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Indonesien filmt: Dokumentationen für die weite Welt

Goethe-Institut JakartaCopyright: Goethe-Institut Jakarta
Dreharbeiten in einem Bergdorf in der Nähe von Yogyakarta, Indonesien (Copyright: Goethe-Institut Jakarta)

13. Juli 2012

Wie Eisbären am Südpol – so selten waren bisher Dokumentationen aus dem südostasiatischen Millionenstaat. Ein Filmprojekt des Goethe-Instituts könnte das nun ändern, denn: Indonesiens Filmemacher entdecken, wie faszinierend der Alltag ihrer Landsleute sein kann. Von Christina Schott

Wenn früh am Morgen die ersten Sonnenstrahlen über den Vulkan Merbabu blitzen, hängt der feuchte Nebel noch schwer über dem zentraljavanischen Dörfchen Genikan. Bauern schleppen frisches Viehfutter den steilen Berghang hinunter zum Stall. Eine junge Frau heizt in ihrem Holzhaus das Feuer an, um Tee zu kochen. Während sie ihrem schlafenden Baby die Fingernägel schneidet, macht sich ein elfjähriger Junge für die Schule fertig.

In poetischen Bildern erzählt der indonesische Filmemacher Shalahuddin Siregar am Beispiel zweier Familien die Geschichte eines javanischen Bergdorfs, dessen traditioneller Alltag durch den Klimawandel beeinträchtigt wird. Mit etwas Glück wird der neunzigminütige Dokumentarfilm The Land Beneath the Fog im nächsten Jahr auf internationalen Filmfestivals zu sehen sein.



„Vor wenigen Jahren noch hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich einen solchen Film machen würde“, sagt der aus der Krisenprovinz Aceh stammende Regisseur, der zuvor mit zwei sozial engagierten Kurzfilmen aufgefallen war. „Früher sah ich Dokumentarfilme vor allem als journalistisches Medium, um über ein bestimmtes Ereignis zu berichten. Dass es auch anders geht, wurde mir erst klar, nachdem ich eine französische Dokumentation gesehen hatte, die einfach nur aus Beobachtungen bestand, ganz ohne Interviews. Ich war fasziniert und gleichzeitig überrascht, dass der Film trotzdem kein bisschen langweilig war.“

Neue Impulse und ein Aha-Effekt

Tatsächlich haben es außer dem legendären Filmemacher Garin Nugroho noch nicht viele indonesische Regisseure auf internationale Leinwände geschafft. Erst recht nicht mit einem Dokumentarfilm im Kinoformat. Dass dem 32-jährigen Siregar dieser Sprung nun gelingen könnte, hat er vor allem einem Langzeitprojekt des Goethe-Instituts Indonesien zu verdanken: Insgesamt sieben Filmteams wurden während des mehrteiligen Workshops DocLab Indonesien im Rahmen der Initiative Kultur und Entwicklung fortgebildet. „Während sich die indonesische Spielfilmszene rasant entwickelt, werden Dokumentarfilme hier bisher nicht als Form kreativen Ausdrucks angesehen – das Fach wird an unseren Filmschulen nicht einmal gelehrt“, erklärt die international erfahrene Filmkritikerin Lisabona Rahman. „Indonesische Dokumentationen beschäftigen sich ausschließlich mit Skandalen und großen Ereignissen.“

Dies zu ändern, war das Ziel des ersten Dokumentarfilmworkshops im April 2008, den die Filmaktivistin gemeinsam mit dem deutschen Regisseur Sebastian Winkels und Marla Stukenberg, der damaligen Programmdirektorin des Goethe-Instituts in Jakarta, entwickelt hatte. Unterstützt wurden sie dabei von der Friedrich-Naumann-Stiftung und dem Jakarta Arts Council. „Anfangs schauten wir von morgens bis abends Filme. Das war notwendig, um ein grundlegendes Verständnis für unser Anliegen zu schaffen. Die Teilnehmer konnten erleben, dass man über alltägliche Dinge wie Familie oder Freunde Filme machen kann, die durchaus spannend sind“, so Projektmanagerin Rahman.

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Dreharbeiten zu „The Land Beneath the Fog“ (Copyright: Goethe-Institut Jakarta)

Die meisten Teams erkannten schnell, worauf es ankommt und stürzten sich in die Arbeit. Unter dem Obertitel 10 Jahre Reformasi entstanden fünf Kurzfilme, die sich mit dem Leben in Indonesien ein Jahrzehnt nach dem Sturz des Diktators Suharto beschäftigen. Das Ergebnis war sehenswert: Einer der Filme wurde beim internationalen Kurzfilmfestival Oberhausen gezeigt, die Teilnehmer wurden zum Talent Campus der Berlinale 2011 eingeladen. Auf Festivals in Dresden, Lyon und Mailand wurden alle fünf Kurzfilme präsentiert. „Dieser Zwischenerfolg war sehr wichtig. Die Berlinale war wie ein Aha-Effekt, nach dem die Teilnehmer merkten, dass da draußen ein Publikum auf sie wartet“, erklärt Workshop-Leiter Sebastian Winkels.

Vernetzung, Aus- und Weiterbildung

Der Erfolg führte zum Entschluss des Goethe-Instituts, das Projekt über einen längeren Zeitraum im Rahmen des Bereichs „Berufliche Qualifizierung“ der Initiative Kultur und Entwicklung weiterzuführen. Zusätzlich unterstützte die Ford Foundation die Teilnehmer fortan mit einem Stipendium. „Wir wollten sehen, ob indonesischen Filmemachern der Sprung auf die internationale Bühne gelingt, wenn sie finanziell und technisch ideale Grundbedingungen vorfinden – zugegebenermaßen ein recht ambitionierter Ansatz“, sagt Katrin Sohns, regionale Referentin für die Initiative in Südostasien.

Ab 2012 wird das DocLab Indonesien Teil eines regionalen Ausbildungsprogramms, des DocNet Southeast Asia. Mit Unterstützung durch die Europäische Union werden in Indonesien, Kambodscha, Myanmar, Vietnam und den Philippinen regelmäßig Workshops, Seminare und Filmfestivals veranstaltet, die die lokal aktiven Szenen erstmals miteinander vernetzen und jungen Filmemachern Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten anbieten.

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Workshop „DocNet Southeast Asia“ im Juni 2011 (Copyright: Goethe-Institut Jakarta)

In Jakarta nahmen schließlich 2010 drei Teams die Herausforderung an, Kinodokumentationen zu produzieren. Zwei davon werden in diesem Jahr erstmals präsentiert: Siregars The Land Beneath the Fog und Denok & Gareng von Dwi Sujanti Nugraheni. „Ich wollte unbedingt einen Film machen, der Alltag zeigt“, erzählt die 35-jährige Politik- und Literaturwissenschaftlerin.

Denok & Gareng erzählt die Geschichte zweier ehemaliger Straßenkinder, die eine Familie gründen und eine Schweinefarm aufbauen – mitten im muslimischen Java. Sie verkaufen ihre Produktion vor allem an chinesische Kunden, um ihren Lebensunterhalt bestreiten und ihre Kinder zur Schule schicken zu können. Nicht alle Nachbarn und Freunde haben allerdings Verständnis für dieses „unreine“ Unternehmen.

Sprung ins kalte Wasser

Die ehemalige Sozialarbeiterin Nugraheni kannte ihre Protagonisten seit vielen Jahren. In ihrem sehr persönlichen Film kommt sie ganz nah an die Familie heran und deckt immer wieder neue Facetten ihres ungewöhnlichen Lebens auf. „Wir waren die Versuchskaninchen des Workshops. Wir waren das Team mit der geringsten Erfahrung, aber mit dem besten Zugang zum Thema. Also sind wir ohne viel Vorbereitung ins kalte Wasser gesprungen“, erzählt die Autodidaktin. „Dabei habe ich sehr viel von meinen Hauptdarstellern gelernt: Sie fingen bei Null an und wurden mit immer neuen Problemen konfrontiert – und dennoch machten sie immer wieder weiter.“

Dass es sich gelohnt hat, davon ist Workshopleiter Sebastian Winkels überzeugt. „Andere Teams hatten zuvor zwar mehr professionelle Erfahrung, aber ihnen fehlte schlichtweg die Geduld für den langen Produktionsprozess eines Dokumentarfilms“, sagt der Absolvent der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg, der selbst für seine ungewöhnlichen Dokumentationen bereits mehrfach ausgezeichnet wurde.

Im ersten Schritt ging es allerdings auch nicht darum, dass jedes Team am Ende einen neunzigminütigen Dokumentarfilm auf die Leinwand bringt, sondern um technisches Wissen, Filmtheorie und strukturelles Denken beim Schreiben von Drehbüchern sowie bei der Organisation von Produktionen. Ebenso wichtig war die Anschaffung von je zwei professionellen Kamera- und Tonaufnahmeausrüstungen sowie zwei Schnittplätzen. „Am Ende muss nicht unbedingt eine DVD im Regal stehen – der Erfolg liegt vielmehr im Prozess des Lernens und Arbeitens“, meint Sebastian Winkels. „Dass dieser Prozess nicht ohne Risiken ist, war von Anfang an klar. Im Grunde kann man bei keinem Filmprojekt vor dem Endschnitt ein erfolgreiches Ergebnis versprechen: Da sehen oft selbst erfahrene Filmemacher den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.“

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Zugang zu Ausstattung: Neben Kameras und Sound-Equipment gibt es zwei Schnittplätze (Copyright: Goethe-Institut Jakarta)

Regisseurin Nugraheni lächelt bei dieser Anmerkung gequält: Sie brauchte Monate, um aus 130 Stunden Filmmaterial einen vierstündigen Rohschnitt zu produzieren. „Ich glaube, wir haben nur so lange durchgehalten, weil wir immer weiter lernen wollten. Mittlerweile gelten Nugraheni und ihr Kameramann Kurnia Yudha in Indonesiens Filmszene als Nachwuchstalente und leiten das Dokumentarfilmfestival in ihrer Heimatstadt Yogyakarta.

„Anders als die Deutschen improvisieren Indonesier gern“

Der dritte Film entsteht gerade. Er hat den Arbeitstitel To Die Before Blossoming. Die 41-jährige Dokumentarfilmerin Ariani Djalal erzählt vom Erwachsenwerden zweier junger Mädchen in der Sultansstadt Yogyakarta, die angesichts der zunehmenden Islamisierung der indonesischen Gesellschaft unter hohem Druck stehen, gute Muslimas zu werden. Die Regisseurin, selbst Mutter zweier Söhne, beobachtet vor allem den familiären und schulischen Hintergrund der Teenager. Djalal bekam es dabei mit einem bei allen Dokumentarfilmern gefürchteten Problem zu tun: Die ursprünglichen Protagonistinnen verloren nach drei Monaten Dreharbeiten auf einmal das Interesse am Filmprojekt.

Die studierte Philosophin ließ sich jedoch selbst durch den Boykott eines Lehrers nicht von ihrer Idee abbringen und fing mit zwei anderen Mädchen noch einmal von vorne an. „Ich habe zuvor noch nie aus einer rein beobachtenden Perspektive gearbeitet“, sagt Djalal. „Obwohl ich noch nicht weiß, wie mein Film beim Publikum ankommen wird, würde ich am liebsten alle meine Kollegen davon überzeugen, mit dieser Methode zu arbeiten.“

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Dreharbeiten im Alltag einer indonesischen Familie (Copyright: Goethe-Institut Jakarta)

Auch Mentor Sebastian Winkels musste in Indonesien einiges dazulernen. Der 43-Jährige, der für das Goethe-Institut bereits in Kamerun einen Filmworkshop geleitet hatte, ging nie zu den Dreharbeiten der Teams mit. Er wollte die ohnehin schwierige Annäherung zwischen Filmemachern und Protagonisten nicht noch komplizierter machen. Die interkulturelle Auseinandersetzung folgte daher meist bei der Präsentation der Ergebnisse. Doch Diskussion und Kritik gehören nicht unbedingt zu den Stärken der Harmonie liebenden Javaner: Der offene Prozess des Workshops, bei dem die Arbeit jedes Filmteams immer wieder von anderen diskutiert und kritisiert wurde, war für viele Teilnehmer nicht leicht.

„Anders als die Deutschen, die von Anfang an jedes Detail planen, improvisieren Indonesier gern“, erklärt Regisseurin Djalal. „Den indonesischen Filmemachern erschien die intensive Vorabrecherche für ein detailliertes Konzept zu umständlich und sie fühlten sich unter Druck gesetzt. Doch gerade die Anleitung zum konzeptionellen Denken war das Wichtigste am ganzen Workshop: Je länger ich diesem Programm folgte, desto mehr verstand ich den Sinn dahinter.“

Am Ende haben natürlich die jeweiligen Regisseure das letzte Wort, in welcher Form sie ihr Werk fertigstellen wollen. „Es geht schließlich nicht darum, dass ich mich hinsetze und die Filme für die Teilnehmer schneide“, sagt Sebastian Winkels. „Vielmehr hoffe ich, dass sie im Laufe des Programms so viel Selbstvertrauen sammeln, dass sie sich ohne unsere Hilfe auf der internationalen Leinwand behaupten können.“

Diesen Text haben wir – leicht gekürzt – der aktuellen Ausgabe des Goethe-Magazins entnommen. Noch mehr spannende Reportagen, Hintergründe und Interviews zum Thema finden Sie in der Ausgabe „Kultur und Entwicklung“.
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