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Hamlet in Ramallah: „Kennt sich jemand mit Waffen aus?“

Goethe-Institut / Mohammad AlhajCopyright: Goethe-Institut / Mohammad Alhaj
Szene aus der „Hamlet“-Aufführung: Grenzerfahrungen auf Shakespeares Spuren (Foto: Goethe-Institut / Mohammad Alhaj)

9. Oktober 2012

Wie aktuell Klassiker sein können, hat einmal mehr ein Gastspiel der Berliner Schaubühne in Ramallah bewiesen. Beklemmend unmittelbar sprach Hamlet den Besuchern hier aus der Seele. Und so wurde der Besuch des dänischen Prinzen fast ein Heimspiel. Von Patrick Wildermann

Das Al-Kasaba Theatre & Cinematheque ist bis auf den letzten der 400 Plätze gefüllt. Auch im Gang sitzen die Menschen. Hamlet steht auf dem Programm, zum ersten Mal im Westjordanland. Die Berliner Schaubühne zeigt ihre gegenwartspralle Version von Shakespeares Schicksalsdrama, sie hat lange um dieses Gastspiel gekämpft. Jetzt ist die Atmosphäre im Zuschauerraum spürbar erwartungsvoll geladen.

Das Al-Kasaba liegt im Zentrum von Ramallah, unweit des Manarah Square, wo ein Denkmal mit fünf steinernen Löwen an die christlichen Gründerfamilien der Metropole erinnert. Seit zwölf Jahren existiert das Kulturhaus hier, zuvor war es in Jerusalem beheimatet. Theaterleiter George Ibrahim ist stolz auf seine weltweite Vernetzung. Er richtet internationale Film- und Theaterfestivals aus, tourt selbst bis nach Japan und in die USA mit seinen Produktionen. Darunter sind immer wieder Shakespeare-Werke, der Dramatiker wird geschätzt in Palästina. Das nimmt kaum Wunder. Seine großen Themen sind hier permanent tagesaktuell.

„Die Frage der Legitimität von Macht, der Verstrickung von Politik und Individuum hat in einer so überpolitisierten Region natürlich eine besondere Resonanz“, glaubt auch Joerg Schumacher, der Leiter des Goethe-Instituts in Ramallah, das den Auftritt der Berliner ermöglicht. Lars Eidingers Auftritt in der Rolle des zerrissenen Dänenprinzen wird ihm Recht geben. Allein der mehr als berühmte „Sein oder Nichtsein“-Monolog scheint den Menschen hier beklemmend unmittelbar aus der Seele zu sprechen: „Soll man die wütenden Attacken des Schicksals ertragen, oder zu den Waffen greifen gegen ein Meer von Plagen und sie im Widerstand beenden?“

Auch Regisseur Thomas Ostermeier hat schon im Vorfeld des Gastspiels die Erfahrung gemacht, dass die Hamlet-Motive in viele Biografien eingebrannt sind: Verrat, Rache, Misstrauen, Brudermord. Als er einen Workshop für 25 Theaterstudenten und Schauspieler aus dem Westjordanland gegeben hat, bekamen die Teilnehmer Hamlet-Szenen vorgegeben, die sie mit eigenen Erlebnissen verknüpfen und direkt auf die Bühne bringen sollten. Etwa: Ophelia spioniert Hamlet im Auftrag ihres Vaters aus. Wer hat schon einmal Erfahrungen mit Spionen gemacht? Heraus kam unter anderem die atemlose Erzählung eines jungen Mannes, der mit 17 Jahren als vermeintlicher Terrorist von den Israelis verhaftet wurde. Als das Schlimmste beschrieb er die Ungewissheit im Gefängnis: niemandem trauen zu können, in jedem Mithäftling einen israelischen Agenten zu vermuten. Nur eine von vielen Grenzerfahrungen auf Shakespeares Spuren.

Heikles Terrain

Die torfige Erde, die das Bühnenbild von Jan Pappelbaum grundiert, ist vor Ort beschafft worden. Die Bretterumrandung für die Spielfläche stammt von einer Baustelle gegenüber des Al-Kasaba-Theaters. Den Sarg für die Begräbnisszene, mit der die Inszenierung beginnt, hat Pappelbaum bei einem Sargtischler in Ramallah fertigen lassen, der seit 50 Jahren ein Familienunternehmen führt. Und der Rahmen für den fahrbaren Vorhang, der ein zentrales Bühnenelement ist, wurde aus Requisiten der letzten Inszenierung des Freedom-Theatre-Gründers Juliano Mer-Khamis am Al-Kasaba recycelt, Ionescos Die Stühle.

Die Schaubühne unterhält seit Jahren rege Arbeitsbeziehungen zum Freedom Theatre, das bereits mehrfach in Berlin gastierte. Ursprünglich sollte Hamlet schon im vergangenen Jahr im Austausch in Ramallah und Dschenin gastieren. Dann wurde im April 2011 Juliano Mer-Khamis vor seinem Theater erschossen. Der Täter ist bis heute nicht gefasst, Verschwörungstheorien kursieren. Nach der Ermordung von Mer-Khamis hat Joerg Schumacher vom Goethe-Institut die Künstler, Studenten und Mitarbeiter nach Ramallah geholt, damit sie in einem geschützten Rahmen weiterarbeiten konnten. Das hat die Verbindung zu dem Haus noch gestärkt.

Die Schaubühne hat sich mit Hamlet schon einmal auf heikles Terrain begeben. Im vergangenen Jahr gastierte sie auf dem Israel Festival in Jerusalem, das als regierungstreue Veranstaltung gilt. Es kam zu Protesten vor der Schaubühne, Thomas Ostermeier erhielt Briefe auch von jüdischen Freunden, die ihn baten, dort nicht aufzutreten. Die Absage hätte jedoch ein Politikum bedeutet. Ostermeier hielt schließlich vor der Vorstellung eine Rede, in der er für den Dialog warb und den Abend dem kurz zuvor getöteten Juliano Mer-Khamis widmete. Ein Gastspiel auf palästinensischem Gebiet kam danach trotzdem fürs Erste nicht in Frage.

Vor der Aufführung im Al-Kasaba-Theatre hat Thomas Ostermeier seine Schauspieler eingeschworen, dass sie sich auf Lärm gefasst machen müssten. Nicht außergewöhnlich, dass während der Vorstellung telefoniert wird. Zudem ist die leicht gekürzte Inszenierung mit immer noch zweieinhalb Stunden Dauer ungewöhnlich lang für hiesige Verhältnisse. Kaum ein Stück dauert länger als eine Stunde. Was auch dem Umstand geschuldet ist, dass viele Menschen traumatisiert sind und eine kurze Aufmerksamkeitsspanne haben.

Keine Küsse

Das mehrheitlich palästinensische Publikum aber steigt von Beginn an gebannt auf diese Inszenierung ein, die Shakespeares Text mit Videoeinsatz, Popkulturzitaten und einem Hauptdarsteller im Spielrausch belebt. Die Reaktionen sind teils überraschend. Die Szene, in der Hamlet seine Ophelia anspuckt, wirkt wie ein Peitschenhieb. Eine Gruppe von Zuschauern verlässt den Saal. Damit hatte niemand gerechnet.

Einige Kussszenen und sexuelle Berührungen waren gestrichen worden, als Tabubrecher wollten die Berliner nicht auftreten. Und in der Tat gelingt es Hauptdarsteller Eidinger auch in Ramallah, im direkten Spiel mit den Zuschauern den Funken überspringen zu lassen. Einmal klemmt das Maschinengewehr, mit dem Hamlet bei Ostermeier Polonius erschießt. „Kennt sich jemand mit Waffen aus?“, fragt Eidinger auf Englisch ins Publikum. Großes Gelächter. Am Ende Jubel und stehende Ovationen.

Die Frage, welche Perspektiven sich palästinensischen Künstlern tatsächlich bieten, beschäftigt natürlich auch Joerg Schumacher. In Ramallah hat die Schauspielschule ihren ersten fertigen Jahrgang entlassen, eine Kunstakademie ist im Aufbau begriffen. Es wächst eine Generation heran, die zumindest gute Voraussetzungen hat, die palästinensische Kunstszene mit eigenen Ideen zu bereichern und den Rahmen des Bestehenden zu weiten. „Die Geschichten, die die Menschen erzählen können, sind reichlich vorhanden und spannend.“
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