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Autor Dževad Karahasan im Interview: „Sprache ist geistige Heimat“

Fuad FočoCopyright: Fuad Fočo
„Seit ich bewusst erzähle, versuche ich, Sarajevo zu erzählen“ (Foto: Fuad Fočo)

29. August 2012

Sarajevo – das ist das große Thema von Dževad Karahasan, der in diesem Jahr gemeinsam mit Irena Veisaite und Bolat Atabayev die Goethe-Medaille erhalten hat. Im Interview erzählt der bosnische Autor von der Distanz, die ihm Sarajevo näher bringt, und einer Schmuggelreise nach Frankreich.


Herr Karahasan, zuletzt ist auf Deutsch Ihr Essay-Band „Die Schatten der Städte“ erschienen. Darin beschreiben Sie Ihre Heimatstadt Sarajevo als eine Stadt, die das Erzählen geradezu herausfordert. Woran liegt das?

Karahasan: Ich glaube, es gibt mehrere Erklärungen. Einerseits zeigt sich die Geschichte besonders intensiv in Sarajevo. Diese kleine Stadt ist seit ihrem Bestehen mehrere Male verbrannt, belagert, beinahe vernichtet worden. Andererseits leben in Sarajevo seit Gründung der Stadt mehrere Konfessionen, mehrere Ethnien, mehrere Sprachen zusammen – miteinander, nebeneinander, gegeneinander –, so dass man dort seiner kulturellen Identität immer bewusst ist. Und der steten Anwesenheit des anderen genauso.

Ist es auch das, was Sie selbst zum Erzählen über Sarajevo getrieben hat? Die Präsenz des anderen, die die eigene Identität so deutlich macht?

Ich glaube schon. Auf jeden Fall hat diese Stadt bei mir eine Distanz von mir selbst erzeugt. Und seit ich erzähle, bewusst erzähle, versuche ich, Sarajevo zu erzählen.

Preisträgerin Irena Veisaite im Porträt



Sie sind 1993, während des Krieges, aus Bosnien geflohen. Inzwischen leben Sie abwechselnd in Sarajevo und Graz, auch anderen Orten. Ist auch diese Distanz zu der Stadt wichtig, um sich ihr gewissermaßen wieder zu „nähern“?

Aber ja! Denn Geist erzeugt per definitionem eine Distanz von sich selbst. Träume von einem paradiesischen Zustand, die unsere Kultur seit dem Hellenismus immer wieder träumt, sind im Grunde genommen Träume von einem geistlosen Zustand, von einer Geistlosigkeit, von einer Identität mit sich selbst. Das geht leider nicht, solange wir Menschen sind, auch geistige Wesen. Denn Geist erzeugt Distanz und ein gewisses Bewusstsein von sich.

Das würde ja – verkürzt gesagt – bedeuten, dass man verblödet, wenn man in den paradiesischen Zustand eingetreten ist ...

Ganz genau!

Wie wichtig ist dann das Leben an unterschiedlichen Orten, in verschiedenen Sphären für Ihren Geist, für Ihr Schreiben?

Diese räumliche Distanz ermöglicht es mir, Sarajevo genauer und richtiger zu erleben, anzuschauen und – so hoffe ich – zu beschreiben. Denn wenn man eine gewisse Distanz zu etwas hat, kann man es genauer sehen, besser begreifen. Insofern ist es für mich sehr produktiv, gelegentlich diese Stadt zu verlassen, um sozusagen naiver, offener zurückzukehren.

Haben Sie nicht schon als Kind etwas Ähnliches erlebt? Sie sind als Muslim geboren, haben eine christliche Erziehung bekommen und haben das vielleicht auch schon als ein Stück Distanz erlebt – oder wie war das?

Ich besuchte sehr oft das Franziskanerkloster, um bei einem Franziskaner Latein und Griechisch zu lernen. Aber ich kommunizierte sehr intensiv mit ihnen, so dass ich sozusagen in drei Welterlebnissen herangewachsen bin. Denn mein Vater war ein tiefgläubiger Kommunist, meine Mutter eine Muslima, sehr viele Freunde von mir, auch Lehrer, waren Franziskaner. Sie haben recht: Ich konnte eigentlich nicht ohne Distanz zu mir selbst erwachsen. Denn schon damals, als junger Mann, war ich mir der menschlichen Komplexität sehr wohl bewusst.

Preisträger Bolat Atabayev

Copyright: Goethe-InstitutDie Teilnahme von Bolat Atabayev an der Verleihung der Goethe-Medaille in Weimar war lange Zeit unsicher. Der kasachische Theaterregisseur war am 15. Juni wegen „Anstiftung zur sozialen Unruhe“ in Untersuchungshaft genommen worden. Erst nach fast drei Wochen kam er frei. Atabayev beschreitet seit über 30 Jahren unerschrocken einen nicht ungefährlichen Weg innerhalb der kasachischen Kulturlandschaft. Früh gewährte ihm die Nachbarschaft zur deutschen Minderheit einen Zugang zur deutschsprachigen Kultur, und durch mehrere Deutschlandaufenthalte erhielt der Regisseur Impulse für seine Arbeit – Erfahrungen, über die Atabayev jüngst in einem Interview mit der Deutschen Welle berichtete. Vor einigen Jahren gründete er sein eigenes Theater Aksarai, das die Theaterlandschaft Zentralasiens mit neuen künstlerischen Ausdrucksmitteln bis heute bereichert.

Genau das hat Sie später im Lauf Ihres schriftstellerischen Lebens zu einem Brückenbauer gemacht – und das ist auch ein Grund, warum Sie jetzt die Goethe-Medaille erhalten. Haben Sie sich denn schon früh als ein Brückenbauer gefühlt?

Ehrlich gesagt, nicht. Für mich ist es vollkommen normal, dass die Menschen, eben weil sie mit Geist beschenkt wurden – oder durch den Geist verflucht worden sind –, in mehreren Kulturen leben und sich ihrer Identität als ein fließendes Phänomen bewusst sind.

Für Sie ist es selbstverständlich, aber offensichtlich für viele andere nicht – sonst würde es sich beinahe erübrigen, so viel vom „Dialog der Kulturen“ zu sprechen. Haben wir tatsächlich einen solchen Dialog?

Ich glaube schon. Seit jeher gibt es Menschen, die Macht ausüben möchten. Sie produzieren Ängste, Missverständnisse. Denn am einfachsten ist es, verängstigte Menschen zu regieren und zu beherrschen. Angst ist das beste Instrument zur Versklavung der Menschen. Aber seit jeher gibt es auch Menschen, die ihr Leben leben möchten, ohne Machtansprüche und ohne Angst vor der Macht. Diese Menschen führen sehr wohl einen Dialog. Ein Dialog der Kulturen dauert ununterbrochen an. Er wird gelegentlich durch absichtlich produzierte Ängste gestört. Aber er dauert.

Wie wurden Sie denn aufgenommen, als Sie aus Bosnien nach Deutschland und Österreich geflohen sind?

Ich bin sehr freundlich und gut aufgenommen worden. In München hatte ich mit der Gruppe „Journalisten helfen Journalisten“ zu tun. Diese Leute kommunizierten wunderbar mit mir. Danach kam eine Professur in Salzburg – im Großen und Ganzen hatte ich keine Probleme. Selbstverständlich war es extrem umständlich, mit einem bosnischen Pass zu reisen, denn jeder fürchtete, ich wollte mich als Flüchtling verkaufen. Einmal bin ich nach Frankreich zur Präsentation meines Buches buchstäblich im Auto geschmuggelt worden, weil ich kein Visum bekommen konnte.

Sie haben später auch angefangen, auf Deutsch zu schreiben – was hat dazu den Anstoß gegeben?

Ich schreibe sehr selten auf Deutsch, kleine Artikel, die von meiner Lektorin oder anderen Muttersprachlern korrigiert werden. Deutsch ist eine viel zu komplexe Sprache. Ich mag diese Sprache allzu sehr, um auf Deutsch Prosa oder Dramen schreiben zu können oder zu wollen. Denn, wenn ich versuchte, Deutsch zu schreiben, wären das, ehrlich gesagt, Vereinfachungen. Ich fürchte Vereinfachungen mehr als alles!

Dennoch drücken Sie sich auf Deutsch brillant aus. Ist diese Sprache eine zweite Heimat für Sie geworden?

Eigentlich ja. Viele Autoren, die ich sehr mag und immer wieder lese, sind deutschsprachig: Büchner, Kleist, Goethe, E.T.A. Hoffmann – es gibt Autoren, die ich zuerst in meiner Muttersprache gelesen habe, danach auf Deutsch oder umgekehrt. All diese Autoren liebe ich jetzt in zwei Varianten. Die Techniker versuchen uns weiszumachen, das Wort sei vor allem ein Informationsträger und Sprache ein Verständigungsmittel. Nein! Sprache ist viel mehr. Sprache ist geistige Heimat. Wir Menschen verstehen, wir empfinden und fühlen die Welt so, wie sie uns durch unsere Sprache dargestellt wird.

Das Interview führte Aya Bach für die Deutsche Welle

Dževad Karahasan, geboren 1953, ist der bedeutendste bosnische Schriftsteller seiner Generation. Er schreibt Romane, Theaterstücke, Hörspiele und Essays. Er ist einer von drei Persönlichkeiten, denen der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, am Dienstag die diesjährige Goethe-Medaille verliehen hat. Die litauische Literatur- und Theaterwissenschaftlerin Irena Veisaite wurde für ihr Lebenswerk als treibende Kraft im deutsch-litauischen Kulturaustausch ausgezeichnet. Sie ist eine der wenigen jüdischen Überlebenden des Holocausts in ihrer Heimat und trat doch immer für Versöhnung und Zusammenarbeit ein. Als dritter Preisträger wurde der kasachische Theaterregisseur Bolat Atabayev wurde für seine Verdienste um die deutsch-kasachischen Theaterbeziehungen sowie als mutiger Kämpfer für demokratische Strukturen mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet. Mit dem offiziellen Orden ehrt das Goethe-Institut ausländische Kulturschaffende, die sich besonders um die Vermittlung der deutschen Sprache und den internationalen Kulturaustausch verdient gemacht haben. Die drei Preisträger, so Lehmann bei der Verleihung der Goethe-Medaille, hätten die Kraft des Wortes genutzt, „um gesellschaftliche Entwicklungen aufzugreifen und verständlich zu machen, die Vergangenheit aufzuarbeiten und das menschliche Zusammenleben als kulturelle Leistung zu vermitteln“. Sie seien nicht nur wichtige Wegbegleiter, sondern auch Wegbereiter für das Goethe-Institut in ihren jeweiligen Ländern. Kultur dürfe weder als Politik-Ersatz noch als dekoratives Element der Ökonomie instrumentalisiert werden.
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