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Mario Adorf im Interview: „Kunst ist allenfalls ein Nebenprodukt“

Coin FilmCopyright: Coin Film / Martin Valentin Menke
Adorf und Haberlandt in „Die Libelle und das Nashorn“: „Klein, frech, schön“ (Foto: Coin Film / Martin Valentin Menke)

27. September 2012

Vom Banditen bis zum Papst hat er schon fast alles gespielt, sogar Mussolini. Mario Adorf gehört zu den erfolgreichsten deutschen Schauspielern – und das schon seit fast 60 Jahren. Ein Gespräch über Nashörner, Marx und die Frage, ob man Francis Ford Coppola ungestraft einen Korb geben darf.

Herr Adorf, beim Filmfestival „Berlin & Beyond“ in San Francisco werden Sie jetzt für Ihr Lebenswerk geehrt. Es ist nicht das erste Mal.

Adorf: Das stimmt, das kenne ich schon. Ich habe ja schon mehrfach Preise für mein Lebenswerk bekommen. Aber natürlich freue ich mich immer noch sehr darüber. Sonst würde ich die Reise nach San Francisco auch gar nicht auf mich nehmen. Kalifornien ist ja nicht um die Ecke.

Hatten Sie denn schon oft mit dem Goethe-Institut zu tun?

Interessanterweise noch nie. Umso mehr freut mich, dass es jetzt ein so schöner Anlass ist. Wissen Sie, woran ich beim Goethe-Institut immer als erstes denken muss? An meine ersten Nächte in Rom. Damals – vor vielen Jahrzehnten – habe ich nämlich in einer Jugendherberge in der Via Savoia 15 übernachtet – wo heute das Goethe-Institut untergebracht ist. Das war noch so eine klassische Jugendherberge, wo um zehn Uhr abends die Türen zugesperrt wurden und um elf Uhr das Licht ausging. Meine ersten römischen Nächte waren also nicht so lang.

In San Francisco werden nun in einer Mini-Retrospektive vier Ihrer Filme gezeigt: „Das Totenschiff“, „Die Blechtrommel“, „Lola“ und „Die Libelle und das Nashorn“. Sind Sie mit der Auswahl zufrieden?

Sehr zufrieden. Der Alfred Matzerath in der Blechtrommel, das war natürlich eine meiner wichtigsten Rollen. Und Lola von Fassbinder ist auch sehr schön. Und die anderen beiden runden das Ganze gut ab: Das Totenschiff ist ja einer meiner ersten Filme, Die Libelle und das Nashorn dagegen ein ganz neuer Film – ein kleines, freches, aber auch sehr schönes Zwei-Personen-Stück, in dem ich mit Fritzi Haberlandt spiele.



Lassen Sie uns auch über Ihr Lebenswerk sprechen! Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, welches Gefühl überwiegt dann? Dankbarkeit?

Dankbarkeit? Nein, wem sollte ich dankbar sein? Das war immer ein Geben und Nehmen. Es ist mehr eine relative Zufriedenheit. Ich bin froh, dass alles so gut gelaufen ist. Es sind keine großen Wünsche offengeblieben. Im Gegenteil: Es ist ein Glück, dass ich jetzt in meinem Alter noch so schöne Rollen spielen kann und darf.

Gibt es im Rückblick auch Dinge, die Sie vermissen? Wo Sie das Gefühl haben, etwas versäumt zu haben?

Da ist vielleicht die eine oder andere Rolle, die ich noch gern gespielt hätte. Es wird viel darüber geschrieben, dass ich noch gern den Karl Marx spielen würde. Aber ich werde mich nicht umbringen, wenn daraus nichts wird. Und natürlich gibt es immer Dinge, die man noch hätte tun wollen. Aber mein Ehrgeiz war begrenzt. Hätte ich versuchen sollen, in Amerika die große Karriere zu machen? Ich glaube nicht. Das funktioniert in den seltensten Fällen. Bei der Dietrich hat das funktioniert. Und jetzt beim Christoph Waltz. Mir selbst fehlt dieser amerikanische Erfolg jedenfalls nicht. Deshalb bin ich zufrieden.

Sie haben an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule in München das klassische Theaterhandwerk gelernt, aber Ihre große Liebe galt dann doch dem Film. Warum?

Copyright: Dominik Baur
Schauspieler Adorf: „Ich gewinne jedes Mal etwas Neues“ (Foto: Dominik Baur)
Das Schöne am Film waren zwei Dinge: Es gab mehr Geld. Zwar immer noch kleine Summen, aber wesentlich mehr als am Theater. Und man konnte reisen. Fürs Totenschiff gingen wir für zwei Monate nach Malaga. Ein Jahr später ging es nach Japan. Und dann nach Mexiko und, und, und ... Das war für mich ein Leben, das hat mich erfüllt. Am Theater war das begrenzt. Ich war ja nach der Schule noch sechs weitere Jahre an den Kammerspielen. Und ich bin immer wieder zum Theater zurückgegangen, um weiter zu lernen. Das war meine Schule.

Was macht einen guten Schauspieler aus?

Dass er seinen Text kann. Nein, im Ernst: Ich weiß es selbst nicht. Ich glaube, sehr viel ist Handwerk. Aber dieser letzte kleine Unterschied, der einen sehr guten von einem guten Schauspieler unterscheidet, da spielt dann vielleicht doch noch so etwas wie Talent mit. Ich habe mich aber als Schauspieler nie analysiert. Ich will nicht wissen, wie ich funktioniere, um das dann gezielt und bewusst einzusetzen. Mir war es immer wichtiger, Rollen mit viel Bauchgefühl anzugehen.

Wie sehr ist man als Schauspieler eine Rolle? Muss die Figur, die man spielt, etwas mit einem selbst zu tun haben, oder ist es gerade die Kunst, jemanden völlig anderen zu spielen?

Mit vielen Rollen hat man zunächst einmal gar nichts zu tun. Dann sucht man natürlich Aspekte in der Rolle, die mit einem zu tun haben. Aber man muss immer auch etwas Neues erlernen. Egal ob ich nun einen Papst, einen Matrosen oder einen Baulöwen spiele, ich gewinne jedes Mal auch durch das Interesse für diese Figur etwas Neues für mich. Es gibt Schauspieler, die jede Rolle, wie auch immer sie ist, zu ihrer eigenen machen. Ich versuche dagegen, auf das andere einzugehen. Man selber bleibt immer genug man selber. Und das ist es, was mich als Schauspieler auch interessiert: dass ich das Gefühl habe zu erfahren, wie andere Leute sind, wie sie ticken, was sie bewegt.



Sehen Sie die Schauspielerei denn eher als Kunst oder als Handwerk?

Ich sehe sie schon als ein Handwerk. Es ist eine Fertigkeit. Man kann gewisse Dinge auf Verlangen machen. Kunst ist allenfalls ein Nebenprodukt. Ein schönes und wertvolles Nebenprodukt, wenn es gelingt, aber ich kann als Schauspieler nicht sagen: Jetzt mache ich Kunst. Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass ich Kunst produziere.

Wenn man einen so großen beruflichen Erfahrungsschatz hat wie Sie: Kann man dann einen Regisseur bedingungslos als Chef akzeptieren?

Ja, ich respektiere die Arbeit des Regisseurs immer. Er ist schließlich derjenige, der den ganzen Film im Kopf hat. Der Schauspieler konzentriert sich nur auf seine Rolle. Er kann nicht immer wissen, was für die Geschichte wichtig ist. Deshalb kann der Regisseur mir auch sagen, wie ich etwas zu spielen habe. Manchmal bringe ich natürlich auch eigene Ideen mit ein, die dann der Rolle dienen – oder in seltenen Fällen sogar dem Film. Aber so weit geht mein Anspruch in der Regel gar nicht.

Francis Ford Coppola wollte auch mal mit Ihnen arbeiten – im „Paten“. Warum kam es nicht dazu?

Ja, Coppola hat mir das Buch zu lesen gegeben und mich gefragt, ob ich eine Rolle darin gefunden hätte, die mich interessieren würde. Da habe ich wahrheitsgemäß gesagt: Ja, den Sonny Corleone. Und als Coppola meinte, den spiele schon James Caan, sagte ich natürlich: James Caan, das ist doch kein Sohn von Marlon Brando! Schauen Sie mich an! Ich bin der Sohn von Marlon Brando, ich kann das spielen. Ob ich denn keine andere Rolle gefunden hätte, fragte Coppola. Und ich sagte: Nein.



Und so haben Sie die Chance verspielt, im „Paten“ mitzuspielen, einem absoluten Klassiker der Filmgeschichte.

Ja, das war vielleicht nicht sehr klug. Aber was hätte ich sagen sollen? Es gab da keine andere Rolle, die mich interessiert hätte. Hätte ich eine nennen sollen, nur damit ich heute sagen kann: Ich habe beim Paten mitgespielt, da war ich dieser dritte Mörder, der mit der Schlinge? Nein, ich habe meine Ehrlichkeit nicht wirklich bedauert.

Ihrer Karriere jedenfalls hat es nicht geschadet. Sie waren eigentlich immer gut im Geschäft. Es gab nie eine Zeit, wo man gesagt hätte: Von dem Adorf hat man aber auch schon lange nichts mehr gehört.

Das stimmt. Auch für mich selbst gab es nie das Gefühl einer Krise, als fiele ich in ein Loch.

Worauf führen Sie das zurück?

Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich weil ich keine Midlife-Crisis hatte. Ich habe nie verstanden, was das ist. Ich habe mich immer auf die vor mir liegende Lebensphase gefreut, war immer neugierig darauf. Und da ich das auch ausgestrahlt habe, hat sich das wohl auch in meinem Erfolg bemerkbar gemacht.

Sie haben die deutsche Filmgeschichte zum großen Teil selber aktiv miterlebt. Wie würden Sie die Lage des deutschen Films heute beschreiben?

Dem deutschen Film geht es gut. Ich mag es nur nicht, wenn zu viel gejubelt wird. Zur Rossini-Zeit habe ich mal einen Artikel geschrieben, der hieß „Rossini im Kopf“, also „Rosinen im Kopf“. Ich habe davor gewarnt, den Aufschwung des jungen deutschen Films zu überschätzen. Man darf den deutschen Film nicht mit amerikanischen Erfolgsmaßstäben betrachten. Wir können nicht international erfolgreich sein. Wenn man über einen deutschen Film international redet und sagt, das ist ein guter Film, dann ist das schon viel. Wir sind ein kleines Land mit einer kleinen Sprache, wir können nicht mit Hollywood mithalten. Wir können nur schöne, kleine, deutsche Filme machen. Und ich kann nur sagen: Es ist schön, dass es in Deutschland wieder neue junge Regisseure gibt, die sehr interessante Filme machen. Und ich freue mich, dass ich da noch dabei sein kann, dass jemand wie Lola Randl eine Hauptrolle mit mir besetzt.

-db-

Mario Adorf ist einer der bekanntesten deutschen Film- und Fernsehschauspieler. 1930 in Zürich geboren, wuchs der Sohn einer deutschen Röntgenassistentin und eines kalabresischen Chirurgen in der Eifel auf. Seine größten Erfolge feierte Adorf in Deutschland, er spielte allerdings auch in italienischen und amerikanischen Filmen mit. Er arbeitete bereits mit vielen berühmten Regisseuren, unter anderem auch mit Billy Wilder. Die Blechtrommel (1979) erhielt als erster deutscher Film einen Oscar als bester fremdsprachiger Film. Das deutsche Publikum nahm Adorf lange übel, dass er in einer Karl-May-Verfilmung in der Rolle des Schurken Santer Winnetous Schwester erschossen hat, liebte ihn aber in den Rollen als Klebstofffabrikant Heinrich Haffenloher (Kir Royal) und Kaufhausmogul Peter Bellheim (Der große Bellheim). Bei dem vom Goethe-Institut San Francisco veranstalteten deutschsprachigen Filmfestival „Berlin & Beyond“ erhält Adorf in diesem Jahr den Lifetime Achievement Award.
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