Das Schwerste ist das Abschied nehmen, das Zweitschwerste der Neuanfang

Sie arbeiten für das Goethe-Institut im Ausland im Bereich der kulturellen Programmarbeit. Was bedeutet das für Sie? Das Reizvolle an dieser Aufgabe besteht in der Herausforderung, zwischen dem Gastland und Deutschland einerseits aktuelle Schnittmengen und andererseits fundamentale Unterschiede zu entdecken. Das bietet Stoff für interessante Projekte, bei denen man eine wechselseitige Befruchtung anstoßen und in beide Richtungen - in das Gastland hinein und nach Deutschland zurück - wirken kann. Zwei Beispiele aus meiner aktuellen Arbeit in Kanada: Gemeinsam ist den Ländern eine Stärke im zeitgenössischen Tanz. Also haben wir in den vergangenen acht Jahren 26 Choreografen aus Deutschland eingeladen und 10 deutsch-kanadische Koproduktionen gefördert, von denen die Hälfte in beiden Ländern aufgeführt wurden. Völlig verschieden ist die Haltung gegenüber Fußgängern, denen in deutschen Städten immer stärker Priorität eingeräumt wird, währenddie kanadischen Städte noch sehr Auto zentriert sind. Unsere Präsentation von autofreien Vierteln in Köln oder Berlin stieß auf große Überraschung und löste lebhafte Diskussionen aus.
Wie sind Sie zum Goethe-Institut gekommen?
Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen und habe schon als Kind an Fernweh gelitten. Nach meinem Studium schwankte ich zwischen Auswärtigem Amt und Goethe-Institut. Von Letzterem versprach ich mir eine stärkere Konzentration auf die Künste in der Berufsausübung und einen direkteren Kontakt zu den Menschen in den Ländern, in denen ich tätig sein wollte.
Welches waren Ihre bisherigen Stationen?
Ganz klassisch begann ich an einem Inlandsinstitut, in Iserlohn, mit Sprachunterricht, unterbrochen von Fortbildungsseminaren für ausländische Deutschlehrer. Die erste Auslandsstation war Alexandria (Ägypten), wo ich die Sprachabteilung leitete. Von dort ging es nach Jakarta und in die Programmarbeit mit Verantwortung für Südostasien. Es folgten ein Aufenthalt in der Zentrale im Bereich Kommunikation und unbezahlter Urlaub, um mal umgekehrt meinem Partner folgen zu können. Seit acht Jahren leite ich nun das Goethe-Institut Montreal und seine Außenstelle in der kanadischen Hauptstadt Ottawa. Am 1. August 2012 übernehme ich die Leitung des Goethe-Instituts Dublin.
Welche Erfahrungen haben Sie an den verschiedenen Orten Ihrer Arbeit beim Goethe-Institut gesammelt? Was war schwierig, was war besonders beeindruckend?
Beeindruckend waren für mich in Ägypten und Indonesien die außerordentlich hohe Wertschätzung unserer Arbeit und das Engagement der Partner, die oft keinen finanziellen Beitrag zu den Projekten leisten konnten, aber unermüdlich ihre Ideen und ihre Arbeitskraft investierten. Oft hatte ich den Eindruck, dass ich durch meine Arbeit sehr konkret etwas bewirken konnte, zum Beispiel, wenn es mir in Indonesien gelang, einen Workshop für Foto-Journalisten mit einem Redakteur des "stern" durchzuführen, bei dem man die Grenzen der Pressefreiheit überschreiten konnte, oder wenn sich in einer öffentlichen Veranstaltung zum Thema Aids eine Prostituierte auf dem Podium äußern konnte, die sonst kein Gehör gefunden hätte. In einem westlichen industrialisierten Land wie Kanada ist es dagegen nicht so einfach, im Konzert der vielen Kulturveranstalter Gehör beim Publikum zu finden. Da kommt es darauf an, dass man genau das richtige Thema oder den richtigen Künstler findet und sich mit anderen Organisationen - kanadischen und europäischen - verbündet.
Welche Belastungen bringt das Leben als Entsandter mit sich?
Das Schwerste ist das Abschiednehmen, das Zweitschwerste der Neuanfang. Man schließt Freundschaften, man schlägt Wurzeln. Noch schwerer als für die Entsandten ist es für die Familienangehörigen, besonders für den Partner, der kein Netzwerk am Auslandsdienstort vorfindet und sich oft mühsam eine adäquate Beschäftigung suchen muss. Und natürlich für die Kinder. "Mama, warum müssen wir immer umziehen?" fragte mein Sohn, der immer dort bleiben wollte, wo wir gerade waren. Heute allerdings, als Erwachsener, schätzt mein Sohn die vielfältige Auslandserfahrung. Er weiß, dass seine Begabung zum Gespräch mit Fremden und sein Talent, Fremdsprachen zu erlernen, auch mit dem Wechsel der Orte und Sprachen zu tun hat, dem er in seiner Kindheit und Jugend ausgesetzt war.
Welches Projekt beschäftigt Sie im Moment am meisten?
Wir feiern 50 Jahre Goethe-Institut in Kanada. Die große Herausforderung besteht darin, möglichst viele Menschen mit unserem Jubiläumsprogramm zu erreichen: für die Tanz-Fans gab es die Nordamerika-Premiere der Ben J. Riepe Kompanie, für die Freunde der Elektro-Musik spielen Nils Frahm, Barbara Preisinger und DeWalta auf, für die Film-Fans gibt es eine Gala-Vorstellung mit dem Regisseur Chris Kraus und seinem Film "Poll", für die politisch Interessierten gibt es eine Debatte mit Patrick Bahners ("Die Panikmacher"), und so weiter. Die Leute, die weiter weg wohnen, versuchen wir online zu erreichen, mit einem Webprojekt, wo man tolle Preise gewinnen und seine eigenen "deutsche" Geschichte erzählen kann. Und natürlich gibt es jede Menge Parties, denn 50 Jahre muss man feiern!
Mechtild Manus,
Institutsleiterin Goethe-Institut Montreal
Institutsleiterin Goethe-Institut Montreal









