Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Die Polizei, dein Freund, dein Helfer
Von Hubert Eichheim

In den achtziger Jahren sah es um den Deutschunterricht in Griechenland noch zappenduster aus, obwohl gut 10 Prozent der Bevölkerung zumindest mehrere Monate in einem der deutschsprachigen Länder verbracht hatte. Aber es waren eben nicht die feinen Leute, die an der Pariser Sorbonne, in Cambridge oder in den USA studierten und anschließend mit einer dicken Limousine und Bonhommie auf dem Gesicht in die Heimat zurückgekommen waren. Die meisten der Griechen in Deutschland waren armselige Gastarbeiter, deren Aufenthalt in Zentraleuropa einer hohen Volatilität unterlag und die nach ihrer oft spontanen Rückkehr sich mehr um das Überleben als um die Wahrung ihrer ohnehin nicht rühmenswerten Sprachkenntnisse zu kümmern hatten.

Da an den öffentlichen Schulen nur Englisch oder allenfalls Französisch unterrichtet wurde, musste man sich an eines der vier Goethe-Institute im Lande wenden, wenn man Deutsch lernen wollte. Wer sich das nicht leisten konnte, schrieb sich an einem privaten Sprachinstitut ein, das in Griechenland Frondistirio heißt. An diesen Klitschen, oft in heruntergekommenen und zugigen Wohnungen untergebracht, unterrichteten damals Lehrer, die nach einem in der Regel erfolglosen Maschinenbaustudium in Aachen oder Darmstadt nach Griechenland zurückgekehrt waren und über das Kleine Deutsche Sprachdiplom eine Lehrerlaubnis erhalten hatten. Kaum verwunderlich, dass die Zeugnisse der Goethe-Institute im Kontrast dazu so hohes Ansehen genossen, dass während der Einschreibung sich die Leute schon um drei Uhr nachts in die Schlange vor dem Athener Institut einreihten, um einen der begehrten Plätze in einem Kurs zu bekommen.

Um die Bedarfsituation etwas zu entspannen, wurden Ende der Siebzigerjahre einige Lehrer des Instituts ermuntert, ein eigenes Frondistirio zu gründen und exklusiv die Dienste des Goethe-Instituts (Lehrerfortbildung, Werbung, Materialversorgung und Abnahme der Prüfungen) in Anspruch zu nehmen. So entstanden sechs private Institute, fünf in Athen und eines in Piräus, die einen befriedigenden Zulauf von zahlenden Schülern hatten, während die übrigen sich um jeden Schüler balgen mussten. Die Kursteilnehmer der sechs privilegierten Institute gingen am Ende stolz mit einem angesehenen Diplom nach Hause, das den Stempel des Goethe-Instituts trug. Die freien Lehranstalten waren gehörig eifersüchtig und kamen bald auf die Idee, ihre Schüler nur für die Prüfungen bei den privilegierten Instituten einzulagern, gegen entsprechende Bezahlung natürlich. Das hat Neid und Ärger keineswegs verringert.

Als Referent für Pädagogische Verbindungsarbeit bekam ich die daraus entstandenen Probleme quasi täglich zu spüren. Eines Tages rief mich ein Mann an, er habe eine Beschwerde über das (vom Goethe-Institut geförderte) Frondistirio in Piräus. Er habe seinen Jungen dort eingeschrieben, der nach einem Einstufungstest in die Anfängerklasse gesteckt worden war, obwohl er seit drei Jahren Unterricht genommen hatte. Seine Vermutung lief darauf hinaus, dass durch die niedrige Einstufung mehr Geld verdient werden sollte. Ich versuchte ihm diese Idee auszureden, doch er bestand auf seinem Verdacht. Um ihn zu beruhigen, schlug ich ihm vor, den Jungen zu mir zu bringen. Ich würde ihn dann testen. Einige Tage später erschien der Mann mit seinem aufgeweckten etwa 12jährigen Sohn. Ich führte den Jungen an den Bücherschrank, in dem alle damals auf dem Markt befindlichen Lehrbücher aufgestellt waren und bat ihn sein Lehrbuch zu suchen. Bald zog er den „Schulz-Griesbach“ heraus und schlug die Seite 28 auf, bis zu der seine Lehrerin gekommen war. „Was habt ihr denn die ganzen drei Jahre gemacht?“ fragte ich ihn. „Verben konjugiert und Nomen dekliniert“, war seine Antwort. Ob das denn Spaß gemacht habe, fragte ich ihn weiter und erhielt ein heftiges Schütteln des Kopfes.

Ich war erst wenige Tage im Amt, als mich die Telefonzentrale des Instituts anrief, da wolle mich ein seltsamer Mensch sprechen. Kaum waren wir verbunden, deckte mich ein Schwall von Vorwürfen in schlechtem Deutsch zu. Ob das Goethe-Institut überhaupt mit griechischen Deutschlehrern zusammenarbeiten wolle, begann der Mann am anderen Ende der Leitung. Ohne auf meine Antwort zu warten, schimpfte er über die sechs Verräter, die nun den Markt des Deutschunterrichts beherrschten, weil das Goethe-Institut sie unterstütze. Ich sollte vorsichtig sein in der Angelegenheit der Frondisterien, mein Vorgänger (Peter von Walter) sei nur noch am Leben, weil er – feige wie er war – sich nach Afrika davon gemacht habe. Er schloss seine Tirade mit der Forderung, dass in allen griechischen Zeitungen am nächsten Tag eine Anzeige erscheine, die eine gleiche Behandlung aller Frondisterien in der Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut ankünde. Wenn wir dem nicht nachkommen, würde etwas Schlimmes passieren.

Ich informierte augenblicklich die Kollegen. Rudolf Bartsch, der Institutsleiter, ließ die Polizei holen. Nach einer Viertelstunde erschien ein Beamter, von dem der Institutsleiter Personenschutz für alle in der Spracharbeit tätigen Kollegen verlangte. Der Polizist dagegen meinte, wenn es nicht gelinge, den Präsidenten Reagan oder den Papst vor einem Attentat zu schützen, dann könne die griechische Polizei auch nichts machen. Wir sollten halt aufpassen, wenn wir auf die Straße gehen. Doch dann wollte er wissen, was die Erpressung denn auf sich habe. Wir erklärten ihm die Situation mit den Frondisterien und das Problem, dass nur die Schüler der sechs Institute bei uns die Prüfung ablegen durften. „Und warum das?“ war seine nächste Frage, die uns in Verlegenheit brachte. „Wenn ich Sie wäre“, sagte er beim Abschied, „würde ich das tun, was der Mann verlangt. Dann haben Sie Ihre Ruhe.“

Er ließ uns schweigend zurück. Hans Blaasch, der damals die Spracharbeit leitete und damit auch für die Prüfungen zuständig war, fand als erster die Sprache wieder. „Ich wollte ohnehin allmählich das Zertifikat einführen. Dann wird das Privileg der sechs Institute sowieso hinfällig. Also tun wir das, was der Polizist rät.“

Einige Tage später erschien in allen wichtigen Athener Zeitungen eine Anzeige, die die Besitzer von Frondisterien aufforderte an einem Gespräch über die Einführung des Volkshochschulzertifikats teilzunehmen. Der Saal des Instituts war fast voll an jenem Donnerstag und die Reaktion der Betroffenen überwältigend. Statt der Drohungen erhielten wir von allen Seiten höchstes Lob und das Institut profitiert bis heute von den gewaltigen Prüfungsgebühren, die in Griechenland erwirtschaftet werden. Der Polizist hat nie erfahren, welchen Dienst er dem Goethe-Institut mit seinem gesunden Menschenverstand getan hat.
Von Hubert Eichheim