Mein Tipp des Monats

Berlin-Romane: Als wir noch Weltstadt waren

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Flair der Zwanziger: Potsdamer Platz bei Nacht (Foto: Bundesarchiv)

28. Januar 2013

Nach dem Fall der Mauer kam ich nach Berlin – und lernte neben der Aufbruchstimmung der Neunziger auch gleich die „goldenen“ Zwanziger kennen. Noch heute zieht es viele in diese vermeintlich besseren Zeiten. Drei Romane sollten auf dieser Zeitreise nicht fehlen. Von Arne Schneider

Wie jeder gute deutsche Student zog ich 1990 nach Berlin. Die Mauer war gerade gefallen, und Berlin versprach das ganz große Abenteuer. Und Helmut Schmidt prognostizierte, dass Berlin schon in fünf Jahren wieder eine Weltstadt sein würde – wie in den Zwanzigerjahren.

Lassen wir mal den Umstand beiseite, dass ich damals für 250 Mark in einer baufälligen Ein-Zimmer-Bude in einem Hinterhaus in Friedrichshain wohnte und wahrscheinlich der einzige Wessi bin, der je von einem Ossi betrogen wurde. Die Zwanziger waren tatsächlich allgegenwärtig. Man konnte kaum an einem älteren Gebäude vorbeigehen, ohne dass irgendjemand erklärte, wer damals darin inszeniert, gewohnt, getanzt, gedichtet oder gekokst hatte.

Mein Tipp des Monats

Einmal im Monat präsentieren wir Ihnen an dieser Stelle eine Kulturempfehlung. Reihum bitten wir die Experten aus den verschiedenen Fachbereichen des Goethe-Instituts um ihren ganz persönlichen Tipp. Ob Klassiker oder Neuheit, Geheimtipp oder Hochkultur – gefragt ist, was gefällt.
Dieser Hype war auf die Dauer nervtötend, aber wohl nötig. Denn bei Licht besehen, bot das damals realexistierende Gesamt-Berlin nicht viel. West-Berlin war trotz Großevents und Schaufenster-des-Westens-Rhetorik im Jahrzehnt vor dem Mauerfall vor allem Provinz. In Ost-Berlin sahen die Stadtviertel, die Luftangriffe und sozialistische Stadtplanung überlebt hatten, aus, als sei der Krieg erst vor ein paar Tagen zu Ende gegangen: An den schwarzen Fassaden prangten Einschusslöcher, und von herabstürzenden Balkons ging akute Lebensgefahr aus. Meinen ersten Sandsturm erlebte ich nicht in der Sahara, sondern in den quadratkilometergroßen Stadtbrachen des ehemaligen Grenzstreifens.

Viele erlebten nach dem Mauerfall Berlin als riesigen Abenteuerspielplatz mit Kultur und Party. (Wladimir Kaminers Russendisko und Rafael Horzons groteske „Autobiografie“ Mein weißes Buch sind wunderbare Porträts dieser Aufbruchszeit.) Für diejenigen aber, die auch die bourgeoiseren Qualitäten einer Stadt suchten, blieb nur ein optimistischer Blick in die Zukunft – oder eben der Rückblick auf die Vergangenheit. Und da die Auswahl an vermeintlich „besseren Zeiten“ in Berlin nicht groß war, lagen die Zwanzigerjahre nur allzu nahe.

Heute hat sich Berlin bekanntlich verändert. Das Zentrum glitzert, die Kunstszene ist größer, internationaler und vielfältiger denn je und die Mietpreise gehen durch die Decke. Literarisch lohnt es sich daher in jedem Fall, auf die kulturell spektakulären und politisch verheerenden Metropolenjahre zwischen den beiden Weltkriegen zurückzublicken – auch heute noch. Drei Roman-Empfehlungen:

  • Christopher Isherwood: Goodbye to Berlin / Leb wohl, Berlin!
    Stark autobiografisch und die literarische Vorlage zu dem Erfolgsmusical Cabaret: Ein junger Engländer erlebt das wilde, das proletarische, das großbürgerliche, das hochstaplerische, das internationale Berlin – und den aufziehenden Faschismus. Lakonisch erzählt, manchmal mehr ein Skizzenbuch als ein Roman.
  • Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz
    Noch immer ein Wunderwerk: eine Montage aus Erzählung, Schlagzeilen, Politikerreden, amtlichen Verlautbarungen, Statistiken, Reklame-, Lied- und Bibeltexten, aus Jargons und Milieus führt direkt in die proletarische und Halbwelt-Metropole jener Jahre.
  • Erich Kästner: Fabian
    Der Gang vor die Hunde sollte ursprünglich der Untertitel dieses Romans sein. Und es geht auch nicht gut aus mit Dr. Fabian, der zu gut ist für die chaotische und zynische Welt jener Jahre. Manchmal ergreifend, manchmal zynisch, oft zum Brüllen komisch.


Copyright: Loredana La RoccaArne Schneider, 43, leitet den Bereich Literatur und Übersetzungsförderung in der Zentrale des Goethe-Instituts. Ab 2003 war er für das Institut insgesamt sechs Jahre lang als Leiter der Sprachabteilung in Afghanistan und als Institutsleiter in Nigeria. Seit 2009 ist er in der Zentrale in München und freut sich nach den Auslandsjahren wieder an einem Leben mit Freunden und Familie – und an „Selbstverständlichkeiten“ wie Bürgersteigen, Cafés und Theatern. Und am Schönsten in München und Umgebung: dem Radfahren.

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