Mein Tipp des Monats

Leseland Neuseeland: Literarisches Strandgut

Christoph MücherCopyright: Christoph Mücher
Eine literarische Reise nach Neuseeland muss nicht teuer sein: Ein Wohnwagen kann dabei helfen, aber auch eine gemütliche Leseecke erfüllt ihren Zweck (Foto: Christoph Mücher)

24. November 2012

Die Frankfurter Buchmesse ist Vergangenheit. Nicht weniger als 68 Autoren präsentierten dort die Vielfalt der Literaturszene des Ehrengasts Neuseeland. Was bleibt? Kälter werdende Tage und viele gute Bücher, die zu einer literarischen Reise einladen. Ein paar Lesetipps. Von Christoph Mücher

Mit stets gepacktem Koffer und ungebrochener Reiselust begegnen Neuseeländer der geografischen Isolation ihres Landes. Reisen gehört gewissermaßen zur DNA des Landes, und das spiegelt sich auch in der Literatur wider. Immerhin begann die Geschichte des Landes mit zwei großen „Schiffsreisen“: der sagenumwobenen Pazifikdurchquerung polynesischer Krieger, gefolgt von einer zweiten großen Siedlungswelle vornehmlich aus Großbritannien. Der Kontakt zwischen beiden Bevölkerungsgruppen – Maori und „Pakeha“ – ist bis heute für die Identität und das Selbstverständnis des Landes konstitutiv. Rangatira beschreibt in ungewöhnlicher Form die Gegensätze dieser beiden Kulturen. Autorin Paula Morris folgt einer Gruppe von Maori-Häuptlingen (Rangatira), die es von Auckland ins viktorianische England führt. Eine vergnügliche Lektüre, akkurat recherchiert, humorvoll beschrieben, exzellent übersetzt und durch den deutschen Verleger Waldegraf ungewöhnlich liebevoll ausgestattet. Ein rundum schönes und sehr erhellendes Lektüreerlebnis.

Mein Tipp des Monats

Einmal im Monat präsentieren wir Ihnen an dieser Stelle eine Kulturempfehlung. Reihum bitten wir die Experten aus den verschiedenen Fachbereichen des Goethe-Instituts um ihren ganz persönlichen Tipp. Ob Klassiker oder Neuheit, Geheimtipp oder Hochkultur – gefragt ist, was gefällt.
Mit ihrer frühen „OE“ (overseas experience) begründeten die zunächst neugierigen, dann zunehmend heimwehkranken Häuptlinge eine Tradition, die bis heute anhält. Buchstäblich jeden Neuseeländer führt es in jungen Jahren ins Ausland und dabei vornehmlich ins ehemalige „Mutterland“ England. Dies gilt auch für Emily Perkins, die nicht weniger als elf Jahre in London zubrachte. Während Perkins’ internationaler Durchbruch Roman über meine Frau (Berlin-Verlag/Bloomsbury – unbedingt lesenswert) noch ein sehr englisches Buch ist, zeichnet der Familienroman Die Forrests (Berlin-Verlag) ein Bild der neuseeländischen Gesellschaft im Wandel. Auch hier steht eine Reise im Zentrum des Geschehens. Vater Forrest kehrt mit seiner Familie den amerikanischen Ursprüngen den Rücken, um in der egalitären Gesellschaft Neuseelands eine neue Heimat zu finden – sagt er. Vielleicht war es aber auch eher die leere Familienkasse, die einen Wandel nahelegte, oder der vage Traum, seinen leise schlummernden homophilen Neigungen eine neue Heimat zu geben. So wird Neuseeland um einige Mitbürger reicher, die ihre Traditionen, Sichtweisen, Visionen und Probleme in das Land mit einbringen.

Zu den Neuankömmlingen der letzten Jahre gehört auch Linda Olsson. Seit gut zehn Jahren lebt die gebürtige Schwedin in Neuseeland. Ihr Roman Die Fremde am Meer (btb) gibt eine packende Schilderung vom Leben einer Frau, die selbstgenügsam an einer der wellenumtosten Küsten des Landes lebt, bis eines Tages ein kleiner Junge in ihr Leben tritt, das fortan eine völlig neue Richtung nimmt. In mancher Hinsicht wirkt der Roman wie eine versöhnliche Fortsetzung des verstörenden epochalen Romans Unter dem Tagmond von Kerry Hulme (Fischer), der im Zuge der Buchmesse in einer Neuauflage auch in zahlreichen deutschen Buchhandlungen ausliegt und dort nicht alt werden sollte.

Nicht immer sind es nur die Zufälle des Lebens, die den Gedankenaustausch zwischen Neuseeland und der Welt befördern. So unterhält der neuseeländische Arts Council seit über zehn Jahren eine Autorenresidenz in Berlin. Die „Residenz“ besteht aus einer kleinen Wohnung in Friedrichshain samt einjährigem Stipendium. „Ich bin wohl mit Abstand der älteste Mensch in diesem Viertel“, schrieb Erfolgsautor Lloyd Jones, als er 2006 in Berlin eintraf. Mag sein, doch der Autor hat sich davon nicht einschüchtern lassen und seine Zeit in Berlin gut genutzt. Die Frau im blauen Mantel (Rowohlt) ist ein kunstvoll erzählter Roman, ein Globalisierungsschicksal, in das der Autor viele scharfe Beobachtungen aus seinen Streifzügen durch die deutsche Hauptstadt einflechtet. Zu Recht hat der viel gelobte Roman einen Paradeplatz auf den Büchertischen des deutschen Buchhandels.

Die Berlinerfahrung hat nicht nur Lloyd Jones geprägt, der oft und gerne wieder kommt. Andere schaffen es gar nicht mehr nach Hause. Sarah Quigley ist längst Berlinerin. Mit ihren Kolumnen und Artikeln bringt sie das quirlige Leben der deutschen Hauptstadt ins Bewusstsein der neuseeländischen Öffentlichkeit. Ihr neuster Roman Der Dirigent (Aufbau) hat in Deutschland auch jenseits des Buchmesserummels Aufmerksamkeit erlangt.

Neuseeland, das „Land der großen weißen Wolke“, ist näher, als man denkt, und nicht immer braucht es ein teures Flugticket, um die Menschen, ihre Erfahrungen, Einsichten und Ansichten kennenzulernen. 100 Euro und eine warme Leseecke sind ein guter Start. Frohe Lektüre!

Copyright: Loredana La RoccaChristoph Mücher, 48, war für Goethe in Japan und Neuseeland und ist seit 2010 Pressesprecher des Goethe-Instituts. Wenn er Zeit hätte, würde er viel lesen, Filme sehen und Konzerte hören, gerne Orgelmusik. Leider reicht es meistens nur für eine abendliche Partie Fußball oder Badminton oder ein opulentes Mahl am eigenen Herd. Katharsis liefert der FC Schalke 04 seit über 40 Jahren im Übermaß.
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