Goethe aktuell

Kunst in Armenien: Eine Szene im Aufbruch

Copyright: Aya Bach
Das Cafesjian Center for the Arts in Eriwan (Foto: Aya Bach)

8. August 2012

Luxusshops und Bankenwerbung: Armenien schwelgt im Kapitalismus. Zugleich ist das offizielle Kulturleben in den alten Strukturen der Sowjetzeit verhaftet. Die unabhängige Kulturszene sucht Alternativen – auch mit Hilfe des Goethe-Instituts. Von Aya Bach

Es ist eine milde Oktobernacht in Eriwan. Belebte Cafés in den weitläufigen Grünanlagen rund um das Opernhaus laden dazu ein, das Leben im Freien zu genießen, einen Hauch von Luxus, ein Stück Gelassenheit. Vor dem Gebäude steht die überlebensgroße Skulptur des Komponisten Aram Chatschaturjan. Wie ein Nationalheld thront er da – eines der vielen Denkmäler in Eriwan, mit denen Geschichte in Stein gemeißelt wurde. Die größten Denkmäler aber sind in jüngster Zeit entstanden: schicke, aber sterile Hochhaus-Neubauten, etliche mit westlichen Edelboutiquen im Erdgeschoss. Und es wird weitergebaut, obwohl viele Hauser leerstehen: Kulissen des Kapitalismus.

Zwanzig Autominuten entfernt liegt Bangladesh. So heißt im Volksmund eine riesige Satellitenstadt mit endlosen Wohnblocks für diejenigen, die sich ein Leben in der Innenstadt nicht leisten können. Doch hinter den Alltagsfassaden steckt mitunter mehr als im Stadtzentrum. Die Kulturinitiative namens Suburb etwa, zu der auch eine private Kunstschule gehört – betrieben von Idealisten der Eriwaner Kunstszene. Zu ihnen gehört Eva Khachatryan (33), die hier ein internationales Seminar für Kunstschaffende organisiert hat: Abschluss ihres Fortbildungsprogramms, das vom Kompetenzzentrum Kulturmanager des Goethe-Instituts konzipiert und ermöglicht wurde.

Utopien und Gegenmodelle

Zwei Monate hat sie zuvor im Rahmen dieses Programms in Berlin verbracht. Nach einer vierwöchigen Theorie-Einheit war sie Hospitantin der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK). Beides hat der jungen Kuratorin nicht nur zusätzliches Know-how und eine Menge neuer Kontakte verschafft, sondern auch Anregungen für ihre Arbeit in Armenien. An der NGBK hat sie ein Kunstprojekt kennengelernt, das sie begeisterte: Other Possible Worlds – Entwürfe diesseits von Utopia. Eine weltumspannende Reihe selbstorganisierter Kreativ-Labore, Kunsträume und Akademien, die Gegenmodelle zum ökonomisch bestimmten Alltag nicht nur erträumen, sondern in die Tat umsetzen.

Und nun steht Eva Khachatryan mit internationalen Gästen in Bangladesh und hat mit ihrem eigenen Kultur-Labor selbst so ein Stück Utopie geschaffen: Im Suburb treffen Armenier, Georgier und Deutsche zusammen. Sie sind als Kritiker, Kuratoren oder Künstler tätig, die meisten ebenfalls für Kunstinitiativen oder -institutionen. Intersection of Parallels hat Eva ihr Seminar genannt. Nun will sie dafür sorgen, dass die Parallelen zwischen ihren Gästen sich schneiden. Nicht erst im Unendlichen. Sondern innerhalb von drei Tagen.

Copyright: Aya Bach
Hightech, Kirchen und Wohnblocks aus sowjetischer Zeit (Foto: Aya Bach)

Ihr wichtigstes Ziel: Netzwerke knüpfen. Denn die Seminar-Teilnehmer konnten sich grenzüberschreitend unterstützen. „Es ist wichtig, die internationale Szene hier zu haben“, betont Eva, „wir haben eine junge Generation von Künstlern, die nach jeder Information über zeitgenössische Kunst hungert.“ Die ist in Armenien kaum zu bekommen, denn Ausbildung und Studium verharren in alten sowjetischen Strukturen. Wer etwas über aktuelle Kunst wissen will, ist auf private Alternativen angewiesen – so wie die Kunstschule in Bangladesh.

Doch von den vielen Kunstinitiativen, die in der postsowjetischen Aufbruchstimmung entstanden, sind die meisten wieder verschwunden oder stehen vor größten Geldproblemen. Staatliche Hilfe: Fehlanzeige. Was also ist zu tun? Reichlich Diskussionsstoff für den Workshop. Denn es ist fraglich, wie viel staatliche Hilfe man überhaupt haben will. Die armenische Kuratorin Susanna Gyulamiryan etwa sieht gute Gründe, Distanz zu wahren. „Obwohl es jetzt eine Opposition gibt und künstlerische Strömungen, die völlig konträr zu den traditionellen Institutionen stehen, tragen wir noch viel Sowjetzeit mit uns herum.“ Kunstverständnis und Geschichtsschreibung, moniert sie, seien noch immer so offiziös wie staatstragend. Abweichende Positionen hatten da keinen Platz: „Ich finde das nationalistisch!“

Graffitis und Schlachtengemälde

So wie sie sieht sich praktisch die gesamte Kunstszene in einer politischen Oppositionsrolle. Alternativen zur Anbindung an staatliche Stellen sind da willkommen. Grund genug, sich mit Kunstinitiativen aus dem Ausland zu vernetzen. Das gehört auch zu den Zielen des Kompetenzzentrums Kulturmanager, das die Goethe-Institute der Region Osteuropa und Zentralasien 2009 zunächst als Pilotprojekt gegründet hatten. Eva Khachatryan gehört schon zum zweiten Jahrgang, denn das Programm läuft weiter. Derzeit gibt es zehn Kulturschaffenden – sechs Frauen und vier Männern – aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion Gelegenheit, sich beruflich weiterzuentwickeln und Aufbauarbeit in ihren Ländern zu leisten. „In den kulturell-künstlerischen Szenen der Länder Osteuropas und Zentralasiens haben es Kulturmanager schwer. Oft fehlt es ihnen an Erfahrung, vor allem im Bereich der internationalen Kooperation. Hier setzt unser Programm an“, erklärt Katrin Ostwald-Richter, Projektleiterin des Fortbildungsprogramms.

Dass Eva Khachatryan im Rahmen dessen vier Wochen lang bei der NGBK in Berlin war, erweist sich schon jetzt als produktiv. Im Gegenzug ist NGBK-Koordinatorin Wibke Behrens zum Workshop nach Eriwan gekommen, um weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszuloten. Sie könnte sich vorstellen, für längere Zeit eine armenische Stipendiatin nach Berlin zu holen. Zwar lässt sich das in drei Tagen nicht exakt planen, „aber es macht einfach Sinn, längere Zeit hier zu sein, um zu verstehen, wie die Kultur-Uhren ticken.“

Das Spektrum reicht von Street Art bis zum internationalen Parkett: Polit-Aktivisten des Kollektivs Art Laboratory sprühen nachts provozierende Graffiti an die Wände und legen sich ganz gerne mal mit der Polizei an. In einem Hinterhof zeigt ein Künstlerduo eine Art Peep Show, die den Blick auf ein muffiges Schlafzimmer freigibt: Die Installation befasst sich kritisch mit Sexualität und Geschlechterrollen. Und Arbeiten des Foto- und Videokünstlers Vahram Aghasyan – gespenstische Überreste sowjetischer Bauten in Armenien – waren schon auf der Biennale Venedig zu sehen.

Copyright: Aya Bach
Graffiti auf der Toilette einer Künstlerkneipe im Zentrum (Foto: Aya Bach)

Was aber in Eriwans Ausstellungsräumen gezeigt wird, ist zwiespältig. Da gibt es zwar ein Zentrum für Zeitgenössische Experimentelle Kunst (ACCEA) – doch das steht längst nicht jedem offen. Und als die Workshop-Teilnehmer das ACCEA besuchen, wird gerade eine Ausstellung des Fotografen Ruben Mangasayran eröffnet: Bilder aus Erdbeben- und Kriegsgebieten der Neunzigerjahre – exzellente Arbeiten, aber vom Experiment weit entfernt.

Der größte Kunsttempel aber ist das Cafesjian Center, das vor wenigen Jahren in einem megalomanen Bau aus Sowjet-Zeiten eingerichtet wurde. Über 300 Meter zieht es sich an einem Hügel in die Höhe, überragt von einem Nationaldenkmal. Hier präsentiert nun ein amerikanisch-armenischer Medienunternehmer seine Kollektion, von dekorativen Glas-Arbeiten über eine ansehnliche Vasarely-Sammlung bis zu wandfüllenden Schlachtengemälden aus der armenischen Geschichte.

Wie viel Institution darf sein?

Wie also sich in diesem Umfeld positionieren? Eine Herausforderung für Eva Khachatryan und ihre politisch engagierten Mitstreiter. Doch sie hat ganz bewusst einen Teil ihres Workshops im Cafesjian Center angesetzt. An diesem repräsentativen Ort lässt sich sogar eine Vertreterin des armenischen Kulturministeriums blicken: ungewohnte Aufmerksamkeit für die zeitgenössische Kunst. Aber auch hier entwickelt sich ein freier Meinungsaustausch, kommen Künstler zu Wort, die sich jeder staatstragenden Funktion entziehen.

Der Georgier Wato Tsereteli stellt sein Kunstzentrum in Tbilissi vor, das aus privatem Engagement entstand und inzwischen zu den wichtigsten Adressen zeitgenössischer Kunst im Lande zählt – unterstützt von georgischen Sponsoren und westeuropäischen Kulturinstituten; auch das Goethe-Institut ist dabei. Kann so etwas ein mögliches Modell für Armenien sein? Eine der zentralen Debatten des Workshops, die im kleinen Kreis intensiv weiter geführt wird. Denn irgendwann stellt sich für jede Initiative die Frage, wie offiziell, wie institutionell man arbeiten mochte: Wie viel Nähe zum Staat, wie viel Kooperation mit Organisationen – auch aus dem Ausland – soll sein? Droht die Gefahr des Kulturimperialismus? Und wie wahrt man Unabhängigkeit und Kreativität?

Unter den Gästen im Cafesjian Center sind auch Stephan Wackwitz, Leiter des Goethe-Instituts im Nachbarland Georgien, und der ehemalige Generalsekretar Hans-Georg Knopp: „Es hat sich gelohnt zu kommen und zu sehen, wie produktiv hier gearbeitet wird“, sagt Knopp, „das müssen wir weiter unterstützen.“ Nach drei Tagen Diskussionen und Einblicken in die lokale Kunstszene sind sich die Teilnehmer einig, dass die gemeinsame Arbeit fortgesetzt werden soll. Etwa in Form einer Kooperation mit dem Künstlerresidenz-Programm GeoAIR in Tbilissi: Künstler und Kuratoren könnten nach Georgien und Armenien kommen, um sich in der gesamten Region einzubringen. In gemeinsamer Anstrengung soll auch ein Archiv für zeitgenössische Kunst im Kaukasus entstehen. Den Plan hegt Eva Khachatryan schon lange, jetzt könnte es klappen – auch mit Unterstützung aus Berlin. „Das konnten wir mit der NGBK organisieren“, meint sie. Und hofft darauf, auch eine Bibliothek einrichten zu können, um dem dramatischen Mangel an Information abzuhelfen.

Kämpfen für die Zivilgesellschaft

Zu tun gibt es viel für die Künstler in Eriwan – nicht nur beim Aufbau von Strukturen und Netzwerken. Den öffentlichen Raum zum Ort der Kunst zu machen, ist zurzeit ein Herzensanliegen der engagierten Kuratorin. Platz gäbe es theoretisch genug. „Aber das Stadtzentrum ist sehr kommerzialisiert. Ich frage mich oft: Haben wir irgendeinen Freiraum?“, sagt Eva Khachatryan, „du willst doch das Gefühl haben: Das ist meine Stadt!“ Bislang, so ihre Erfahrung, haben die meisten Künstler die Auseinandersetzung mit der staatlichen Macht vermieden. Sie selbst will nun einen Schritt tun, den sie bisher gescheut hat: Sie möchte für ihre Initiative Unterstützung beim Kulturministerium suchen – so wie es dessen Vertreterin im Cafesjian Center versprochen hat.

Illusionen aber macht sie sich nicht. Sie weiß, dass sie für ihre Arbeit viel Geduld brauchen wird. „Ich weiß nicht, ob man mit so einem Seminar wirklich die Zivilgesellschaft in unserem Land aufbauen kann. Aber wir arbeiten seit zehn Jahren und länger daran – und wir kämpfen genau dafür“, konstatiert Eva Khachatryan nach den drei Workshop-Tagen, die das Förderprogramm ermöglicht hat. „Wir verlassen unser Land nicht, weil wir genau das aufbauen wollen. Dieses Projekt ist eine große Hilfe für uns. Denn wir glauben daran, dass wir etwas Sinnvolles tun!“

Diesen Text haben wir der aktuellen Ausgabe des Goethe-Magazins entnommen. Noch mehr spannende Reportagen, Hintergründe und Interviews zum Thema finden Sie in der Ausgabe „Kultur und Entwicklung“.
Links zum Thema

Goethe aktuell:

Über den RSS-Feed
können Sie sich über Neuigkeiten aus der Welt des Goethe-Instituts auf dem Laufenden halten.

Jahrbuch-App 2013

Entdecken Sie die Arbeit des Goethe-Instituts weltweit und klicken Sie sich durch die Höhepunkte des Jahres 2013. Unsere Jahrbuch-App für iPads steht ab jetzt kostenlos zum Download im App Store bereit.

Goethe-Institut.
Reportagen Bilder Gespräche

Das Magazin des Goethe-Instituts berichtet dreimal im Jahr über die Arbeit des Instituts.

Twitter

Aktuelles aus den Goethe-Instituten