Goethe aktuell

Markus Popp im Interview: „Musik vermittelt das Unerklärliche“

Copyright: Georg Roske/Markus Popp
Musiker Popp: „Irgendwas muss immer komisch sein“ (Foto: Trevor Good)

17. August 2012

Was wie Oval klingt, ist nicht das, was Oval selbst gern hört. Aber wie klingt Oval eigentlich? „Goethe aktuell“ hat sich mit dem Mann getroffen, der Oval ist und gerade die Koffer für seine Südamerika-Tournee packt. Ein Blick in den elektronischen Tonbaukasten und die nahende Zukunft.

Was hören Sie eigentlich für Musik, wenn Sie nicht gerade selbst welche produzieren?

Popp: Ich höre alle möglichen Sachen, zum Beispiel Metalcore. Ganz anderes also als das, was ich produziere. Elektronische Musik höre ich fast gar nicht. Das liegt daran, dass sie mir am wenigsten Überraschungen liefert.

Sie sind seit den Neunzigern als Musiker und Produzent aktiv. Was hat Sie damals zur Musik gebracht?

Zunächst einmal wollte ich Musik machen, die mich selbst überrascht, die mir Freiräume lässt, Dinge zu machen oder einfach passieren zu lassen – ohne zufällig zu sein. Ich habe damals zum Beispiel Musik von beliebigen CDs genommen, Fragmente rausgesampelt und sie dann als Bausteine für eigene Tracks benutzt. Ich habe die Musik so eigentlich nur umsortiert. Ein Interviewstatement von mir aus dem Jahr 1995 hätte lauten können: „Das Beste an Musik ist, dass sie schon da ist – man muss sie doch einfach nur noch umsortieren.“

Und heute sehen Sie das anders?

Ja, mit dem Doppelalbum O habe ich komplett auf selbstkomponierte Musik umgestellt: viel mehr Kontrolle, viel mehr Komposition und Vorstellungskraft. Ich möchte heute die Grenzen verwischen zwischen elektronisch und akustisch, programmiert und gespielt, Laptop und Instrument. Wird diese Musik gespielt? Oder kommt sie aus einer Software? Bin ich das? Hört man von mir engagierte Gastmusiker oder ist das ein Programm? All das soll ein wenig vage bleiben. Das Technische tritt hinter die Musik zurück, ist aber nach wie vor am Werk, sonst wäre es kein Oval-Album. Irgendetwas muss immer ein bisschen komisch damit sein.



Wie läuft ein Tag im Leben von Markus Popp ab?

Die Grundkonstante ist, dass ich ja eigentlich jeden Tag 24 Stunden frei habe – frei zu strukturierende Zeit. Viel Zeit verbringe ich mit Organisation und Korrespondenz. Das Musikmachen läuft fast schon nebenher, quasi auf Zuruf. Es hat mittlerweile beinahe den Charakter eines Artisten, der seine Fähigkeiten spontan auf Kommando zeigen können muss.

Im August gehen Sie im Auftrag des Goethe-Instituts auf Südamerika-Tournee ...

Ja, ich möchte meine Stücke mit südamerikanischen Stimmen erweitern. Wir haben eine Ausschreibung über Facebook und über die Goethe-Institute in den jeweiligen Ländern gemacht. Interessierte Sänger konnten ihr Demomaterial hochladen via Upload oder über Plattformen wie Soundcloud zur Verfügung stellen. Auch ich habe dort ein Demo von mir zusammengestellt. Mehr als 70 Künstler haben sich um eine Aufnahme-Session mit mir beworben. Am Ende wurde aus fünf Ländern jeweils eine Person ausgewählt: aus Argentinien, Brasilien, Kolumbien, Uruguay und Venezuela. Zu Beginn meiner Reise wird es in Brasilien Studiosessions geben. Daraus wird dann eine CD entstehen. Im Anschluss findet eine Tournee durch sechs Städte in unterschiedlichen Ländern mit Oval-Konzerten und Workshops statt.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Sänger aus?

Rein emotional. Ich gehe da völlig unorthodox ran, weil ich kein Experte für Gesang bin. Möglicherweise entgeht mir so auch eine großartige Stimme, aber ich versuche bei meiner spontanen Methode zu bleiben.

2008 gab es das Projekt „So“ mit der japanischen Künstlerin Eriko Toyoda. Auch hier haben Sie sehr intensiv mit Stimmen gearbeitet. Wird das neue Projekt daran anschließen?

Das Projekt mit Eriko hatte genau den umgekehrten Ansatz: Die Songs waren von ihr. Ich habe sie dann quasi umgebaut und ausformuliert. Bei So war ich also Sounddesigner und in erster Linie Produzent. Bei dem kommenden Projekt kommt die Musik komplett von mir und der Gesang wird dann ergänzt.



Sie arbeiten oft mit anderen Künstlern zusammen. Macht das mehr Spaß, als allein im Studio zu sitzen?

Das Beste ist doch: Man weiß nie, was aus einer Kollaboration wird. Jeder arbeitet anders. Obwohl ich Oval schon seit vielen Jahren alleine mache, arbeite ich gern mit anderen zusammen. Es geht letztendlich darum, gemeinsam schneller zu Entscheidungen zu kommen. Der optimale Fall ist: Jeder bringt das ein, was er am besten kann. Aber manchmal ist es auch die Schnittmenge, die zu einem überraschenden Ergebnis führt, das im Solo-Modus gar nicht absehbar war.

Apropos Entscheidungen fällen: Wie entscheiden Sie eigentlich, wann ein neues Album oder ein Tonträger fertig ist?

Oval gehorchte schon immer irgendwie eigenen Regeln. 2010 habe ich mir zum Beispiel bei meinem O-Album für jeden Track ein Limit gesetzt: Jeder Track sollte aus derselben, überschaubaren Zahl an Elementen bestehen: Einem Hauptthema, einem atmosphärischen Sound, einem Akzent, einem melodischen Sound, Schlagzeug und Bass. Die Geschichte muss so kurz wie möglich erzählt werden, aber mit so vielen Wiederholungen wie nötig. Das sind Vorgaben, die man sich setzen muss, sonst wird man nie fertig. Die zehn bis zwölf ausgearbeiteten Songs auf O sind maximal fünf Minuten lang, die meisten der mehr als 60 Stücke aber eineinhalb Minuten. Wann das Stück dann wirklich fertig ist, entscheide ich nach Gefühl.



Ihrer letzten Compilation „OvalDNA“ haben Sie eine DVD beigefügt, die mehr als 2000 freie Oval Sounds enthält. Warum?

Mit dieser DVD stelle ich den Usern die Dateien zur Verfügung, aus denen meine ganzen Alben zusammengebaut sind. Also acht bis zehn Alben. In der DVD ist auch ein Code, mit dem man den OvalDNA-Player runterladen kann. Damit kann man dann die Soundfiles bearbeiten. Für mich ist das eine Form des Dialogs. Vergleichbar mit einer Kommunikation auf Facebook oder Gesprächen nach Konzerten. Mir geht es einfach darum, Dinge nicht mehr nur einseitig ablaufen zu lassen. Ich möchte nicht nur Produzent sein, sondern ich möchte involvieren, und mein Album soll sich weiterverbreiten. Deshalb auch der Name: OvalDNA. Auf das Copyright bestehe ich nicht: Die Sounds sind weder getaggt, noch mit einem Wasserzeichen versehen. Der User bekommt die Musik in Einzelteilen und kann damit machen, was er will: Filmmusik, Klanginstallationen, Klingeltöne.

Was ist für Sie das Interessante an Musik?

Für mich ist einer der großen Vorzüge von Musik, dass sie das Unerklärliche vermittelt, dass sie sich einer Konzeptualisierung immer wieder entzieht. Ich würde es als eine Art Unbeschreiblichkeit bezeichnen, die man immer anstrebt. Musik wird genau dann interessant, wenn man sie spüren, aber nicht wirklich beschreiben kann.

Das Interview führte Patrizia Barba

Markus Popp aka Oval, 44, gehört seit Jahren zu den international angesehenen und einflussreichen Produzenten zeitgenössischer elektronischer Musik. Popp inspiriert und provoziert bis heute eine ganze Generation von Musikern. Er arbeitet immer wieder mit anderen Musikern zusammen. Seine Klangkonstrukte werden auch in der Werbung und in Filmen verwendet. Für seine interaktive Klanginstallation Ovalprocess wurde er mit dem Prix Ars Electronica ausgezeichnet. Markus Popp reist von Mitte August bis Mitte September für das Goethe-Institut durch Südamerika, wo er seine Musikstücke um südamerikanische Stimmen erweitern wird.
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