Goethe aktuell

Zweierlei Freiheit

Torsten StapelEin deutsch-chinesisches Gesprächsforum

Copyright: Torsten Stapel
Runder Tisch, kantige Themen (Foto: Torsten Stapel)

13. Oktober 2012


Von Joachim Güntner

Wie sich China von Indien aus darstelle, wurde der in Delhi lebende deutsche Korrespondent Georg Blume gefragt. Die Antwort kam prompt: „Als sehr reich.“ China kennt keine Hungertoten mehr, es ist bestrebt, die USA als größte Volkswirtschaft abzulösen, die ehedem kommunistische Ökonomie wird der kapitalistischen immer ähnlicher.

Politisch aber hält die Volksrepublik auf Abstand. Geht es um die Menschenrechte in China, sind die Fronten starr: Der Westen fordert mehr Rechte, die chinesische Führung sieht ihre Bringschuld längst erbracht. Alles bloß eine Frage der Perspektive? Vielleicht predigen beide Seiten ja deshalb tauben Ohren, weil sie unterschiedliche Begriffe von Freiheit und Menschenwürde besitzen.

Um für Transparenz zumindest unter Intellektuellen zu sorgen, fand nun im beschaulichen Abseits der brandenburgischen Provinz ein zweitägiges Gesprächsforum statt. Veranstalter waren das Goethe-Institut und das Institut für Philosophie an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften; fürs Wohlleben sorgte die Stiftung Schloss Neuhardenberg.

Die Podien bestritten Wang Hui, Homi K. Bhabha, François Jullien, Thea Dorn, Alexander Kluge, Monika Maron, Xu Bing, Yang Lian, Zhao Tingyang, Helmut Lachenmann, Xiao Kaiyu und Li Yinhe. Die Gäste aus China wurden als Mischung aus Freidenkern und Universitätsangehörigen präsentiert, und der Moderator Georg Blume kündigte an, man werde etwas Seltenes zu sehen bekommen: Chinesen im politischen Streit auf offener Bühne.

Tatsächlich ging es streckenweise lebhaft zu, doch die Fetzen flogen nie. Warum wir einander nicht verstehen war das Treffen überschrieben. Alexander Kluge meinte, es liege eine Schicht europäischer Begriffe wie Lava über China. Würde man sie wegräumen, käme darunter eine vom Westen verschiedene „zweite Geschichte der Rationalität“ zum Vorschein.

Der französische Sinologe und Philosoph François Jullien lieferte Beispiele für den Unterschied der Denkformen. Während das europäische Konzept von Freiheit ein Individuum postuliere, das mit der bestehenden Ordnung breche, halte sich der chinesische Weise „alle Möglichkeiten offen“. Anders als Immanuel Kant betone Konfuzius nicht die Autonomie des Subjekts, sondern dessen „Disponibilität“, sich gemäß den Erfordernissen des Augenblicks zu entscheiden. Das traditionelle chinesische Denken strebe nach dem Einklang von Mensch und Welt, das abendländische hingegen forciere den Bruch.

Vom clash of civilizations wollten in Neuhardenberg nur die wenigsten etwas wissen. Monika Marons Versuche, pointierter über den unterschiedlichen Rang der Bürgerrechte in Ost und West zu sprechen, liefen ins Leere. Als der Komponist Helmut Lachenmann von der europäischen Tradition negativen Denkens sprach und daraus auch eine höhere Fähigkeit zur Selbstkritik ableitete, verglichen etwa mit der des Islams, erteilte ihm der aus Indien stammende, in den USA lehrende Kulturtheoretiker Homi K. Bhabha eine Abfuhr: Der mit seiner Heimat höchst kritisch verfahrende Salman Rushdie sei schließlich selber ein Muslim. Die Quittung dafür, den Hass auf Rushdie, erwähnte Bhabha nicht.

Der prominente Kulturtheoretiker war mit einem Referat über The ethics of collaboration angereist. Um Kulturkonflikte zu entschärfen, empfiehlt Bhabha den Parteien, nicht „Konsens“ zwischen ihren Auffassungen anzustreben, sondern dynamische „Konvergenz“. Seien Wertvorstellungen unübersetzbar, müsse man dies hinnehmen und im Geiste guter Nachbarschaft einen dritten Weg zwischen Kulturrelativismus und Universalismus suchen.

Das ist leicht gesagt. Zhao Tingyangs Vorschlag, Menschenrechte zwar umfassend, jedoch nur wechselseitig und „auf Kredit“ zu gewähren, so dass zum Beispiel ein Mörder durch die Tat sein eigenes Recht auf Leben verwirkt, wurde von den chinesischen Podiumsteilnehmern ob seiner Stimmigkeit gelobt, von den deutschen als schematische „Vergeltungsgerechtigkeit“ verworfen.

Durchweg als düster beschrieben Wang Hui, ein Vordenker der neuen Linken, und der traditionalistische Dichter Xioa Kaiyu die geistige Situation der Arbeiter wie auch der Intellektuellen in China. Und für eine Überraschung gut war Li Yinhe. Wiederholt hatte die Soziologin mit Äußerungen den Anschein erweckt, Missstände kulturrelativistisch schönzureden. Am Schluss des Treffens aber ritt sie eine scharfe Attacke gegen die chinesische Zensurbehörde, beklagte die Allgegenwart der Lüge und den Ruin des Vertrauens. Offenbar war es voreilig gewesen, sie als Betonkopf abzubuchen.

Erschienen in der „Neuen Zürcher Zeitung“ am 25. September 2012. Mit freundlicher Genehmigung der „Neuen Zürcher Zeitung“.

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