Goethe aktuell

Reise durch Amerika: Marsmenschen in Montana

Karl HoffmannCopyright: Karl Hoffmann
Die Gleise lassen es schon vermuten: Malta ist kein Ort, an den normale Menschen mit dem Zug reisen (Foto: Karl Hoffmann)

21. Juli 2012

Begonnen hat es mit einer Reise von Berlin nach Neapel, dann ging es von Moskau nach Lissabon, und ehe es sich versah, fand sich das deutsch-italienische Entdeckerteam in den USA wieder. Mit dabei auch diesmal Beppe Severgnini. In Montana traf der Starjournalist jetzt einen Dinosaurier.

Beim Einschlafen ist es schön, dem Geräusch vorbeifahrender Züge zu lauschen, schrieb einst der großartige Don De Lillo. Womöglich hatte er sich ein Zimmer im Maltana Motel in Malta, Montana gemietet und litt nicht an Schlaflosigkeit. Die mächtigen BSFN-Güterzüge fahren ununterbrochen an uns vorbei und bleiben nicht unbemerkt. Sie stürzen sich plärrend auf den unbewachten Bahnübergang, um dann in der Prärie zu verschwinden: zwei prometheische Lokomotiven, 200 Güterwagen, viele davon mit chinesischer Beschriftung. Sie ziehen von Westen nach Osten und dann von Osten nach Westen, in einem unaufhörlichen Getöse.

Sie sind ein großartiges Schlafmittel – noch besser als klassische Musik. Um 20.30 Uhr, während draußen dank der neuen Zeitverschiebung (Mountain Time) die Sonne noch glänzt, haben wir uns bereits in unsere jeweiligen Zimmer zurückgezogen und profitieren von der Internetverbindung die – Gott sei Dank – funktioniert. Eine Stunde später – wurde mir berichtet – habe man an meine Türe geklopft, um mir mitzuteilen, dass die Verabredung am darauf folgenden Tag um 7.00 Uhr abgesagt worden war. Doch wenn mich selbst 200 Güterwagen nicht wecken, wie sollte ich von dem höflichen Anklopfen zweier Italiener wach werden?

Malta ist ein Ort den Wim Wenders sicherlich gemocht hätte: es ist keine amerikanische Kleinstadt, sondern ein Bühnenbild, das auf einen Film wartet. Gerade, weite und öde Straßen, rechte Winkel, ein kobaltblauer Himmel und verblasste Innschriften. Die Hauptattraktionen hier sind die Überreste eines Dinosauriers (namens Leonardo) und der Räuber Kid Curry (Harvey Logan), der 1901 unweit von hier einen Zug überfiel. Dieser Angriff ging als letzter Raub der Wild-Bunch-Bande in die Geschichte, bevor Butch Cassidy und Sundance Kid sich nach Südamerika absetzten, um die unverdiente Rente zu genießen.

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Es ist genau das, wonach es aussieht: ein gottverlassener Bahnhofsschalter in der amerikanischen Provinz (Foto: Karl Hoffmann)

Wir irren durch leere Straßen, in die das Licht der schrägstehenden Sonne fällt, bis uns jemand freundlich in die Lucky-Bullet-Bar einlädt, ohne uns zu erschießen. Sobald man sich diesem gemäldeartigen und filmischen Amerika nähert und jemanden anspricht, löst es sich in wahren, persönlichen und oft auch bitteren Geschichten auf. Janae sitzt am Tresen und zeigt mir ein Bild des Vaters ihrer Tochter, der gestern nach Afghanistan gezogen ist, während ihre übergewichtigen Freundinnen über eine kollegiale doch allzu neugierige Freundin lästern. Dennis und Dodiee zeigen mir einen Sattel, den sie beim Rodeo gewonnen haben.

Im Restaurant des Great Northern Hotels, der uns in die Geschichte der Eisenbahn zurückführt, erzählt uns Cheryl, ein 23-jährige Kellnerin, dass sie aus Portland (Oregon) hierher gezogen ist, um Arbeit zu finden. Mit ihrer Frisur ähnelt sie einer Schauspielerin, die gerade ohne Helm von einer Motorradfahrt zurückgekommen ist. Eine Auktion, bei der Krimskrams versteigert wird, zieht ein Zehntel der örtlichen Bevölkerung an: In den Regalen ist der amerikanische Alltag ausgestellt – eine melancholische und doch tröstliche Wirklichkeit, wie die meisten jungen Erinnerungen.

Um sieben Uhr morgens scheint eine glänzende Sonne, als ob jemand in der Nacht den Himmel poliert hätte. Ein Ingenieur mit seinen drei blonden Töchtern hat zwei Zimmer im Maltana Motel gemietet. Sein Auto ist wie ein Pferd vor dem Schlafplatz geparkt. Die Mädchen frühstücken auf der Motorhaube und warten auf den Schwimmwettkampf.

Den Rest des Tages laufen wir ziellos an verlassenen Gleisen entlang und warten auf unseren Empire Builder, der uns nach West Glacier führen wird. Der Zug hat derzeit zwei Stunden Verspätung. Es könnten auch drei oder nur eine Stunde werden: Amtrak ist wie ein Überlebenstraining. Dass wir mit dem Zug nach Malta gekommen sind und kein Auto haben ist in dieser Gegend nicht nachvollziehbar. Fünf Italiener und ein Deutscher besichtigen Dinosaurier und schlendern am Bahndamm entlang? Wir sind wie Marsmenschen in Montana – Ennio Flaiano hätte das sehr gut gefallen.

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Wenigstens der Saurier ist echt, die Marsmännchen sind es nicht (Foto: Karl Hoffmann)


In den vergangenen beiden Jahren war der italienische Starautor Beppe Severgnini vom Corriere della sera mit dem Zeit-Redakteur Mark Spörrle unterwegs. Unter dem Titel Va bene?! reisten die beiden zunächst quer durch die eigene Heimat, dann durch halb Europa. Für das Folgeprojekt Atlantik-Pazifik hat sich Severgnini nun mit einem neuen Partner aus Deutschland auf nach Amerika gemacht: Gemeinsam mit dem ARD-Korrespondenten Karl Hoffmann durchquerte er zweieinhalb Wochen lang die Vereinigten Staaten. Was die „europäischen Marsmenschen“ auf der 6.000 Kilometer langen Reise erlebt haben, haben Sie natürlich nicht für sich behalten, sondern in ihrem Blog festgehalten.

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