Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Gern hab ich die Frauen geküsst
Von Dirk Angelroth

Der erste Indonesier in der Reihe von Gästen, die sich im Goethe-Institut Jakarta zum Abschied des scheidenden und Willkommen des neuen Leiters eingefunden hatten, war der Schauspieler Jaya Kusuma. Er war kein jugendlicher Held mehr und hatte schon in den frühen Jahren des indonesischen Films führende Rollen gespielt. Kusuma fiel zunächst jedem auf durch seine dichte und afrolook artige Haartracht in Grau. Die dichten und sehr festen Haare ließen das runde Gesicht kleiner erscheinen als es war, in dem wiederum die schmalen Augen auffielen, die deutlich Gutmütigkeit und Humor ausstrahlten.

Der Mann war mir schon nach wenigen Worten an diesem Abend so vertraut sympathisch, dass ich, schon die Hand des nächsten Besuchers in der meinen, noch schnell sagte: „Sie sind der erste Indonesier, den ich heute Abend begrüßen durfte. Ich hoffe, Sie werden einmal der letzte Gast sein, wenn wir uns von Indonesien verabschieden müssen!“
Kusuma verbeugte sich lächelnd und erwiderte: „Ich werde versuchen, Ihren Wunsch zu erfüllen!“
„Ein sehr guter Mann,“ flüsterte mein neben mir stehender Vorgänger, „den müssen Sie unbedingt warmhalten.“

Man hätte Jaya Kusuma als „eine Figur der Vergangenheit“ bezeichnen können, ohne es etwa abwertend zu meinen, und auch sein Deutschlandbild passte in diesen Rahmen. Er kannte besonders die deutschen Stummfilmstars, konnte Lieder der Marlene Dietrich oder Zarah Leander in deutscher Sprache singen, und Hans Albers war ihm ebenso ein Begriff wie Emil Jannings oder Heinrich George.

Kusuma wurde auch für mich in den nächsten Jahren mit seinem reichen Erfahrungsschatz und der Kenntnis der indonesischen Film- und Theaterszene ein gesuchter Ratgeber und Veranstaltungspartner in diesen Bereichen, und auch privat entwickelte sich eine gegenseitige Zuneigung. So war es nur selbstverständlich, dass Jaya Kusuma auch später zu unserem Abschied kam.

Schon vormittags hatte Expräsident Soekarnos ehemaliger Vizepräsident Dr. Hatta, dessen Frau bei uns Deutsch lernte, meiner Frau eine wunderschöne weiße Orchidee geschickt, die sie abends im Ausschnitt ihres schwarzen Kleides trug. Das Jugendtheater „Remaja“, vom Institut über Jahre gefördert, hatte als Abschiedsgeschenk ein Gamelan-Orchester für diesen Abend bereitgestellt, das unter dem großen Zelt im Institutsgarten spielte, und auch eine junge Dame war zu Gast, von der man damals noch nicht ahnen konnte, dass sie zur Zeit, da ich diese Erinnerung schreibe, als Präsidentin die Geschicke ihres Landes Indonesien lenken würde.

Zweieinhalb Jahre waren relativ kurz gewesen und schnell vergangen, aber manche Partnerbeziehung oder auch persönliche Freundschaft war intensiv gewesen, so dass der Abschiedsabend in den frühen Morgen des nächsten Tages überging, was bei den zurückhaltenden Indonesiern eher die Ausnahme war.

Als die letzten Gäste gegen drei Uhr Früh gegangen waren und nur noch zwei Mitarbeiter und wir etwas Ordnung schafften und Geschenke in mein Büro trugen, hörte ich hinter einer dünnen Trennwand, die den Musikern beim Umziehen und in den Pausen als Blickschutz gedient hatte, eine feine, melodische, aber fast weinerlich klingende Stimme.

„Schauen Sie doch mal nach, was da los ist,“ sagte ich zu meinem Verwaltungskollegen, „vielleicht ist jemandem nicht gut oder so.“ Er ging hinter die Wand, kam aber sofort zurück und konnte ein Lächeln oder gar Grinsen kaum verbergen, als er sagte: „Ich glaube, dass ist eher ein Fall für Sie persönlich!“

Ich zögerte erst, denn an solchen Abschiedsabenden muss man seitens der Mitarbeiter und Gäste mit mancherlei Überraschung rechnen, aber dann konnte ich einzelne deutsche Worte erkennen und ging hinter die dünne Holzwand.

Dort lag, ausgestreckt in einem jener bequemen Sessel, die man bei jeder Veranstaltung für besondere VIPs bereitstellen musste, der fast schlafende Jaya Kusuma und sang mit leiser, aber schöner Stimme, als wollte er sich damit wachhalten, in deutscher Sprache „gern hab ich die Frauen geküsst, hab nie gefragt, ob es gestattet ist ... !“

Ich war gerührt und beschämt zugleich, als Jaya jetzt aufstand, mich umarmte und sagte „wenn ich endlich der letzte Gast bin, dann kann ich ja jetzt auch gehen. Ich hatte es dir doch damals versprochen, erinnerst du dich?!“

Sein Abgang hätte aus einem seiner Filme sein können, wie er da leicht gebeugt und müde über den Rasen davonging und seine riesige graue Mähne wie ein Strahlenkranz mit der Entfernung kleiner und kleiner wurde, bis sie verschwand. Jaya Kusuma hatte Wort gehalten. Er war als letzter Gast gegangen. Die Lichter konnten gelöscht werden, der Abschiedsabend war vorbei und gehörte der Vergangenheit an.
Von Dirk Angelroth