Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Mein Anfang bei „Goethe“
Von Renate Schmöe

Aus der DDR als Flüchtling gekommen, lebte ich ab Januar 1961 in Westberlin. Von Freunden hörte ich von einem Verein, einem Lehr-Institut, in dem Ausländer Deutsch lernen. Adresse: Kaspar-Theis-Str. in Berlin-Dahlem (wenn ich mich nicht irre). Auf meine Nachfrage gab man mir dort die Anschrift der Zentrale in München, am Lenbachplatz.

Durch eine Empfehlung von Prof. Walter Wittsack (damaliger Lehrstuhlinhaber für Sprechkunde und Sprecherziehung an der Uni Frankfurt/Main), der mit der „Urmutter“, Frau Dr. Dora Schulz, bekannt war, bekam ich im Juni 1963 die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Ich flog nach München, voller Neugierde, wer mich da erwarten würde. Frau Dr. Schulz fragte, woher ich käme, was ich studiert hätte. Ich berichtete, dass ich in Halle/Saale Germanistik und Sprecherziehung/Phonetik studiert hatte.

Das gab wohl den Ausschlag, so dass Frau Dr. Schulz meinte, solche Leute brauche sie! Ihr Zimmer war verräuchert, wir rauchten amerikanische Zigaretten, was mir nichts ausmachte, dazu tranken wir starken schwarzen Kaffee. Da ich diese „Probe“ mühelos bestanden hatte, entließ mich Frau Dr. Schulz mit den Worten, ich könne sofort anfangen. So unbürokratisch kam man damals zu einer Stelle! Das waren eben die Pionierzeiten!! Ich bat noch um eine schriftliche Bestätigung und wurde an die Sekretärin, Frau Ilse Rudowsky, verwiesen, die mit mir alles Nötige regeln würde.

Im Hochgefühl meines Glückes stand ich am Stachus in der Mittagshitze, zählte mein restliches Geld und beschloss, mein zu warmes schwarzes Kostüm (zur Vorstellung seriös angezogen!) und die bis oben zugeknöpfte weiße Bluse gegen ein leichtes Sommerkleid zu tauschen. Ein guter Kauf gelang, dann eine Stärkung mit Bier und Leberkäs, schließlich stieg ich auf den Rathausturm, um mir die verheißungsvolle Stadt München von oben anzusehen. Welch eine Hochstimmung!

Die Ernüchterung folgte: Was hatte ich eigentlich an diesem Goethe-Institut zu tun? Wie unterrichten? Ich musste mich kundig machen.

Während eines Besuchs bei Freunden am Bodensee bat ich um eine Fahrt nach Radolfzell. Bei dem dortigen Goethe-Institut stellte ich mich als zukünftige Mitarbeiterin vor, und man ließ mich bei Fräulein Eisenach eine Stunde hospitieren. Beim Betreten der Klasse stockte mir der Atem: 20 Schwarz-Afrikaner saßen da (Menschen aus diesen Ländern hatte ich bisher nur auf Fotos oder im Film gesehen); die Lehrerin legte gleich los mit einem fabelhaften Tafelbild: Einführung des Akkusativs – Fragen wurden gestellt; die Studenten antworteten schnell und richtig; es ging sogar fröhlich zu. Ich war baff und dachte mir: „Das kann ich nie!“.

Im September/Oktober 1963 folgte das Praktikum in Lüneburg, zusammen mit Werner Eichholz; Fräulein Rosemarie Steinfurth (nachmals Gobert) war unsere kompetente und rührende Mentorin. Man war den ganzen Tag mit den Studenten zusammen, vom Frühstück bis zum Abendessen; wir hospitierten, halfen bei Hausaufgaben, begleiteten die Studenten bei der An- und Abreise zum Bahnhof – und vieles mehr. Bis spät nachts lernten wir Praktikanten das Lehrbuch „Deutsche Sprache für Ausländer“ von Schulz-Griesbach und die dazugehörige Grammatik fast auswendig; außerdem konzipierten wir die Übungsstunden, die wir zu halten hatten. Der Institutsleiter, Herr Benno George, war ein strenger Zensor.

Nach den zwei Monaten stand die Versetzung an. Für mich ging die Reise nach Bayern, nach Kochel am See. Von diesem Dorf hatte ich noch nie gehört. Am 2. November 1963 stand ich im Nebel endlich vor dem Institut; der Leiter, Herr Friedrich Horndasch, begrüßte mich herzlich; am nächsten Tag sollte ich als Klassenlehrerin eine Grundstufe I, d.h. Anfängerklasse, übernehmen.

Und damit begann eine lange, intensive, wunderbare Zeit bei „Goethe“.
Von Renate Schmöe geb. Skirl, Worpswede, im April 2011