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Jim Avignon im Interview: „Street Art ist zum Teil lebensgefährlich“

Copyright: Goethe-Institut Mexiko/Steffen Leidel
Maler Jim Avignon mit Straßenkünstlern in Guatemala: „Ein Windstoß, und dein Bild ist futsch“ (Foto: Goethe-Institut Mexiko/Steffen Leidel)

1. August 2012

Sechs Wochen war Jim Avignon in Zentralamerika und der Karibik unterwegs – und hat mit einheimischen Straßenkünstlern die Wände bemalt. Ein Gespräch über Fans, Farben und illegale Kunst.

Herr Avignon, ist Street Art immer politisch?

Avignon: Heute malen viele sogenannte Straßenkünstler nur auf der Straße, um in den Galerien besser zu verkaufen. Banksy ist vielleicht eine Ausnahme als jemand, der explizit politisch arbeitet. Andererseits kann man argumentieren: Wenn ich auf der Straße male statt in einer Galerie, dann ist das allein schon ein politisches Statement.

Anfang dieses Jahres waren Sie mit Unterstützung des Goethe-Instituts in Zentralamerika und der Karibik. Was ist den Künstlern dort wichtiger – Marktwert oder kreative Aussage?

In Mittelamerika wurde Straßenkunst lange als politisches Sprachrohr genutzt. Aber die jüngere Generation, zum Beispiel in Guatemala, Nicaragua und der Dominikanischen Republik, hat kein Interesse an alten klassenkämpferischen Positionen. Die ganze Welt befindet sich heute im Umbruch, weltweite Kommunikation rückt in den Vordergrund. Und als Grafikdesigner willst du beweisen, dass du genauso gut bist wie jemand, der in London oder Berlin oder New York sitzt.

Wer waren die Künstler, mit denen Sie zusammengearbeitet haben?

Von Land zu Land haben ganz unterschiedliche Gruppen auf unsere Ausschreibung reagiert. Unser Ziel war es, sowohl Graffiti- als auch Street-Art-Künstler zusammenzubringen, Grafikdesigner, die noch nie vorher an einer Wand gearbeitet haben, Comic-, Typo- und konzeptionelle Künstler.



Warum?

Es gibt überall auf der Welt Schubladendenken in den Szenen, und wir wollten es schaffen, dass ein Dialog entsteht. Letztendlich machen alle Beteiligten nichts weiter, als ihre Motive auf ihre eigene Weise an die Wand zu bringen, meistens illegal und ohne Bezahlung. Und in Mittelamerika zum Teil unter Einsatz ihres Lebens: Unser Besuch in Honduras wurde kurzfristig abgesagt, weil kurz vorher Straßenkünstler von einer Art Geheimpolizei erschossen worden waren.

Gab es für Sie ästhetische Aha-Erlebnisse?

Die Künstler in Nicaragua hatten eine sehr ungewöhnliche Art, alle Farben der Palette gleichberechtigt einzusetzen: viele Grüntöne, auch viel Rosa, Magenta, Hellblau. So etwas habe ich bisher nirgendwo auf der Welt gefunden.

Wie würden Sie denn Street Art definieren?

Das ist ein Phänomen, das vielleicht vor zehn, zwölf Jahren für mich persönlich zum ersten Mal offensichtlich wurde: Auf einmal tauchten im Straßenbild nicht mehr nur Graffiti auf, sondern auch Paste-Ups, überall an U-Bahn-Pfeiler und Hauswände geklebt.

Was ist ein „Paste-Up“?

Ein Paste-Up ist ein Motiv, das mit dem Schwarz-Weiß-Kopierer auf normalem Kopierpapier vergrößert wird, manchmal auf über hundert DIN-A-4 Seiten. Die Bilder spielen oft originell mit dem Umfeld. Das kann ein gezeichneter Character sein, also eine Art Comicfigur, oder ein Foto – da sieht man bei der Vergrößerung nur noch riesige Pixel – oder Typografie oder eine Montage. Man klebt das mit Tapetenkleister an die Wand. Außer es kommt vorher ein Windstoß, dann ist das Bild futsch, und man muss wieder von vorne anfangen.

Haben Sie sich diese neue Kunstform angeeignet?

Ich wollte nicht auf einen Zug aufspringen, zu dem ich überhaupt nichts beigetragen habe. Erst seit meinem Umzug nach New York vor sieben Jahren habe ich gemerkt, dass ich dort in der Szene der Street Art zugeordnet wurde, und entsprechend wurde ich dort dann auch eingeladen, auf Wände zu malen.

Das heißt, wenn man zum Beispiel durch Berlin läuft, kann man nichts von Ihnen sehen?

Auf der Straße? Gar nichts. Aber in New York habe ich wirklich einige Wände bemalt. Und jetzt, da ich wieder länger in Berlin bin, sehe ich bestimmt bald mal eine Wand, auf der ich gerne nachts was machen würde.

Fotostrecke: Street Art auf Reisen

Wie hat die Bevölkerung in den verschiedenen Ländern auf Ihre Arbeit reagiert?

Diese Kunst ist ja tatsächlich für die Straße, das heißt, sie kann jedermann, der den Humor dazu hat, begeistern. Wenn tagsüber zehn Leute an den Wänden stehen und malen, ist das aber auch etwas anderes, als wenn nachts im Halbdunkel zwei Typen schnell eine Hauseinfahrt bepinseln. Die Leute wollten Fotos mit uns, ja, brachten sogar Geschenke.

Geschenke?

Ja, ich habe Halstücher bekommen, Essen oder CDs mit selbstgemachter Musik. Wir hatten meistens prominente Wände in der Innenstadt, und das Malen geht schnell, es macht Spaß zuzuschauen. In Costa Rica und Guatemala sind da locker zweihundert Leute am Tag vorbeigekommen.

Gab es auch kritische Reaktionen?

Ja, die Direktorin der Kunstakademie in Jamaika hat uns am ersten Tag unumwunden gesagt, dass sie in unserem Projekt einen neoimperialistischen Ansatz sieht. Sie hat versucht, zu verhindern, dass ihre Schüler mitmachen, was wirklich unfair war, denn viele von denen waren neugierig auf uns.

Aber die Medien waren überall begeistert?

In Costa Rica haben wir für das Projekt die Wand am Parkplatz des Parlaments bekommen. Immer wenn eine Limousine ankam, weil ein Politiker ins Parlament wollte, hat sich das gusseiserne Einfahrtstor vor die Wand geschoben. Ein Künstler hat dort einen rauchenden Affen gezeichnet, der scheinbar im Gefängnis saß, sobald sich das Tor öffnete. Wir fanden das amüsant. Am nächsten Abend kam ein Fernsehteam vorbei und – was wir nicht wussten: Es war in Costa Rica gerade ein neues Gesetz gegen Rauchen auf Plätzen eingeführt worden. Die Wand wurde zu einem landesweiten Skandal.

Gab es ernste Konsequenzen?

Die Leute haben darüber gelacht, es kamen Tausende, die sich davor fotografiert haben. Uns wurde allerdings für einen Tag lang verboten zu malen, mit der Begründung, dass die Wand denkmalgeschützt ist. Wir hatten Glück: Nachdem sich der Botschafter ins Zeug gelegt und eine Stunde mit dem Kulturminister telefoniert hat, wurde das Verbot wieder aufgehoben, und wir durften fertigmalen. Inzwischen wird dort allerdings ein Gesetz diskutiert, wonach sich alle Straßenmaler registrieren müssen. Ich fürchte, daran ist unser rauchender Affe nicht ganz unschuldig.

Das Interview führte Sabine Willig

Jim Avignon, selbsternannter „schnellster Maler der Welt“, prägte mit seinen Bildern das Love-Parade-Berlin Anfang der Neunzigerjahre. Gemeinsam mit Partnerin und Tochter lebt er heute in New York. Die Street Art Tournee de mi barrio a tu barrio / Urban Heartbeat durch Zentralamerika und die Karibik entwickelte er mit der nicaraguanischen Soziologin und Kuratorin Alicia Zamora und dem in São Paulo lebenden DJ Holger Beier für das Goethe-Institut Mexiko. Dokumentiert wird die Tour bis zum 18. August in der Berliner Galerie Neurotitan und dem dazugehörigen Katalog, erschienen im Verlag Gudberg.
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