Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

„Alles Gute!“ oder: auch Beiräte können irren!
Von Ralf A. Baltzer

Ende Dezember 1983 hatte ich mit Gleichgesinnten die Ausbildung zum Goethe-Dozenten erfolgreich abgeschlossen und wollte endlich an meinen Unterrichtsort Prien zurückkehren, um dort mit frischen Eindrücken und neu erworbenen didaktischen Erkenntnissen meinen Lehrberuf wieder voll aufzunehmen.

Drei Tage vor Weihnachten - die Koffer für die Rückreise waren schon gepackt - rief mich der damalige Leiter des Medienbereichs, der unvergessene Helmut Müller („Der eine und der andere“), in sein Büro in die Kaulbachstraße. Er kam gleich zur Sache und sprach davon, dass im Januar des Folgejahres ein Fernsehsprachkurs in Angriff genommen werden müsse. Ich erinnerte mich daran, dass bereits in den frühen 80er Jahren – damals war ich schon einmal als Gast der Medienabteilung in das Projekt „Unterrichtsmitschau“ eingebunden - sein Vorgänger Heinz Wilms, Walter Lohfert und Josef Gerighausen an einem neuen Fernsehsprachkurs gebastelt hatten. Der wunderbare Ur-Kurs “Guten Tag!“, den der als „Film-Schneider“ bekannte Kollege schon Jahre zuvor geschaffen hatte, war ja noch allen Lehrkräften des GI bestens bekannt. Zitate wie „Ich brauche ein Zimmer - ist es noch frei?“ oder „Ein junger Mann kommt...“ schwirren einem noch heute im Kopf herum, wenn man an die herrlichen Schwarz-Weiß-Streifen zurückdenkt. Bis in die frühen 8oer Jahre hinein kämpfte man noch mit den großen Filmrollen, die vor Unterrichtsbeginn in den Projektor eingelegt und nachher wieder sorgsam rückgespult werden mussten. Wie glücklich war man, wenn der Film einmal nicht gerissen war!

Die didaktischen Bemühungen des Schöpfungsteams um Heinz Wilms waren leider von Anfang an zum Scheitern verurteilt; denn wie hätte das AA als der zahlende Auftraggeber und der für Landeskunde zuständige Partner „Inter Nationes“ es auch gutheißen können, wenn gleich in der erste Folge das „DU“ – ganz im Sinne kommunikativer Kompetenz - durch zwei Obdachlose eingeführt werden sollte. Da es noch mehr solcher „anstößiger“ Stellen im Drehbuchentwurf gab, wurde die Produktion auf Eis gelegt, musste aber ab 1984 nun doch in Angriff genommen werden, weil ein neuer Sprachkursfilm her musste und vor allem das benötigte Geld da war und ausgegeben werden musste!

Helmut Müller war nun als dem Vertreter des GI, das ja für die sprachlichen Belange des Kurses (und nur für diese!) zuständig war, die schwierige Aufgabe zugefallen, die bereits vorliegenden 26 Folgen des Films inhaltlich neu zu gestalten, wobei der vorgegebene Sprachaufbau beibehalten und die Progression nun den neuen, noch zu findenden Inhalten angepasst werden musste. Dafür wollte mich Helmut Müller nun begeistern. Mir wurde recht bange vor der Frage, ob ich nun alten Wein in neue Schläuche oder neuen Wein in alte Schläuche gießen sollte, und war überhaupt total perplex, dass man zur Durchführung dieser Aufgabe an mich herantrat. Als Helmut Müller mein wohl recht verwirrtes Gesicht wahrnahm, meinte er nur: „Sie brauchen sich nicht sofort zu entscheiden, morgen früh reicht auch noch!“ - Ich ging mit mir zu Rate und dachte, wenn du jetzt absagst und siehst später das Ergebnis und kommst dann zu dem Schluss: das hättest du auch - und besser! - machen können, dann wirst du dich grämen. Also mach es!

Kollege Häussermann musste nun an meiner Stelle den geplanten Kurs „Sprache und Skifahren“ in Prien übernehmen, und ich begann am 7. Januar 1984 mit der auf zwei Jahre terminierten Arbeit. Ein eigenes Büro bekam ich nicht, konnte aber mit einer Art Tee-Wagen, auf dem ich eine Schreibmaschine und einen Zettelkasten plazieren konnte, in jeweils urlaubsbedingt für einige Wochen frei gewordene Kollegenzimmer eindringen. Und so blieb es die ganz Zeit! Etwa gegen Ende der anberaumten Zeit fiel den verantwortlichen Planern des Projekts (nach bewährter Goethe-Art) dann auch auf, dass man sich noch keine Gedanken über Begleitmaterialien gemacht hatte. Erst jetzt kam auch der Langenscheidt-Verlag mit ins Boot, und nun dauerte es weitere drei Jahre, bis - zum Teil unter Mitwirkung von Dieter Strauß - die Begleitbücher gedruckt werden konnten. (Diese Autorschaft machte mich inzwischen auch Internet-Google-fähig, wie ich erst kürzlich zu meiner Überraschung feststellen konnte.)

Nach Fertigstellung der Drehbücher durch Gudrun Bouchard konnte endlich mit dem Dreh der ersten Szenen begonnen werden. Und bald war es so weit: Das Projekt sollte dem zuständigen Beirat zur Begutachtung vorgestellt werden. Der Tag für die Präsentation einiger Clips war gekommen. Feierlich ernste Versammlung im Medienraum in der Kaulbachstraße, in dem zu dieser Zeit noch unzählige ALK-Runden und andere Sitzungen stattfanden und auf Band mitgeschnitten wurden. Heinz Wilms warnte damals schon davor, einen Draht oder ein Kabel aus der Wand ziehen, weil die ganze Medienetage nur dadurch zusammengehalten würde.

Nach der Vorführung einiger Ausschnitte und dem Wiederaufleuchten des Saallichtes herrschte eine lange, peinliche Stille. Dann endlich die „befreienden“ Worte des Vorsitzenden, der in München damals als DaF-Leuchte tonangebend war: „Gefilmter Schwachsinn“. Helmut Müller sah wohl meinen ungläubig verstörten Gesichtsausdruck und raunte mir zu: „Ralf, die Fachpresse wird uns zerreißen, aber ich sage dir, es wird ein Welterfolg!“ Und genau das wurde „Alles Gute“ auch! Mehr als 20 Jahre blieb der Film im Einsatz, wurde in unzähligen Ländern adaptiert, im Fernsehen und in Instituten gezeigt und gern gesehen. Durch die Präsentation der Filme bei vielen PV-Veranstaltungen lernte ich die halbe Welt kennen. Die Nachfolgefilme kamen an unser Ergebnis nicht heran.

Fazit: Auch Beiräte können irren!
Von Ralf A. Baltzer, 08.03.2010