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Onleihe: Die Bibliothek für unterwegs

Anna EsserCopyright: Anna Esser
Hereinspaziert: Mit seinem Smartphone besucht Erdem Üngür die Bibliothek (Foto: Anna Esser)

13. September 2012

Bibliotheken sind eine schöne Sache, doch wenn man mal eine braucht, ist sie oft geschlossen – oder viel zu weit weg. Nicht die Onleihe. Diese Bibliothek ist digital und fast immer und überall zur Hand. Erdem Üngür und Nurittin Yildiran wissen das zu schätzen. Von Anna Esser

Erdem Üngür sitzt an seinem Schreibtisch, auf dem sich Aktenordner und Papiere stapeln. Sein Büro in der Kultur-Universität Istanbul, wo er als wissenschaftlicher Mitarbeiter arbeitet, ist klein und dunkel. Auf dem Fensterbrett liegen Bücher über Bauhaus-Architektur und Ästhetik, Statik und Philosophie. Üngür hackt auf die Tasten seines Notebooks ein, schlägt mal dieses Buch, mal jenes auf, viele sind auf Englisch, ein paar deutsche sind auch darunter.

Seit einem Jahr promoviert der Endzwanziger im Fach Architektur, allerdings am anderen Ende der Stadt, an der Technischen Universität. Eine genaue Vorstellung von seinem Thema hat er noch nicht, „irgendwas mit Philosophie und Raum“ soll es werden. Seit langem ist er auf der Suche nach geeigneter Literatur: „Es gibt viel zu wenig türkische Literatur über Architektur und Philosophie“, sagt er.

Im Jahr 2003 hat Ünver an der Deutschen Schule Istanbul Abitur gemacht, sein Deutsch sei aber schon etwas eingerostet, findet er. Damit er die Sprache nicht noch mehr vergisst, lässt er sich keinen Filmabend am Goethe-Institut Istanbul entgehen. Durch Aushänge am Institut wurde er auf die Onleihe, die digitale Bibliothek, aufmerksam und probierte sie sofort aus. Vielleicht ließe sich ja Literatur von Peter Sloterdijk finden, die er gut für seine Arbeit gebrauchen kann. Ins Türkische übersetzt sind bisher nur wenige Bücher des Philosophen, und Zeit für einen Besuch der Institutsbibliothek findet Erdem Üngür bei seinem Arbeitspensum nicht.

Seit Herbst 2011 bieten Bibliotheken der Goethe-Institute in Mittelosteuropa, Nordwesteuropa, Südosteuropa, Ostasien, Kanada und den USA sowie seit April 2012 auch in Subsahara-Afrika die Ausleihmöglichkeit von digitalen Medien über das Internet an. Insgesamt verfügen mittlerweile 25 Goethe-Bibliotheken über eine digitale Zweigstelle.

350 Bibliotheken – Tendenz steigend

Bibliotheksnutzer können dort Bücher, Hörbücher, Musikalben und Filme ausleihen. Wohlgemerkt: leihen. Denn auch die digitale Bibliothek hat von jedem Buch höchstens ein paar Exemplare und keine digitalen Kopien zu verschenken. Auch ein elektronisches Buch hat der Nutzer zurückzugeben. In der Praxis funktioniert das ganz einfach: Die Dateien, die man sich auf einen Computer, einen E-Book-Reader, einen MP3-Player oder ein Smartphone heruntergeladen hat, sind mit einem vorinstallierten Verfallsdatum versehen. Sieben Tage stehen sie dem Benutzer zur Verfügung.

Auch außerhalb des Goethe-Instituts erfreut sich das System der Onleihe großer Beliebtheit. Das digitale Ausleihverfahren wurde von dem Wiesbadener Unternehmen Divibib entwickelt und ging im Jahr 2007 an den Start, zunächst mit vier Pilot-Stadtbibliotheken in Hamburg, Köln, München und Würzburg. Mittlerweile kommt die Onleihe in insgesamt 350 Bibliotheken, darunter auch etlichen Universitätsbibliotheken, Bibliotheksnetzen und Goethe-Instituten zum Einsatz. Tendenz steigend.

Da Erdem Üngür seinen festen Wohnsitz in der Türkei hat und schon in der Bibliothek des Goethe-Instituts in Istanbul registriert ist – dies sind zwei Voraussetzungen für die Nutzung der dortigen Onleihe – konnte er sich auf der Website des Goethe-Instituts anmelden.

Nun gibt er den Namen „Sloterdijk“ ein und erhält vier Treffer. Üngür entscheidet sich für Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik, es steht zum Ausleihen bereit. „An so ein Buch in der Originalsprache kommt man in der Türkei so gut wie gar nicht“, sagt er. Als E-Book lädt Erdem Üngür sich das Werk auf sein Smartphone und beginnt gleich mit der Lektüre.

Deutsch mit Schneewittchen

Auch Nurittin Yildiran nutzt die Möglichkeiten der Onleihe. Er ist Deutschlehrer am Cankaya Anadolu Lisesi in Ankara, einer Schule für Rückkehrerkinder mit Deutsch als erster Fremdsprache. Bisher hat Yildiran die Onleihe für Unterrichtsmaterialien und Zeitschriften genutzt. Vor einem Jahr hat er sich den Kriminalroman Schneewittchen muss sterben von Nele Neuhaus gekauft. Jetzt stöbert er im Katalog der Onleihe des Goethe-Instituts Südosteuropa und stößt auf das dazugehörige Hörbuch, das er sich sofort ausleiht.

Ob Reiseführer, Lernhilfe oder Belletristik: Das Angebot der Onleihe ist breit. Bisher hält die digitale Bibliothek der Goethe-Institute Südosteuropa fast tausend Medien bereit. Besonders für Nutzer, die nicht in den Großstädten Ankara, Istanbul und Izmir mit Goethe-Bibliotheken leben, eignet sich die Onleihe.

Den Computer auf den Knien und das Buch Schneewittchen muss sterben in der Hand beginnt Nurittin Yildiran zu lesen und gleichzeitig dem Hörbuch zu lauschen. „Wenn ich einen Text im Buch lese und denselben Text als Hörbuch höre, dann kann ich erkennen, wie man bestimmte Wörter richtig ausspricht und so meine Aussprache verbessern“, erklärt er.

Auch Erdem Üngür möchte die Onleihe des Goethe-Instituts in Zukunft stärker nutzen, um seine Deutschkenntnisse aufzufrischen: Auf den langen Fahrten zwischen seinen beiden Unis will er sich die Zeit mit deutschen Audiobüchern vertreiben.
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