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Von Menschen und Meteoriten: Bericht einer abgesagten Reise

Edgardo ScheihingCopyright: Edgardo Scheihing
Meteorit El Chaco in Argentinien: „Steine sprechen nicht“ (Foto: Edgardo Scheihing)

22. Okober 2012

Wenn einer durchs halbe All geflogen ist, kann er über die Strecke Argentinien-Deutschland nur müde lächeln. Doch für den Meteoriten El Chaco wurde ein geplanter Kassel-Trip zum Politikum. Die argentinischen Künstler Guillermo Faivovich und Nicolás Goldberg erzählen, warum.

Was hat ein Meteorit auf einer Kunstausstellung verloren?

Goldberg: Hinter der Idee, den Meteoriten El Chaco nach Kassel reisen zu lassen, steckt ein Forschungsprojekt, an dem Guillermo und ich seit sechs Jahren arbeiten. Obwohl es mitunter geheißen hat, den Meteoriten auszustellen, das sei schon Kunst, interessieren wir uns vor allem auch für den gesamten Prozess, der damit zusammenhängt.

Was ist das Besondere an Campo del Cielo, dem „Himmelsfeld“, mit dem Sie sich seit längerem beschäftigen?

Faivovich: Campo del Cielo liegt über 1.200 Kilometer von Buenos Aires entfernt. Schon die Ureinwohner nannten die Gegend so, weil sie wussten, dass die Steine, die sie dort fanden, aus dem Weltall auf die Erde gefallen waren. Heute liegen die Meteoriten von Campo del Cielo überall in Argentinien – in Forschungseinrichtungen, in Museen. Daher stammt die Ursprungsidee für unser Projekt: Wir besuchten die Meteoriten und fuhren zum Campo del Cielo.

Dabei blieb es nicht.

Faivovich: Zurück in Buenos Aires gingen wir zum Planetarium und erfuhren: Dort liegen zweieinhalb Meteoriten. Zweieinhalb! So beginnt die Geschichte des Meteoriten El Taco, der ebenfalls aus Campo del Cielo stammt. Niemand im Planetarium wusste, warum dort ein halber, präzise durchgeschnittener Meteorit lag.

Goldberg: Steine sprechen nicht. Der Meteorit ist amorph, stammt aus dem Weltall, ist älter als die Erde. Dem hier war irgendwas passiert, da hatten Menschen Hand angelegt.

Dann begann die Suche nach der zweiten Hälfte?

Goldberg: Es gab keine Informationen über „El Taco“. Wir fragten nach, doch im Planetarium schauten die Angestellten uns an, als seien wir verrückt. Oder vielleicht hatten sie auch Angst, wir könnten sagen: „Ihr habt euch die Hälfte eines Meteoriten klauen lassen!“

Faivovich: Es war, als sagte der Meteorit zu uns: „Sucht meine andere Hälfte!“ Und wir haben sie gefunden, in einem Lager der Smithsonian Institution in Washington.

Goldberg: Uns war klar: Wir müssen die beiden Hälften wieder vereinen.

Und Sie haben es tatsächlich geschafft.

Faivovich: Ja, die beiden Steinhälften haben sich 2010 bei einer Ausstellung in Frankfurt im Portikus wiedergesehen.

Die beiden Hälften von El Taco zusammenzubringen, ist nur ein Teil des Projektes. Die Geschichte eines anderen Meteoriten, die von El Chaco, ist komplizierter.

Faivovich: El Taco zu vereinen schien unmöglich – aber es hat funktioniert. Den Meteorit El Chaco nach Deutschland zur Documenta zu bringen, schien einfach – und hat nicht geklappt.

Warum?

Faivovich: Weil unser Projekt kurz vor der geplanten Reise des Meteoriten zu einer geeigneten Bühne für politische Machtspiele wurde. Uns wurde klar, dass das Projekt falsch interpretiert wurde, und wir haben dann den Vorschlag, den Meteorit vorübergehend zu bewegen, zurückgezogen.

Das Projekt ist also gescheitert?

Goldberg: Nein. Für das Projekt wurde all das wichtig, was um den Meteorit herum passierte, auch die Abgeordneten, die Umweltaktivisten. Besonders aufschlussreich war für uns das Auftreten des indigenen Volks der Moqoit und die Haltung des Provinzgouverneurs, die Moqoit als traditionelle Hüter von Campo del Cielo anzuerkennen. Und sie in einer Versammlung darüber entscheiden zu lassen, ob der Meteorit reisen dürfe oder nicht.

Faivovich: Plötzlich war Campo del Cielo auf den Titelblättern der Zeitungen in der Region.

Und Sie waren „die Bösen“?

Goldberg: Wir hätten das Projekt nicht angefangen, wenn wir geahnt hätten, dass jemand dagegen sein könnte. Uns schien es eine einmalige Möglichkeit zu sein.

Faivovich: Es war faszinierend. In den Köpfen vieler war es so, als wäre der Meteorit längst unterwegs gewesen: Sie sprachen darüber, dass das Flugzeug mit dem Meteorit abstürzen könnte – dabei wäre der Meteorit ja gar nicht auf dem Luftweg gereist. Andere überlegten, ob das Schiff nicht untergehen könnte.

Die künstlerische Leiterin der Documenta, Carolyn Christov-Bakargiev, schlug vor, den Stein zu fragen.

Faivovich: Die Perspektive, die Carolyn vorschlägt, ist interessant. Es gab so viele verschiedenartige Stimmen – warum nicht auch die des Meteoriten hören?

Was haben Sie nun anstelle des Meteoriten in Kassel gezeigt?

Goldberg: Auf dem Friedrichsplatz, einem der prominentesten Ausstellungsorte der documenta, war ein Eisenquader zu sehen.

Das Interview führte Karen Naundorf

Der documenta-Beitrag des Künstlerduos Faivovich & Goldberg bildet auch den Ausgangspunkt der Beteiligung der beiden an der Ausstellung Resonance am Goethe-Institut in New York. Resonance ist vom 26. Oktober bis zum 17. Dezember im Wyoming Building zu sehen. Im Zentrum der Betrachtung steht dabei die dreistündige Debatte der Bezirksversammlung von Chaco über die geplante Reise des Meteoriten. Ein Transkript der leidenschaftlichen Diskussion findet sich auf www.goethe.de/us/chaco.
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