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200 Jahre Grimms Märchen: Ach wie gut, dass jeder weiß …

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Nahezu jedes Land kennt das berühmte Märchenbuch (Copyright: Goethe-Institut)

30. Oktober 2012

Sie sind die Helden unserer frühen Kindheit. Immer wieder wollten wir die Geschichten um Frau Holle, Rumpelstilzchen und Schneewittchen vorgelesen bekommen. Film und Fernsehen brachten sie vor die Kamera. Und weil sie nicht gestorben sind, begeistern sie uns noch heute. Von Daniela Gollob

Das Merkwürdige ist, dass Grimms Märchen eigentlich nicht mehr in unsere Welt passen: Das Rätsel um Rumpelstilzchens geheimnisvollen Namen würden heute Suchmaschinen lösen. Und beim Wort „Krämerin“ im Märchen Schneewittchen runzelt die junge Generation die Stirn. Doch die Erzählungen aus alten Zeiten sind „in“. Regelmäßig bringen Buchverlage neue Ausgaben der Grimm‘schen Märchen auf den Markt – mal ganz klassisch, mal künstlerisch ambitioniert oder in die moderne Zeit überführt. Amazon, Apple & Co ziehen mit E-Books und Apps nach. Die Märchenwelt ist überall präsent. In den Wetternachrichten lässt es Frau Holle kräftig schneien, alte Trends erwachen aus dem Dornröschenschlaf, und auf Weihnachtsmärkten werben Backwarenstände mit der Formel „Knusper, knusper, Knäuschen“.

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Grimms Märchen, „Dornröschen“ (gelesen von Katharina Ritter)

In diesem Jahr knuspert es besonders, denn der erste Band von Grimms Kinder- und Hausmärchen wird 200 Jahre alt. Hollywood legte sich mächtig ins Zeug und brachte gleich zwei Schneewittchen-Interpretationen auf die Kinoleinwand: Mirror Mirror und Snow White and the Huntsman. Es gibt kaum ein anderes Werk, das so oft verfilmt, vertont, animiert, dramatisiert, aufgeführt und neu abgespielt wurde. Wir lieben die wundersamen Geschichten, in denen am Ende das Gute triumphiert.

Copyright: Elisabeth Jerichau-Baumann
Wilhelm (links) und Jacob Grimm, porträtiert von Elisabeth Jerichau-Baumann
Doch woher hatten die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm die Erzählungen? Ausgedacht haben sie sie sich jedenfalls nicht. Sie sammelten sie aus dem Fundus der überwiegend mündlich überlieferten, zum Teil aber auch schon literarisch festgehaltenen Volksmärchen; über Jahre hinweg überarbeiteten sie diese und gaben sie in sieben Ausgaben heraus. Als im Dezember 1812 der erste Band in Deutschland erschien, war es, als fielen Sterntaler vom Himmel – und die Menschen griffen danach.

1823 erschien dann die erste Übersetzung von Grimms Märchen in Großbritannien, 1887 im fernen Japan. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts haben das tapfere Schneiderlein und seine Gefährten nahezu jedes Land verzaubert.

Freilich brachten schon vor den Grimms Märchensammler die Erzählungen zu Buche: Straparola, Basile und Perrault, beispielsweise. Doch das Kasseler Märchenduo tat es – bewusst oder unbewusst – zur rechten Zeit. Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die allgemeine Schulpflicht die Lesefähigkeit verbreitet habe, und die Mütter mehr Zeit in der Kinderstube verbracht hätten, „glaubten sie in der Grimm‘schen Märchensammlung ein wertvolles Vorlesebuch entdeckt zu haben“, schreibt der Märchenforscher Heinz Rölleke in seiner Abhandlung Die Märchen der Brüder Grimm. Und das sei auch in vielen Ländern außerhalb Europas so gewesen.


Grimm-Dossier: Märchenwelten

Heute liegt die berühmte Sammlung in rund 160 Sprachen vor und gilt neben Luthers Bibel als das meistgelesene Buch der deutschen Kulturgeschichte. Ihr 200ster Geburtstag liegt dem Goethe-Institut am Herzen: Im Online-Dossier Märchenwelten bringt es die Geschichten auf den Bildschirm – zum Lesen, Anhören und in einem interaktiven Spiel. Auch Märchen aus Ghana, Malaysia oder Tschechien finden sich dort. Für den Deutschunterricht weltweit stellt das Portal eine Bandbreite von Märchenmaterialien zur Verfügung: Wörter wie Backofen, Kugel, Schneeflocken und Spiegel verwandeln sich in einprägsame Vokabeln.

Goethe geht mit Grimm auch auf Reisen. Seit März tourt die mittlerweile ausgezeichnete Wanderausstellung Märchenwelten durch Europa, Nordafrika, Nord- und Südamerika. Rund um das Mittelmeer wird ein Stofffrosch zum Märchenbotschafter, der gemeinsam mit Schülern aus acht Ländern bekannte und eigens erfundene Märchen in einem Blog festhält.

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Giuseppe Culicchia, „Die drei Sprachen“ (gelesen von Ulrike Krumbiegel)

Originell geht’s auf dem virtuellen Portal Grimmland zu. Da ist zum Beispiel Culicchias Geschichte von 60 angehenden Politikern, die in den Wald geschickt werden – damit sie lernen, dass Gratisflüge auf Staatskosten wenig rühmlich sind. Boris Becker und viele andere Prominente verraten ihr Lieblingsmärchen. Und die Twitter-Community nahm Grimms Märchen zum Ausgangspunkt für neue Remix-Erzählungen. Im Animationswettbewerb Grimm animiert schickten Nachwuchs-Filmemacher aus Deutschland und Italien zehn originelle Kurzvideos ein, die Sie jetzt bewerten können.

„Schneewittchen: Apfelkalypse“ (eingeschickt von Krycek aus Deutschland)

Prominente Erwähnung fand der Schreibwettbewerb Es war einmal … Grimm(ige) Märchen für Neuseeland des dortigen Goethe-Instituts. In seiner Eröffnungsrede auf der Frankfurter Buchmesse lobte der Schirmherr des Projekts, Neuseelands „Literaturikone“ Bill Manhire, den Wettbewerb, der einfallsreiche zeitgenössische Adaptionen von Grimms Märchen hervorbrachte. Die Gewinnerin kann sich jetzt auf eine Sprachreise nach Deutschland und auf eine Publikation im neuseeländischen Wochenmagazin Listener freuen. Verschiedene andere Ausschreibungen fördern junge Kreativkünstler, Märchenmaler und Comic-Zeichner in Argentinien, Belarus, Chile, Griechenland, Paraguay und Uruguay. In der Sprach- und Kulturarbeit setzt das Goethe-Institut zehn neue Märchenverfilmungen der ARD ein.

Zurück zum Anfang: „In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön. Aber die jüngste war so schön …“ – mit diesen Worten leiten die Brüder Grimm ab der dritten Ausgabe in das erste Märchen ihrer Sammlung ein. Welches das ist? Sagen Sie es uns: Im Märchenquiz, das am nächsten Donnerstag auf Goethe aktuell erscheinen wird. Schneewittchen ist es übrigens nicht.

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