Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Als der Weihnachtsbaum durch die Stadt der 1000 Moscheen gefahren wurde – Eine Weihnachtsgeschichte
Von Clemens Terörde

Die folgende Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit: Sie spielt in einem Land Südasiens, gelegen im Delta der großen Ströme, irgendwann in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als einige Tage vor Weihnachten der Leiter des Deutschen Kulturinstituts (genau: des Goethe-Instituts) von der dortigen Lufthansa einen Weihnachtsbaum für die Weihnachtsfeier des Instituts ausleihen konnte und der geschmückte Weihnachtsbaum auf einer Rikscha durch die Hauptstadt dieses Landes gefahren wurde.

Als der Weihnachtsbaum auf einer Rikscha durch die Stadt der 1000 Moscheen gefahren wurde, spannte sich ein tiefblauer Himmel über dem Land der großen Ströme. Die Stadt, gelegen im tropischen Asien, war bekannt als die Stadt der vielen Moscheen, und die Rufe der Muezzine bestimmten den Rhythmus des Lebens ihrer Bewohner. An den Minaretten hingen noch keine Lautsprecher, Fernsehen gab es hier noch nicht, die Männer trugen den Lungi, das knöchellange Hüfttuch, und die Frauen kamen im Sari, zumeist nur einem einfachen aus Baumwolle, oder verschleiert in der Burka einher – die Zeit war stehen geblieben im Delta der großen Ströme, und die Ochsengespanne, die durch die Altstadt rumpelten, verstärkten den Eindruck. Die Bewohner der heillos überfüllten Altstadt gingen ihren Beschäftigungen nach: Die Bananenverkäufer balancierten auf ihren Köpfen Bananenstauden; Rikschas brachten Schulkinder nach Haus; ein Polizist zog einen Straßendieb an einem Strick hinter sich her; Mädchen, selbst noch Kinder, mit kleinen Geschwistern auf dem Arm oder an der Hüfte, standen am Rand der Gehwege und hielten die Hand auf. Ochsenkarren bahnten sich mit Mühe einen Weg durch die Menge; die Muezzine riefen die Gläubigen zum Gebet in die Moscheen. Ziegen meckerten um die Marktstände, wurden von Straßenhunden vertrieben und kamen zurück. Näherte sich ein Auto, was in dieser Stadt nur sehr selten geschah, rannte ihm ein Pulk von Kindern entgegen, um sich als Parkwächter zu verdingen.

Die Stadt verfügte über einen kleinen Flugplatz, weit vor der Stadt, inmitten von Reisfeldern, geeignet für Propellermaschinen mit einer beschränkten Anzahl von Passagieren. In jenen Jahren konnten die Passagiere noch ohne Kontrolle zu Fuß über das Rollfeld gehen. An einem dieser Tage – nach christlichem Kalender kurz vor Weihnachten – machte sich am Flugplatz eine Rikscha bereit, eine Fracht aufzunehmen, eine Fracht, die für Tarek, den Rikschafahrer, etwas Einzigartiges, ja noch nie Erfahrenes bedeutete.

Tarek zog schon viele Jahre mit einer Fahrrad-Rikscha durch die Stadt. Was immer ihm aufgeladen wurde, fuhr er klaglos durch die Straßen und über das Land. Er hatte über die Jahre viele Menschen und Frachten gefahren, über Asphalt- und Schotterstaßen, über holprige und verschlammte Wege, Reis- und Jutesäcke, Körbe - randvoll gefüllt mit Fischen -, Bretter, Baumaterialien und immer wieder Hausrat, Erwachsene und schreiende Kinder, und nach dem Unterricht drängten bis zu zehn Kinder auf die Rikscha. Tarek musste täglich soviel verdienen, dass es für eine Mahlzeit am Abend reichte, für sich, seine Frau Huda und die sechs Kinder, die am Rande des Bahndamms eine aus Brettern, Stoffen und Blechen errichtete Hütte bewohnten. Die Hälfte seines Verdienstes musste Tarek an Saddiqui, den reichen Reishändler und Besitzer der Rikscha, abgeben; immer vor Sonnenuntergang war die Tagesmiete für die Rikscha fällig. Tarek war schon 40 Jahre alt, und er spürte, wie die tägliche Arbeit ihm immer schwerer wurde. Er sehnte sich nach der Zeit, da Mahmoud, der Älteste, der bald 13 wurde, ihn ablösen würde. Tareks Vater war Rikschafahrer gewesen, Tarek selbst war es über 25 Jahre lang, und sein Sohn Mahmoud würde auch eine Rikscha ziehen, so wie es die Ordnung des Lebens festgelegt hat. - Tarek ging regelmäßig in die Moschee. Der Imam war für ihn die oberste Autorität und erklärte den Menschen die göttlichen Gesetze.

Heute wurde ein Baum auf Tareks Rikscha gestellt mit dem Auftrag, ihn vom Flugplatz zum Deutschen Kulturinstitut zu bringen. Nirgends in der Stadt gab es einen Baum dieser Art; allein die kleine europäische Fluglinie draußen am Flugplatz hatte eine solche Tanne in ihrer Wartehalle, eingeflogen aus Deutschland, geschmückt mit silbernen Kugeln und Kerzen, mit glitzerndem Lametta, einer dekorativen Baumspitze und mit dem Engel, der aus der Höhe des Baumes herabzufliegen schien. Ali Khan, der Leiter der Fluggesellschaft, hatte den Weihnachtsbaum für die Weihnachtsfeier des deutschen Instituts ausgeliehen, in vollem Schmuck, ganz so, wie ihn eine deutsche Mitarbeiterin besonders liebevoll geschmückt hatte.

So saß nun Hussein, der Gärtner, auf der Rikscha, bereit zu der langen Fahrt vom Flugplatz in die Altstadt, wo sich das Deutsche Institut befand. Der Gärtner sollte Tarek den Weg zeigen und, auf der Rikscha sitzend, den Baum festhalten. Es war gegen 10 Uhr morgens, als Hussein, den Baum fest im Griff seiner Hände und zusätzlich zwischen den Beinen abgesichert, das Zeichen zur Abfahrt gab.

Der geschmückte Baum wurde, sobald er gesichtet wurde, zum Blickfang von Beobachtern, sein Aussehen war Anlass für Erstaunen, Überraschung und Freude. Wasserträgerinnen auf dem Wege zum Brunnen mit ihren Krügen auf dem Kopf schauten dem seltsamen Gefährt lange nach. Bauern bei der Juteernte, bis zur Brust im Wasser stehend, hörten auf, im Takt Jutebündel auf das Wasser zu schlagen, und begleiteten die seltsame Fracht, die auf der Straße vorbei rollte, mit erstaunten Zurufen. Kinder, mit und ohne Tuch um die Hüften, kamen aus allen Ecken hervor und gaben der Rikscha das Geleit, hängten ihre Blicke an den geschmückten Baum und überschütteten Tarek und Hussein mit Fragen. Ihre nackten Sohlen klatschten beim Laufen auf den Asphalt, bis ihnen der Atem ausging und sie zu ihren Ochsen, Ziegen und Enten zurückkehrten, um sie weiter zu hüten.

Am oberen Ende der holprigen Straße zum Flugplatz, „Airport Road“ genannt, lag der Golfplatz. Männer in Weiß bewegten sich mit gemessenen Bewegungen auf dem saftigen Grün der Hügel und hatten keinen Blick für die Straße. Noch keine zwei Jahre war es her, dass das Dorf, das hier lag, verschwand und seine Bewohner mit Gewalt vertrieben wurden, weil die Generäle sich an dieser Stelle einen Golfplatz wünschten. Tarek hatte Achtung vor reichen und mächtigen Leuten, die wie die Ibrahims, die Besitzer all der Jutefabriken, unermesslich reich waren, gar mit eigenen Flugzeugen zum Einkaufen in ferne Städte flogen. Sein Weltbild vertrug sich mit der Ungleichheit in der Welt. Denn Allah hatte es so gewollt.

Heute war ein guter Tag für Tarek, den Rikschafahrer. Es war noch nicht Mittag, und er hatte schon die Tagesmiete für die Rikscha eingefahren. Huda, seine Frau und die Mutter seiner 6 Kinde, der er abends immer seine Tageseinnahmen übergab, würde heute vielleicht eine gute Mahlzeit kochen, nicht nur Reis mit Linsen. Huda war seine und der Kinder Stütze. Auch dann, wenn er keine Einnahmen hatte, weil er krank war oder keine Kunden hatte –was leider immer wieder vorkam -, schaffte es Huda, eine bescheidene Mahlzeit zuzubereiten.

Tarek fühlte sich beflügelt von dem geschmückten Baum hinter sich auf der Rikscha, und die Blicke der Menschen, die den Baum mit Erstaunen ansahen, erfüllten ihn mit Stolz. Er hob den Lungi bis zu den Knien, beugte seinen Oberkörper weit über die Lenkstange und gab sich dem Traum seines Lebens hin: Genug Geld zu haben, um selbst eine Rikscha zu besitzen, dazu eine Hütte aus Stein mit zwei Räumen, für Huda und für sich und für die Kinder, mit einem Wellblechdach, das keinen Regen durchließ. Könnten es seine Kinder nicht besser haben in ihrem Leben als er?

Die Jungen, deren einzige Bestimmung es war, geboren zu werden, Holz zu sammeln und mit 13 Jahren eine Rikscha zu fahren. Das war das Leben, das den Ältesten, Mahmoud, schon bald erwartete. Auch der 9-jährige Afdal, der 7-jährige Ahmad und der 5-jährige Jasir würden Rikschafahrer werden. Wie schön wäre es, wenn die Vier auf eine Schule gehen könnten, und er, Tarek, würde regelmäßig am Monatsende das Schulgeld bringen! Am Ende wären sie vielleicht Gerichtsschreiber, Buchhalter in einem Büro oder angestellt am Flughafen. Die beiden Mädchen, die 4-jährige Saida und die 11-jährige Asma, könnten auch eine Schule besuchen und dort viel lernen. Und dann brauchten sie nicht Wasser zu holen, Papier auf den Straßen der Stadt zu sammeln oder die Müllhalde hoch zu steigen auf der Suche nach brauchbarem Abfall, bis sie mit 12 die Frau eines Rikschafahrers, eines Teeverkäufers oder eines Lastenträgers würden.

Doch schon bald wurde Tarek aus seinen Träumen gerissen! Er hatte mit seiner Rikscha einen der großen Ströme erreicht, die nach dem Glauben der Menschen heilig sind. Die mächtigen Ströme Ganges und Brahmaputra kamen in dieser Gegend zusammen, vereinten ihre aus den Schmelzwassern des Himalaya gespeisten Wassermassen und formten einen Meeresarm von unübersehbarer Breite. Die Ströme, entstanden durch die Planungen göttlichen Wirkens, kündeten vom ewigen Gleichklang des Lebens. Jedes Wesen, so der Glaube der Menschen, hat in irgendeiner Form eine Beziehung zum Göttlichen, und das Wasser dieser Flüsse führt ins Paradies.

Die Fähre legte an, und die wartenden Menschen drängten auf das Schiff, doppelt so viele wie erlaubt. Der Blick des Kapitäns fiel von oben auf den wundersamen Baum, er verließ seine Kabine, um für die Rikscha einen sicheren Platz in der Nähe der Ankerkette frei zu machen. Die Bootsmannschaft wies er an, keinen an die Rikscha mit dem Baum heranzulassen. Die Fähre mit etwa 1000 Menschen an Bord legte ab, das Fahrgeld wurde eingesammelt. Vom Schiff aus beobachtete Tarek das Ufer, von dem die Fähre gerade abgelegt hatte. Ein Schiff, voll beladen mit Jute, wurde vom Land aus stromaufwärts gezogen; eine Kolonne von Männern hatte das Seil über ihre Schultern gelegt und stemmte sich, den Rücken gebeugt, den Treidelpfad entlang. Das Seil spannte sich so sehr, dass es riss. Das Schiff drehte sich in der Strömung, legte sich auf die Seite und verlor die Ladung. Juteballen tanzten noch kurz auf den Wellen, bevor sie im Wasser verschwanden. Das Boot war der Strömung ausgeliefert und trieb jetzt unkontrolliert den Strom hinunter. Die Männer am Ufer kehrten um und gingen mit müden Schritten den Pfad stromabwärts. Zwei trugen das zerrissene Seil. An diesem Tag kehrten die Männer, die das Schiff den Fluss hinaufgezogen hatten, ohne Lohn in ihre Hütten zurück.

Tarek ließ seine Blicke über das Wasser schweifen. Er sah viele Segelboote mit leuchtend bunten Segeln, zusammengeflickt aus Stoffresten. Im Kontrast dazu das helle Blau des Himmels! Die Boote waren beladen mit Jute oder Reis, besetzt mit einem Schiffsführer, der auf dem obersten Ballen saß, und seinem Gehilfen, der mit einem Schirm aufrecht hinter dem Schiffsführer stand und ihn vor der Sonne schützte. Kleine Segelboote bewegten sich über das Gewässer, winziger werdende Boote, bis sie sich schließlich in der Ferne im Gekräusel der Wellen aufzulösen schienen.

Das Land im Delta der großen Ströme war nicht immer so friedlich wie an diesem Tag. Nur zu oft wurde das Land heimgesucht von furchtbaren Naturkatastrophen, wenn Zyklone vom Golf in das flache Land einfielen und eine Spur des Todes und der Verwüstung hinterließen. Tarek und Hussein erinnerten sich an die verheerende Flutkatastrophe vom vorletzten Jahr, die mit ungeheurer Macht über das Land hereinbrach, unzählige Städte und Dörfer verwüstete, Ernten vernichtete, Brücken und Häuser einstürzen ließ und mehr als eine halbe Million Menschen in den Tod riss, darunter auch zahlreiche Verwandte und Bekannte. „Du weißt, wie wir unser Land nennen?“, fragte Hussein. „Ja“, entgegnete Tarek mit trauriger Miene, „Gottes eigenes armes Land!“

Bald war das andere Ufer erreicht, der Wasserspiegel inzwischen um fast einen Meter gestiegen. Zwei Kilometer weiter flussabwärts konnte die Fähre schließlich anlegen. Tarek und Hussein trugen die Rikscha durch das hüfthohe Wasser; der Kapitän hob den Weihnachtsbaum hoch und brachte ihn mit aller Vorsicht ans Land.

Die seltsame Fahrt ging weiter, und nach einer halben Stunde kreuzte eine Eisenbahn die Straße. Ein Mann, barfüßig, mit verbeulter Dienstmütze und einer Trillerpfeife, spannte ein Seil über die Straße, das er an zwei Pfosten verknotete. Obwohl jeder wusste, dass die Straße gesperrt war, und der Zug sich in der Nähe durch schrilles Pfeifen und schwarzen Rauch ankündigte, nutzten Ungeduldige den Übergang bis zur unmittelbaren Vorbeifahrt des Zuges. Die ersten, die den seltsamen Baum sahen, waren die Männer, die rittlings auf den Puffern der Lokomotive saßen. Sie stießen überraschte Rufe aus. Auch der Lokomotivführer zeigte sich am Fenster, und hinter ihm das geschwärzte Gesicht des Heizers. Tarek sah noch durch den Qualm, wie sich beide erstaunt zunickten. Dann rollten auch schon die Waggons heran, voll gepackt mit Reisenden, die auf den durchgezogenen Trittbrettern standen, aus den Fenstern hingen oder sich auf dem Dach bequem eingerichtet hatten. Im Vorbeifahren versuchten einige, den Baum zu berühren, was Tarek in einer schnellen Reaktion veranlasste, die Rikscha aus dem Gefahrenbereich wegzuschieben. Der Kontrolleur mit dem Seil, der Dienstmütze und der Trillerpfeife entfernte die Absperrung und gab die Straße - obwohl die meisten der ungeduldig wartenden Fußgänger schon längst über den Bahnübergang hasteten – mit energischen Armbewegungen und mit langen Pfeifsignalen frei. Anschließend setzte er sich auf einen Hocker unter einem Baum, überprüfte sorgfältig den Ölstand der Handlampe und wartete auf den Abendzug.

An der Faradhpur Road wurde ein neues Gebäude gebaut, mit sechs Stockwerken das höchste der Stadt. Die Bauarbeiter arbeiteten auf einem schwankenden Bambusgerüst und rutschten, als der Weihnachtsbaum vorbeigefahren wurde, wie auf Kommando die Bambusstangen und die schräge Baustofframpe hinunter, um noch einen Blick von dem seltsamen Baum zu erhaschen. Frauen in der Burka auf dem Wege zum Markt blieben unvermittelt stehen und drehten sich um, und die Mekka-Pilger auf der offenen Ladefläche eines Lieferwagens auf dem Wege zum Flugplatz nahmen das eigentümliche Gefährt stumm und mit großen Augen wahr, bevor sie wieder in die Pflicht des Gebets zurückfanden.

Am Gloria-Palast, dem einzigen Kino der Stadt, warteten lange Schlangen von Männern ungeduldig auf Einlass. „Lailahs ewige Treue“ stand in farbigen Lettern an der Fassade, und Tarek nahm sich vor, sich den Film später anzusehen. Ein Kinobesuch war Tareks einziges Vergnügen, das er sich von Zeit zu Zeit gönnte. Lailahs Gesangseinlagen, ihre Lieder von Schmerz und Leid, Sehnsucht und Liebe waren zentrale Bestandteile des Films, der die Herzen der Männer rührte. Doch jetzt drehten die Kinobesucher ihre Köpfe in die Richtung des vorbeifahrenden Baumes, dem ihr plötzliches Interesse galt, bis die Türen zum Kino sich öffneten.

Die Fahrt in die Altstadt wurde immer mehr zu einem Triumphzug! Kinder begleiteten Tareks Rikscha, und immer mehr schlossen sich spontan an, auch Erwachsene, Kulis, die vom Hafen kamen, Fischverkäufer, die ihre Fische nach der Mittagshitze nicht mehr verkaufen konnten. Von dem Baum, immer noch fest in Husseins Händen, schienen magische Kräfte auszugehen, geheime Ströme unsichtbarer Anziehung, und die Menschen in der Stadt spürten den Zauber der Rikscha mit dem Baum und liefen wie im Rausch. Plötzlich brach ein Bock aus einer Ziegenherde aus, die durch die Altstadt getrieben wurde, und rammte in unkontrollierter Wucht Tareks Rikscha - jene Rikscha mit dem so wundervoll geschmückten Weihnachtsbaum, mit den silbernen Kugeln, den Wachskerzen, der Tannenspitze, dem Lametta, das silbern an den Zweigen hing, und mit dem Engel Gabriel. Der Baum neigte sich mit der umstürzenden Rikscha zur Seite und drohte mit seinem Schmuck auf die Straße zu fallen. Alles wäre umsonst gewesen, der Transport über die endlos lange Airport Road und über das Gewässer, erfolglos auch Tareks Ausdauer und Husseins Sorgfalt, und die deutsche Fluglinie hätte wohl nie mehr einen Weihnachtsbaum ausgeliehen.

Doch dann geschah etwas Wunderbares! An der Seite des stürzenden Weihnachtsbaums streckten sich Hände aus, Hände von Kindern, Bettlern, Fischern und Handwerkern, Hände, die sich zusammenschlossen und eine undurchdringliche Front des Haltens bildeten und nicht zuließen, dass dieser Baum, der alle mit Freude erfüllte, auf die Straße fiel und ein erbärmliches Ende nahm. Viele Hände hielten den Baum und stellten ihn wieder hoch. Hussein erhob sich vom Boden, offensichtlich unverletzt, und nahm die Tanne unversehrt an sich. Tarek saß, kaum vom Rad gefallen, wieder im Sattel und bereitete die Weiterfahrt vor.

Bald hielt Tarek auf Geheiß Husseins vor der Stern-Moschee, der größten und schönsten Moschee der Stadt an. Husseins prüfende Blicke stellten fest, dass der Engel nicht mehr an seinem Platz war, und er machte ihn an seiner Stelle oben im Baum wieder fest. Unter den Betern, die die Moschee verließen, war auch der Imam Mohammed Asiz. Er war auf dem Weg zur Moschee an der gegenüberliegenden Straßenecke, wo er heute die Predigt halten sollte. Der Imam Mohammed Asiz war hoch angesehen im Lande, gleichermaßen wegen seiner Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, noch mehr wegen seiner Kenntnis des Korans und der heiligen Schriften des Islams. Er hatte auch die anderen Religionen studiert und hatte etliche fremde Länder im Westen besucht.

Der Imam hielt inne und verweilte lächelnd vor der Rikscha mit dem Weihnachtsbaum. Ein Weihnachtsbaum war ihm offensichtlich vertraut, und so fragte er nur nach dem Woher und Wohin, worauf Hussein und Tarek bereitwillig Antwort gaben, da sie sich glücklich schätzten, mit dem berühmten Imam reden zu können. Tarek und Hussein wollten vom Imam wissen, was denn die Figur im Baum bedeute. Das sei der Engel Gabriel, klärte Mohammed Asiz sie auf, der Engel Gabriel habe in allen Weltreligionen seinen Platz und werde von den Gläubigen verehrt, bei den Christen als Verkünder der Geburt des Johannes an Zacharias und des Jesus an Maria, bei den Muslimen ist er der Überbringer des Korans, bei den Juden verkündet Gabriel die zehn Gebote. Auch von den Buddhisten wird Gabriel verehrt, denn er kündigt die Geburt des Buddha an. „Und wenn der Engel Gabriel heute auf die Welt kommen würde“, fragten beide den Imam, „welche Botschaft hätte er dann für die heutigen Menschen?“ „Die Botschaft hieße „gerechte Ordnung“, antwortete der Imam ohne langes Überlegen und bekräftigte noch einmal seine Aussage: „Gerechte Ordnung!“ - „Gerechte Ordnung? Was bedeutet das?“ bat Tarek, der Rikschafahrer, den Imam um Auskunft. „Gerechte Ordnung“, sagte der Imam, „bedeutet, dass alle Menschen auf der Erde in Würde leben können, dass alle Menschen genug zu essen haben und alle Menschen würdig wohnen können - und nicht nur einige wenige -, und dass die Güter der Welt allen gehören und nicht nur einigen wenigen!“ „Und die Kriege?“ fragte Tarek, als er dabei war, zögernd das Rad zu besteigen. „Ja, die Kriege!“, schloss sich Hussein, neugierig geworden, an, und auf ein ermunterndes Nicken des Imams erinnerten beide an die blutigen Bürgerkriege im Land und die häufigen Kriege mit dem Nachbarland jenseits des Stromes. Es gebe doch immer Kriege unter den Menschen, meinte Hussein schließlich. – „Unter den Menschen?“, wiederholte der Imam mit nicht geringem Zweifel in der Stimme. Kriege seien immer die Kriege der Männer, Opfer seien immer die Frauen, die Mütter und die Kinder – immer zu viele Kinder! Die Männer entzögen sich am Ende immer der Verantwortung, entweder durch Tod in den Schlachten oder durch Herausreden, dass sie von allem nichts gewusst haben wollten.

Warum, fragten beide wie aus einem Mund, warum wollten die Männer überhaupt Krieg, wenn der Krieg doch nur ihren Familien und dem ganzen Volk Unglück bringe? Die einfachen Menschen, entgegnete der Imam, die einfachen Menschen wie er und sie wollten keinen Krieg, sondern nur in Ruhe und Frieden leben. Es gebe gute Führer von Ländern, die sich nach Kräften für das Wohl und ein friedliches Leben ihrer Bürger einsetzten. Es gebe aber auch böse Herrscher, die Kriege vom Zaune brächen und rücksichtslos Menschen in den Tod trieben, nur um ihre eigenen verbrecherischen Interessen und Ziele durchzusetzen. Das Volk mache mit, weil es dazu erzogen werde, die Befehle der Mächtigen auszuführen. Ruchlose Mächtige würden ihren Untertanen einreden, dass die Menschen untereinander verfeindet seien und sich bekämpfen müssten, weil sie verschieden seien nach Rasse, Herkunft und vor allem nach ihrer Religion. Aber das sei nicht wahr, das seien Lügen! Denn fast alle Menschen auf der Welt seien sich einig in dem Wunsch nach ihrem kleinen, bescheidenen Glück für sich und ihre Familien sowie für die Gemeinschaften, in denen sie lebten, unabhängig von Rasse, Religion und Lebensweise, vor allem ohne gegenseitige Feindschaft. Wünsche dieser Art seien bei allen Menschen anzutreffen, überall auf der Erde, - Wünsche, die völlig verschieden seien von dem, was böse Herrscher je wahrhaben wollten.

Jetzt endlich waren sie am Ziel! Tarek und Hussein trugen den Weihnachtsbaum die fünf Stufen hinauf in die Bibliothek. Namda, der Hausmeister, ging voran, Ayesha, seine Frau, breitete ein Baumwolltuch über den Tisch, Ayla, ihre 15-jährige Tochter, stellte Schalen, gefüllt mit Süßigkeiten, unter den Baum. Die Kinder drängten nach und bildeten schweigend einen Kreis um den geschmückten Tannenbaum, zeigten mit den Fingern auf Gabriel, den Engel, nachdem sie ihn im Grün der Tanne entdeckt hatten, und schauten erwartungsvoll auf die Zuckersachen in den Schalen. Inmitten der Kinder stand Tarek, der Rikschafahrer, und schaute unverwandt auf die Figur des Engels Gabriel und dachte – eine einzige Falte auf der Stirn - darüber nach, was der Imam heute über gerechte Ordnung gesagt hatte.
Von Clemens Terörde, Düsseldorf, Dezember 2009
Dozent am Goethe-Institut, 25 Jahre im Ausland als Referent für Sprachkurse in Bangladesh, Singapur und Indonesien sowie als stellvertretender Institutsleiter und Leiter der Spracharbeit in Indien und Thailand mit Regionalauftrag für Laos und Vietnam.