Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

DDR-Bewältigung in West und (Süd)Ost
Von Ralf A. Baltzer

Anfang November 1988 war ich als Leiter der Spracharbeit nach Montreal in Québec versetzt worden. Ich lokalisiere Montreal bewusst nicht einfach in Kanada, denn zu der Zeit entbrannte noch heftig der historisch bedingte Sprachenstreit zwischen den englisch bzw. französisch sprechenden Kanadiern. Das offenbarte sich mir nach wenigen Tagen in beeindruckender Weise.

Es hatte heftig geschneit, und nicht etwa Kinder, sondern Erwachsene rollten große Schneemassen und formten sie zu einer langen Schneemauer, die etwa 50 Meter lang und 2 Meter hoch genau auf der Trennlinie zwischen den beiden Sprachen der Stadt verlief. Die Assoziation an die Berliner Mauer war natürlich gewollt und sofort erkennbar, zumal die weiße Mauer mit farbigen Graffiti besprüht und an einer Stelle auch ein (Berliner) Teddybär angebracht war. Im Unterschied zum Original im geteilten Deutschland hatte diese Mauer aber einige Durchbrüche, so dass die Passanten ungehindert und ohne Kontrollen vom englischen in den französischen Teil und zurück wechseln konnten. Ein von beherzten Montrealern gesetztes Zeichen zur Überwindung der vielen in den Köpfen und in mancher Landschaft existierenden Grenzen, was mich damals sehr bewegte.

Als ein Jahr darauf die Mauer in Berlin fiel, zeigten sich „am Morgen danach“ erwartungsvoll dreinblickende Journalisten im Institut sehr enttäuscht darüber, dass der Champagner nicht in Strömen floss. Ein weiteres Jahr später fiel mir als stellvertretendem Institutsleiter die Aufgabe zu, am Abend des 3. Oktober, dem neu festgesetzten Nationalfeiertag, vor den versammelten SprachkursteilnehmerInnen eine kleine Rede zu halten. Diese schloss ich in Erinnerung an den Journalistenunmut im Jahr zuvor mit den Worten: „Die Wiedervereinigung ist etwas Wunderbares, aber sie wird sehr teuer. Deshalb stoßen wir auch nicht mit Sekt an, sondern nur mit Wein.“

Nur wenige Monate danach fiel ich einer Schnellversetzung nach Indonesien anheim. Von minus 30 Grad musste ich meinen Organismus innerhalb von 36 Flugstunden auf plus 30 umstellen. Schon wenige Tage nach meiner Ankunft kam ALI Schmidt aus der Zentrale nach Jakarta, um mit dem Leiter, Dr. Winterscheidt, unserem Verwaltungsleiter Markert und mir die ehemalige DDR-Botschaft zu besichtigen, da man damals vorhatte, das Institut dorthin umzuziehen. Wir standen vor dem gräßlich grauen, noch mit Stacheldraht verzierten Gebäude und fanden keinen Einlass. Der für die Bewachung zuständige Bung musste erst einmal ausfindig gemacht werden. Es stellte sich dann heraus, dass er gar keine Schlüssel hatte. Sie waren irgendwie verschwunden. Da ALI Schmidt nun nicht unverrichteter Sache davongehen wollte, kam auf wunderliche Weise plötzlich eine riesige Axt ins Spiel. Mit einigen gezielten Schlägen wurden die Schlösser des Haupteingangs gesprengt, und wir drangen wie Geheimagenten räuberartig in das finstere Gemäuer ein. Da die DDR-Geschichte damals (März 1991) noch nicht so weit entrückt war wie heute, kam mir das alles äußerst befremdlich und grotesk vor. Glücklicherweise hat der Umzug in dieses niederdrückende Gebäude nie stattgefunden. Erst in den späten 90er Jahren zog das Institut in die frei gewordenen Räume der Deutschen Schule ein.

Die Folgewirkungen der DDR-Geschichte blieben aber auch weiterhin wirksam; denn nur wenige Wochen darauf ereignete sich im Hafen von Jakarta ein großes Spektakel. Ein indonesischer Künstler, langjähriger Partner des Instituts, hatte in Berlin ein riesiges Stück originaler Berliner Mauer erworben und es per Schiff nach Indonesien bringen lassen. Natascha Selinger hatte als Programmverantwortliche die Presse genügend angeheizt, so dass die Leitung des Instituts bei der Ankunft des bestaunten Objekts für manche Zeitungsnotiz um entsprechende Kommentare gebeten wurde. Der Auflauf war groß, die Publicity für das Institut und Deutschland enorm. Der Künstler hatte vor, die Mauerstücke für eine Installation an einem geeigneten Platz in Jakarta zu verwenden. Leider war abzusehen, dass es dazu nie kommen würde, denn damals war ja noch die zwar ihrem Ende entgegengehende, aber noch alles beherrschende Suharto-Zeit tonangebend. Ein Mahnmal, das ja an den Sturz eines tyrannischen Regimes erinnert hätte, war - mitten in der Hauptstadt – nicht denkbar. Wo die Mauerstücke verblieben sind, weiß ich nicht. Wahrscheinlich sind sie schon zur Hälfte im Erdreich eines Hinterhofs in einem der Vororte von Jakarta versunken oder wurden von der wuchernden tropischen Natur verschluckt. Ein Stück biologischen Abbaus und der DDR-Bewältigung auf südostasiatische Weise.
Von Ralf A. Baltzer, 08.März 2010