Mein Tipp des Monats

„Three Kingdoms“: Wenn die Genres tanzen

Arno DeclairCopyright: Arno Declair
Szene aus „Three Kingdoms“: Reise in die Abgründe der eigenen Identität (Foto: Arno Declair)

25. Oktober 2012

Wie sollen ein britischer Autor, ein deutscher Regisseur und eine estnische Bühnenbildnerin eine gemeinsame Bühnensprache finden? Internationale Theaterproduktionen sind eine heikle Sache. Dass es sich trotzdem lohnt, den Mut dazu zu haben, beweisen zurzeit die Münchner Kammerspiele. Von Martin Berg

Eigentlich können internationale Koproduktionen im Theater nur scheitern, zu unwahrscheinlich ist ein Gelingen. Ich meine damit natürlich richtige Koproduktionen, bei denen Künstler unterschiedlicher Länder miteinander eine Inszenierung erarbeiten, nicht reine Ko-Finanzierungsmodelle. Seltsam, wer im Fußball, im Orchester, im Tanz oder in der Oper in der Champions League mitspielen will, ist meist international besetzt. Im Theater dagegen, hat man den Eindruck, gelten eigene Gesetze.

Nun ist jede Inszenierung an sich ein hohes Risiko, dem Scheitern oft näher als dem Meisterwerk. Internationale Besetzungen bedeuten im Theater jedoch zusätzliche Kommunikationsprobleme, unterschiedliche Mentalitäten, andere Spielweisen und Organisationsstrukturen. Ein unerschöpfliches Potenzial an Missverständnissen und den Premierentermin im Nacken. Um so erstaunlicher, wenn es dann manchmal doch grandios gelingt wie bei Three Kingdoms.

Mein Tipp des Monats

Einmal im Monat präsentieren wir Ihnen an dieser Stelle eine Kulturempfehlung. Reihum bitten wir die Experten aus den verschiedenen Fachbereichen des Goethe-Instituts um ihren ganz persönlichen Tipp. Ob Klassiker oder Neuheit, Geheimtipp oder Hochkultur – gefragt ist, was gefällt.
Dabei waren die Voraussetzungen für die Koproduktion der Münchner Kammerspiele, des estnischen Theater NO99 aus Tallinn und des Londoner Lyric Hammersmith Theatre alles andere als einfach, zu unterschiedlich sind ihre Produktionsbedingungen. Und wie sollte das gemischtes Ensemble sprachlich und spielerisch zusammenfinden?

Three Kingdoms beginnt wie ein Krimi. Als ein abgetrennter Frauenkopf aus der Themse gefischt wird, nimmt Kommissar Ignatius Stone – von Dramatiker Simon Stephens und Regisseur Sebastian Nübling mit allen Rollenklischees ausgestattet – die Ermittlungen auf. Sie führen ihn über München nach Estland auf die Spur eines internationalen Mädchenhändlerrings. Doch je weiter sich der Kommissar in ein Europa der offenen Grenzen entfernt, umso weniger versteht er. Was als Thriller beginnt, endet als Reise in die Abgründe der eigenen Identität.

Im unbehausten Bühnenraum von Ene-Liis Semper, der Polizeistation, Billighotel und Pornofilmstudio ist, verwandelt sich die geregelte Welt vor den Augen des Kommissars in einen psychodelischen Albtraum, bei dem am Ende nicht mehr wichtig ist, wer der Mörder ist.

Mit welcher Leichtigkeit und Lust Regisseur Nübling Vorurteile, Genre-Elemente, nationale und moralische Überzeugungen zum Tanzen bringt, wie er die Stärken der britischen, deutschen und estnischen Schauspieler mit ihren unterschiedlichen Spieltraditionen herauskitzelt, ist ganz große Kunst. Es ist das fünfte Stück von Simon Stephens, das Nübling inszeniert, Stephens hat es als Auftragsstück für ihn und das gemischte Ensemble geschrieben. Vielleicht ist Vertrautheit auch das Geheimnis des Gelingens. Vertrautheit mit der künstlerischen Handschrift des anderen und Kenntnis der jeweiligen Stärken. Vielleicht sollte sich das Theater einfach nur öfter auf das Abenteuer internationaler Produktionen einlassen.

Copyright: Loredana La RoccaMartin Berg, 52, leitet den Bereich Theater und Tanz im Goethe-Institut. Bevor er zum Goethe-Institut kam, arbeitete er als Schauspieler und Dramaturg für verschiedene Theater und Festivals und verfasste Hörspiele und Radiobeiträge. Er glaubt, dass Live-Erlebnisse im digitalen Zeitalter wichtiger werden, und liebt deshalb neben Theater gutes Essen, Bergwanderungen und Zeit mit der Familie und Freunden.
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