Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Guten Abend, Mister Mueller
Von Dirk Angelroth

„Buchen Sie doch bitte eine schöne Ecke für den ersten Abend der Konferenz in einem Hotel“... hatte mein Chef in Bombay mich gebeten, und ich hatte gebucht.

In Indien heißen die Goethe-Institute auch heute noch Max Mueller Bhavan (Haus) nach dem deutschen Indologen Max Mueller, der zeitlebens in Oxford wirkte und auch 1900 dort verstarb und begraben liegt. Mit seiner Übertragung der Veden, der heiligen indischen Schriften, aus dem Sanskrit in das Englische wird er heute in Indien fast wie ein Heiliger verehrt und ist weitaus bekannter als Goethe.

Wir hatten uns angewöhnt, uns kurz „Max Mueller“ zu nennen und wurden auch in Bombay schnell unter diesem Namen bekannt. Einmal im Jahr trafen sich die Vertreter der Goethe-Institute der Region, damals der Institute in Indien, Sri Lanka (das noch Ceylon hieß), Afghanistan und Pakistan, zu dem zu jener Zeit auch noch „Ostpakistan“ gehörte, das sich durch einen Volksaufstand gegen „Westpakistan“ und im Krieg Indien-Pakistan 1971 dann als Bangladesh unabhängig machte.

In diesem Jahr 1968 sollte die Konferenz in Bombay sein, auf der gemeinsame Pläne diskutiert und Absprachen für das Folgejahr getroffen wurden. Ich bestellte also eine „schöne Ecke“ in einem Hotelrestaurant und nannte als Auftraggeber „Max Mueller“.

Vor unserem abendlichen Treffen hatte es einen Empfang beim Generalkonsul gegeben, so dass wir alle im „gedeckten Anzug“ erschienen waren, als mein Chef mich vorschickte, um den Tisch zu suchen. Bei so einer geballten Ladung von Gästen, zumal von ausländischen und vorwiegend im dunklen Anzug, kam sofort der Manager selbst, mit dem sich folgender Dialog entwickelte:

„Bitte, mein Herr?“
„Ich hatte einen Tisch bestellt für 20 Leute. Für Max Mueller“.
„Oh ja, selbstverständlich, dort drüben bitte, Mister Mueller“.

Er lächelte mich sehr verbindlich an, aber ich sagte:
„Mein Name ist Angelroth, ... Mister Mueller ist tot“.
„Mein Gott, das tut mir aber sehr leid. Mein Beileid, Sir!“

Sein Gesicht wechselte von devoter Freundlichkeit blitzschnell zu tiefer Trauer und Mitgefühl. Offenbar ging er davon aus, dass wir direkt vom Begräbnis hierher zum Totenschmaus gekommen waren.

„Max Mueller ist 1900 in Oxford gestorben“, sagte ich lächelnd, und die eben noch in stiller Anteilnahme erstarrten Gesichtszüge des Managers wechselten blitzartig in den Ausdruck wohlgefälliger Erleichterung, als er sagte:
„Mein Gott, wie froh ich bin das zu hören, Sir!“
Von Dirk Angelroth