Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Goethe in den Anden
Von Christoph Wecker

Schwerfällig stemmte sich die alte Propellermaschine vom Flugplatz der peruanischen Hauptstadt Lima in die Luft, um in die über 3000m hoch gelegene Inkastadt Cuzco zu fliegen. Dem Passagier aus Deutschland, einem Mann mittleren Alters, auf einer dienstlichen Reise für das Goethe Institut in Südamerika unterwegs, hatte man den großen Umweg auf dem Weg nach La Paz in Bolivien in einem Reisebüro empfohlen, nachdem er wegen eines unerwarteten Feiertags drei arbeitsfreie Tage vor sich hatte und noch möglichst viel vom Land sehen wollte. Das Flugzeug war schon in seiner Inneneinrichtung ungewöhnlich; anstatt der üblichen bequemen Sitze gab es nur Gestelle mit einer Segeltuchbespannung. Das Erstaunlichste war jedoch das Fehlen einer Druckkabine. Deshalb ging die einzige Flugbegleiterin, eine Indiofrau, von Sitz zu Sitz und forderte die Passagiere auf, alsbald den an der Wand hängenden Plastikschlauch in den Mund zu nehmen, um sauerstoffreiche Luft zu bekommen, sobald die Maschine die erforderliche Flughöhe zur Überwindung der hohen Berge erreichen würde. Also bitte nur durch den Mund ein- und durch die Nase wieder ausatmen, wurde man belehrt. W., der deutsche Passagier, war neugierig, was wohl ohne diese ungewohnte Vorrichtung zu spüren , und nahm den Schlauch kurz wieder heraus. Kaum hatte die Stewardess das bemerkt, als sie auch schon auf ihn zueilte und energisch darauf bestand, er solle sofort wieder durch den Schlauch atmen, andernfalls könne er das Bewusstsein verlieren .

W. gehorchte und erblickte gegen Ende des nicht sehr komfortablen, unruhigen Fluges durchs Fenster eine von zwei Gipfeln links und rechts gesäumte Felswand, auf die das Flugzeug zuraste und die sich so hoch vor ihnen auftürmte, dass er glaubte, sie müssten im nächsten Augenblick daran zerschellen. Sein Herz klopfte, als er unter sich zum Greifen nahe die Felsen vorbeifliegen sah, wonach die Maschine auch schon die Nase ziemlich steil nach unten senkte und kurze Zeit später auf einer Rasenpiste aufsetzte und zum Stillstand rumpelte.

Die Luft war spürbar dünner. W. konnte die alte Stadt besichtigen und eine Autofahrt in die bergige Umgebung machen, wo er zwei Mädchen in der farbigen Landestracht, die Lamas hüteten, vor einer monumentalen Inka-Mauer fotografierte. Die Nacht verbrachte er in einem Touristenhotel und bestieg am nächsten Morgen einen Zug, der ihn in einer langen Fahrt durch Anden-Täler zum Titicacasee bringen sollte, den er per Schiff in der Nacht überqueren wollte, um am nächsten Morgen von einer kleinen Hafenstadt aus mit der Eisenbahn die Hauptstadt La Paz zu erreichen und seine dienstlichen Obliegenheiten wieder aufzunehmen.

Der sehr lange, nicht voll besetzte Zug hielt selten; die Gegend erschien ziemlich öde, jedenfalls über weite Strecken nicht so reizvoll, wie er es sich vorgestellt hatte. An einer kleinen Station, wohl auf einer Passhöhe, gab es einen Aufenthalt. Ein kleiner Indio-Bub lief durch den in der Nacht gefallenen Schnee den Zug entlang, barfuß, und bot den wenigen Touristen schwarze Ponchos an, aus Lamawolle, die in Deutschland vergleichsweise selten und entsprechend teuer war. Obwohl W. nicht wusste, wie er das ziemlich voluminöse Stück in seinem begrenzten Reisegepäck verstauen sollte, kaufte er dem Jungen, der ihn dankbar anstrahlte, einen Poncho ab, als Mitbringsel für seine Frau.

Er hatte Glück mit seiner Reisebegleitung. Ihm gegenüber in dem offenen Abteil saß eine junge Frau, eine zarte Erscheinung, Ordensschwester in grauer Tracht, die aus den USA kommend in humanitärer Mission in einem entlegenen Bergdorf tätig war und von einem Heimaturlaub an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte.

Die beiden führten Gespräche über Gott und die Welt, über ihre Arbeit, über das Land, durch das sie fuhren und von dem W. wenig wusste, über Deutschland, und schließlich wünschte sie sich, etwas in seiner Muttersprache zu hören, die ihr fremd war und deren Klang sie in sich aufnehmen wollte. Der Zug war indessen in freier Landschaft stehengeblieben, man sah Leute draußen hin und her rennen, laut diskutierend und gestikulierend. Endlich gelang es der Schwester, zu erfahren, was los war. Der Zug hatte den Pass nicht mehr geschafft; man musste sich auf eine längere Wartezeit einstellen, bis eine zusätzliche Lok von der anderen Seite herbeigeschafft werden konnte, um mit vereinten Kräften die lange Steigung zu überwinden. Zeit genug also, um ihren Wunsch zu erfüllen. W. überlegte, was er ihr vortragen solle, und meinte, er würde am liebsten ein deutsches Gedicht wählen, er könne ziemlich viele auswendig, das habe er in einem sowjetrussischen Kriegsgefangenenlager gelernt und es bedeute ihm viel. Er finde auch, man könne den Klang der Sprache an dem Gedicht, das er im Sinn habe, besonders gut hören. Sie war begeistert von diesem Vorschlag und schloss erwartungsvoll lauschend die Augen, als er zu sprechen begann, langsam und so deutlich wie möglich:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Stille. Dann sagte W. “Das ist von Goethe, unserem berühmtesten Dichter“. Die junge Frau schien tief berührt, obwohl sie die Worte nicht verstehen konnte, und bat ihn um eine Übersetzung in ihre Muttersprache W. fühlte sich angesichts seiner keineswegs perfekten Englischkenntnisse überfordert. Sie sagte, er solle ruhig ganz einfach Wort für Wort übersetzen, dann könne sie den Sinn schon verstehen. Was mache ich, dachte W. beklommen, soll ich für „Wipfel“ etwa sagen „top of the tree“ - das ist doch nie und nimmer ein Wipfel! - und was gibt im Englischen am besten die Bedeutung von „Hauch“ wieder, im Deutschen in so schön klingendes sanftes Wort? Er versuchte es und hatte es schließlich schlecht und recht geschafft, sie war aber noch nicht ganz zufrieden und bat darum, den deutschen Wortlaut für sie aufzuschreiben, sie wolle diese Erinnerung in ihr Bergdorf mitnehmen und deshalb die kostbaren Verse auch auswendig lernen und nie mehr vergessen. W. schrieb.

Der Aufenthalt zog sich hin. Sie war eingeschlafen. W. betrachtete ihr stilles, feines Gesicht. Es schien, als habe sich Goethes Wipfelruhe tief in ihr Gemüt gesenkt. Er zog seine kleine Kamera aus der Reisetasche und machte mit schlechtem Gewissen ein Foto von ihr. Den leisen Klick des Verschlusses hatte sie gehört, öffnete die Augen und lächelte. Dann hatte auch sie eine Kamera in der Hand und fotografierte ihn, ohne ein Wort zu sagen.

Als sie aussteigen musste, um mit einem Bus weiterzufahren, verabschiedeten sich zwei sehr verschiedene Menschen - die nicht viel voneinander wussten -, als ob sie sich lange schon gekannt und nahegestanden hätten. Sie würden sich nicht mehr begegnen, aber etwas Gemeinsames bewahren – ein Gedicht.

Über ihrem kurzen Zusammentreffen lag eine leise Trauer, als wäre der rollende Zug ein Gleichnis für die vorüberrinnende Zeit. Warte nur, balde.
Von Christoph Wecker, 08. September 2010