Verleihung 2011

„Europa: Grenzen und Nachbarn“ – Matinee mit den drei Preisträgern der Goethe-Medaille

Samstag, 27. August 2011, 11 Uhr
Moderation: Christina von Braun (Professorin für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität und Vizepräsidentin des Goethe-Instituts) Seminargebäude der Weimarhalle, UNESCO-Platz 1

Dem alten Kontinent Europa verdankt die Welt viele wissenschaftliche, kulturelle und politische Innovationen. Hier fanden aber auch die meisten Kriege statt – mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Europa ist der Kontinent, von dem die Aufklärung ausging. Hier entstanden aber auch Massenvernichtungswaffen und Konzentrationslager, in denen Menschen systematisch ermordet wurden. In Europa wurde das Konzept der freien Marktwirtschaft entwickelt ebenso wie das des totalitären Staates. Kurz: Europa ist ein Paradox – aber vielleicht gelingt es heute, wo seine Bedeutung angesichts der Globalisierung schrumpft, darüber nachzudenken, was Europa überhaupt ist oder sein kann.

Europa konzipierte sich christlich – und dennoch erlebte hier die jüdische Religion und Kultur eine große Blüte, die in den meisten europäischen Ländern tiefe Spuren hinterlassen hat. Gerade die deutsche Kultur, Literatur und Wissenschaft sind ohne ihre jüdischen Anteile kaum zu erfassen. Auch der Islam hat seine Spuren in der europäischen Kultur hinterlassen: Das gilt nicht nur für Spanien, wo noch heute eine großartige Architektur von der Präsenz der Moslems in Europa zeugt. Es gilt auch für das moderne Europa mit seinen großen muslimischen Gemeinden.

In der Mitte dieses Europa befindet sich Deutschland: In diesem Land fanden erbitterte Religionskriege statt, die zu einer religiösen Teilung des Landes führten. An jeder seiner Grenzen stößt Deutschland auf andere nationale Kulturen mit langen eigenen Traditionen – nicht nur die Frankreichs, Englands und Polens. Dem Einfluss dieser nationalen Kulturen hat sich Deutschland in manchen Epochen geöffnet, in anderen dagegen verschlossen. Das galt auch umgekehrt: Viele innovative Anstöße in Europa hatten ihren Ursprung im deutschen Kulturraum und emigrierten jenseits seiner Grenzen – oder auch nicht.

Und heute? Hat sich der Gedanke Europa verändert? Europa ist keine hegemoniale Macht mehr. Aber es ist zu einem Kontinent geworden, an dessen Geschichte Erkenntnisse zu gewinnen sind: über Religions- und Machtkonflikte, über Integration und Ausschluss, über Konfrontation und Anpassung – über all jene Fragen, die sich im Zusammenhang mit dem Globalisierungsprozess stellen. Über solche und ähnliche Fragen werden die drei diesjährigen Preisträger der Goethe-Medaille miteinander diskutieren: die französische Theaterregisseurin Ariane Mnouchkine, der britische Autor David Cornwell (alias John le Carré) und der polnische Publizist Adam Michnik. Drei Intellektuelle, die nicht ‚ihr’ Land, sondern die europäische Kultur und das kritische Denken repräsentieren.
Von Christina von Braun