Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Arrangement mit den Göttern
Von Dirk Angelroth

„Sie müssen aber zwischen neun und zehn Uhr dreißig kommen, danach kann ich am Samstag den Vertrag nicht mehr unterschreiben“ ... , hatte unsere zukünftige Hausbesitzerin im südindischen Madras gesagt, nachdem wir endlich ein passendes Haus gefunden hatten und unsere Sachen aus Deutschland im Hafen eingelaufen waren.

Zum ersten Mal würden wir nun ein „ganzes Haus“ mieten, nachdem wir bis dato in Studentenbuden oder beengten Unterkünften des Goethe-Instituts im sauerländischen Brilon oder im schönen Rothenburg ob der Tauber gewohnt hatten. Deshalb auch hatten wir es wohl mit der Abfassung eines Mietvertrages besonders ernst genommen, denn er war sieben Seiten lang geworden.

Natürlich waren wir mit indisch-hinduistischen Gepflogenheiten bei Verträgen und Terminabsprachen, was Mondkalender, Einfluss der Sterne, Rat der Astrologen etc. anging, in diesen ersten Monaten überhaupt noch nicht vertraut. Allerdings hatten wir bei den Vorverhandlungen schon eine Ahnung davon bekommen, denn obwohl der Erste des Monats, an dem wir endlich in die eigene Bleibe einziehen wollten, nachdem wir monatelang im Hotel gelebt hatten, uns besonders genehm gewesen wäre, da es ein arbeitsfreier Samstag war, passte dieses Datum der brahmanischen Hausbesitzerin absolut nicht, da eine Übernahme ihres Hauses an diesem Tage laut dem Stand ihrer Sterne bedeutet hätte, dass wir das Haus für alle Zeiten behalten würden.

Da half auch kein Hinweis auf einen Dreijahresvertrag des Goethe-Instituts, denn was konnte schon Goethe gegen die Sterne ausrichten! Schnell fanden wir aber in dieser Frage einen Kompromiss. Danach könnten wir wunschgemäß am Samstag, dem 1.des Monats einziehen, allerdings nicht durch den Haupteingang sondern durch eine engere Seitentür, die gemeinhin den „Lieferanten und Hausangestellten“ vorbehalten war.

Die vereinbarte Zeit für den Vertragsabschluss blieb aber mit Samstag zwischen 9 und 10 Uhr 30 bestehen.

Da der Taxifahrer kaum Englisch verstand, auf die mehrfach gestellte Frage, ob er die gewünschte Strasse oder wenigstens das nahe gelegene Stella Mares College kenne, aber heftig zustimmend nickte, sich dann jedoch selbst mehrmals erkundigen musste, kamen wir erst um 10 Uhr an, und nach wenigen Minuten konnten wir abschätzen, dass unsere Landlady, wie man die Haubesitzerinnen Englisch nannte, den siebenseitigen Vertrag nicht bis 10 Uhr 30 würde durchlesen und unterzeichnen können!

Meine Frau und ich standen wie auf heißen Kohlen, denn für heute 12 Uhr hatten wir unser Umzugsgut hierher bestellt, nachdem wir die Zollformalitäten im Hafen bereits erledigt hatten. Die Dame des Hauses hatte einen ziemlich massiven Wecker mitgebracht und vor sich gut sichtbar aufgebaut, auf dem eine Ente im Sekundentakt hin- und herwippte und wie eine Zeitbombe tickte. Konzentriert und ohne jede Hektik war sie dann an das Studium des Mietvertrages gegangen.

Als es allerdings fünf Minuten vor halb Elf war, unsere Landlady aber erst auf der fünften von sieben Seiten las, deutete ich meiner Frau durch Schulterheben und tiefes Einatmen an, dass es mit unserem Einzug heute nun wohl nichts mehr werden könne ... , aber in diesem Augenblick hatte offenbar auch die Lesende selbst das Zeitdilemma erkannt, ließ sich dadurch jedoch nicht aus der Ruhe bringen sondern hielt den tickenden Entenwecker jetzt mit der Linken und tastete während des Lesens mit der Rechten auf der Rückseite des Weckers nach dem Knopf und stellte den großen Zeiger von der 25 auf die 5 zurück, wobei sie kaum vom Blatt aufgeschaut hatte.

Wir atmeten hörbar auf, denn nun blieb genügend Zeit, um die beiden letzten Seiten in Ruhe zu lesen und den Vertrag noch „vor 10 Uhr 30“ zu unterschreiben. Lächelnd schob die Landlady danach die Füllfeder in die Hülle, sah uns ohne weitere Erklärung freundlich an und sagte „atscha (also gut), ziehen Sie halt heute ein und haben Sie eine glückliche Zeit in meinem Haus!“ Damit griff sie zu der Stelle an der Hüfte, wo jede indische Hausfrau das dicke Schlüsselbund im Sari stecken hat, zog es hervor und schritt uns wie eine Gefängniswärterin voran in den dunklen Nebenflur, um uns die genannte Seitentür aufzuschließen, durch die wir noch heute samt unseren Habseligkeiten das Haus würden beziehen können, ohne dass die von einem Astrologen angekündigte Gefahr bestand, dass wir ein Leben lang in Indien bleiben und dieses Haus nicht mehr hergeben könnten!

Im folgenden Jahr kam ihr Mann, unser „Landlord“, zu Besuch nach Madras, der als Arzt in Penang in Malaysia lebte. Er wohnte zwei Häuser weiter bei der Schwester seiner Frau und zeigte sich bereits beim ersten Höflichkeitsbesuch bei uns hoch erfreut, nicht zuletzt deshalb, weil wir - rein zufällig – ausgerechnet seinen Hausgott, dargestellt auf einem attraktiven Textildruck, der uns in einem Geschäft in Neu-Delhi gefallen hatte, lebensgroß gerahmt im Hauseingang hängen hatten und zumindest meine Frau dessen schwierigen Namen jederzeit stammelfrei und richtig aussprechen konnte: Venkatechalapati, eine Inkarnation des indischen Gottes Vishnu.

Der Doktor hatte angedeutet, dass er am 11. des Monats leider schon wieder heimfliegen müsse, und wir waren deshalb erstaunt, als er schon am 10. Abends bei uns klingelte und uns mit dem Koffer in der Linken bat, ob es möglich sei, heute Nacht in unserem Gästezimmer zu schlafen, er flöge morgen früh nach Penang? Nun will man sich ja nicht in die Familienangelegenheiten anderer Leute einmischen, aber ich konnte mich nicht enthalten zögernd zu fragen „ist etwas passiert, ich meine, Ihre Schwägerin, ist sie, hat sie ...?“
„Oh, nein, nein, nichts dergleichen“, sagte der Arzt verständnisvoll lächelnd, „es ist nur, mein Horoskop, wissen Sie, es sagt, dass ich am 11. keine Reise antreten soll, das könnte Unglück bringen, das ist alles.“
„Möchten Sie denn Ihren Flug für morgen nicht umbuchen? Kein Problem, wir kennen da eine Dame von Air India sehr gut!?“
„Nein, nein, danke vielmals“, und der Doktor lächelte wieder, „wenn ich heute am 10. bei Ihnen schlafen könnte, wäre das Problem gelöst, d.h. ich habe gepackt, mich von meiner Schwägerin bereits verabschiedet und somit die Reise bereits heute am 10. begonnen und setze sie morgen lediglich fort, verstehen Sie?“
„Ja, ja“, sagte ich etwas benommen, „aber nun kommen Sie doch erst einmal herein. Ich glaube, darauf sollten wir etwas trinken!“
„Keine ganz schlechte Idee“, lächelte unser Landlord, stellte den Koffer ab, den der Koch Velu ins Gästezimmer brachte, und setzte sich. Am nächsten Morgen war er in aller Frühe lautlos verschwunden.

Eine Woche später kam eine Postkarte aus Malaysia von ihm, auf der unser Gast kurz und bündig mitteilte: „Bin wie erwartet am 11. gut gelandet, alles bestens. Wie ich Ihnen an dem Abend (Dank nochmals Ihnen beiden!) sagte: man muss sich mit den Göttern arrangieren!“

Hatte er den Reisetermin um einen Tag vorgezogen, so hatte seine Frau den Entenwecker etwas zurückgestellt.

Achtung vor den Göttern und Einhalten der warnenden Horoskope, ... aber ein wenig korrigieren wird man ja wohl noch dürfen!
Von Dirk Angelroth