Mein Tipp des Monats

„Continuity“: Gefangen in der Endlosschleife

Goethe-Institut
25. August 2012

Unter den Werken der diesjährigen Documenta sticht eines besonderes heraus: Omar Fasts Continuity. In unserer neuen Kolumne Mein Tipp des Monats empfiehlt Leonhard Emmerling die beklemmende Installation über ein persönliches Afghanistan-Trauma.

Eines der Hauptthemen der 13. Documenta in Kassel, kuratiert von der künstlerischen Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev, lautet „Collapse and Recovery“ – Zusammenbruch und Genesung. Sie bezieht sich dabei unter anderem auf die Geschichte Kassels, das während des Zweiten Weltkriegs beinahe völlig zerstört wurde, auf das Trauma der Auslöschung und auf die „heilende“ Kraft der Kunst.

Mein Tipp des Monats

Einmal im Monat präsentieren wir Ihnen an dieser Stelle eine Kulturempfehlung. Reihum bitten wir die Experten aus den verschiedenen Fachbereichen des Goethe-Instituts um ihren ganz persönlichen Tipp. Ob Klassiker oder Neuheit, Geheimtipp oder Hochkultur – gefragt ist, was gefällt.
Vor diesem Hintergrund entwickelt eines der herausragenden Werke der diesjährigen Ausstellung, Omer Fasts Film- beziehungsweise Videoinstallation Continuity, seine Kraft. Untergebracht in einem der Pavillons in der Karlsaue erzählt er in drei Kapiteln eine beklemmende Geschichte. Jedes der drei Kapitel beginnt mit der Fahrt eines Ehepaares zu einem Bahnhof, wo ein junger Mann in Uniform auf sie wartet. Mann und Frau schließen die jungen Männer jeweils mit Tränen in die Arme, bringen sie nach Hause und essen gemeinsam zu Abend, Christbaum im Hintergrund und jede Menge Wein auf dem Tisch. Die Schluss-Szene jedes Kapitels zeigt die Einfahrt mit dem geparkten Wagen, in den einmal der „Vater“ einen schweren Plastiksack hievt.

Wovon der Film offenbar handelt, ist der Versuch des Ehepaares, den Verlust ihres in Afghanistan getöteten Sohnes mit Hilfe von Callboys vergessen zu machen. Die jungen Männer spielen die Rolle mal abgebrüht, mal überambitioniert, mal dilettantisch; die Dialoge während des Essens werden, je länger man den in Endlosschleife montierten Film betrachtet, desto quälender, die gespielte Intimität zwischen Eltern und „Sohn“, die zweimal in erotischen Annäherungsversuchen der Mutter endet, wird unerträglich, und auch die Vertrautheit zwischen den Eheleuten bekommt etwas Fieses, latent Gewalttätiges.

Immer wieder durchbrechen halluzinative Szenen den Fortgang: Ein Auge schwimmt in einem Weinglas, Maden winden sich im Spätzleteller, ein Dromedar steht im deutschen Kiefernwald auf der Straße und führt die Frau, die den Wagen verlässt, um ihm nachzueilen, zu einer Sandgrube voller toter Soldaten, deren Maschinenpistolen ein afghanischer Kämpfer einsammelt.

Wie auch immer man den Plot interpretiert – Werden die jungen Männer am Ende alle getötet? Wo ist der Rucksack des einen „Daniel“ geblieben? – der Film sticht in jeder Hinsicht als überragend aus der Vielzahl sehr guter Werke auf der Documenta heraus. Schauspieler, Kamera, Licht, Schnitt, Ausstattung – alles hat Kino-Niveau.

Der dem Trauma innewohnende Wiederholungszwang wird reflektiert in der Endlos-Montage, die Brüchigkeit des Versuchs, das Trauma zu ignorieren, ist in jeder der kleinen Gesten, in jedem der Dialoge schmerzhaft spürbar. Wer glaubt, dass Traumata die Eigenschaft haben, nicht nur die Betroffenen, sondern auch deren Mitmenschen krankzumachen, kann sich nur bestätigt fühlen. Am liebsten möchte man die beklemmende Wirkung der Arbeit sofort abschütteln. Aber das Trauma lässt einen so einfach nicht los.

Copyright: Goethe-InstitutLeonhard Emmerling leitet seit 2010 den Bereich Bildende Kunst am Goethe-Institut. Zuvor war er als Ausstellungsmacher, Dozent und Autor in Deutschland und Neuseeland tätig. Neben Bergwandern, Zigarettenrauchen, Langstreckenschwimmen, Weinverkostung und Filmekucken gilt seine Leidenschaft der Kunst im Allgemeinen sowie romanischer Architektur, Malerei des 19. Jahrhunderts, Videokunst und endlosen Theoriedebatten im Besonderen.

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