manager der Schule direkt zur Gruppe. Stolz verkündet er: „Das ist eure Kamera!“ Mirschberger gesellt sich in den Kreis, spricht ein paar Sätze mit den Schülern und folgt dem Manager in sein Büro.

Neben der Ausstattung finanziert das Goethe-Institut einen Journalisten der Deutschen Welle, der gemeinsam mit der Schulleitung ein neues Curriculum erstellen soll. Disziplinen wie Multimedia-Journalismus oder TV-Reportage sollen darin pädagogisch aufgefrischt werden. Erst auf Nachfrage bekommen Mirschberger und ihr Kollege Tanvir Alim aus der Programmabteilung den ersten Curriculums-Entwurf der Schule. Immerhin: Sie sind froh, dass überhaupt schon etwas Schriftliches vorliegt. „Unsere Partner konzentrieren sich stark auf ihre internationalen Kontakte und das Renommee, vergessen aber manchmal die alltägliche Arbeit vor Ort“, erklärt Mirschberger.

Die Freiheit und ihre Grenzen

Als sie wieder ins Goethe-Institut kommt, sitzen dort im Erdgeschoss Mädchen und Jungen gemeinsam im Café. Sie quatschen und lachen, Frauen rauchen, vereinzelt schäkern Pärchen. „Unser Haus ist freier als viele anderen Orte der Stadt“, sagt Mirschberger. Dennoch gebe es Grenzen: Wegen der gesellschaftlichen und religiösen Normen, wegen der Nachbarn und möglicherweise auch wegen staatlicher Beobachtung. „Neulich haben wir ein Pärchen aus der Toilette gezogen, das können wir natürlich nicht tolerieren“, sagt sie und ergänzt, fast entschuldigend: „In einer deutschen Schultoilette dürfen Jugendliche auch keinen Sex haben.“

Sexualität ist für das Goethe-Institut in Bangladesh dennoch ein wichtiges Thema. Bereits dreimal veranstaltete es das Rainbow-Festival zur Stärkung der homosexuellen und Transgender-Szene. „Ich erhalte dafür teilweise kritische, aber auch sehr wohlwollende Kommentare“, sagt Mirschberger. Um besser zu verstehen, was die Jugendlichen bewegt, die regelmäßig ins Institut kommen, dort aber kaum Veranstaltungen besuchen, gibt es zudem im Herbst ein interdisziplinäres Jugendfestival. Unter dem Motto Speak your mind – Urban Youth können Jugendliche und junge Erwachsene Projektvorschläge einschicken. Auch hier sind Themen wie Liebe, Sex, Drogen ausdrücklich erwünscht.

Aber erreicht man mit einem solchen Programmangebot auch die Rikscha-Fahrer aus den Slums? Nein, sagt Mirschberger, das könne man leider nicht leisten. „Unsere Zielgruppe ist zwangsläufig in erster Linie die urbane Mittel- und Oberschicht“, sagt Mirschberger. „Kulturarbeit im Slum ist nicht unser Auftrag. Dafür haben wir leider keine Kapazitäten, und das können andere auch viel besser.“

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