Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

In memoriam Bapsi S.
Von Dirk Angelroth

„Mein Gott, was für ein Blick"“... , so oder ähnlich hatte noch jeder Besucher des Goethe-Instituts Bombay ausgerufen, das wir 1968 in einem herrlichen alten „Moghul-Schlösschen“ auf dem Malabar Hill gegründet hatten, und von dessen Garten aus man einen märchenhaften Blick hinunter auf den „Marine Drive“, Bombays Prachtstraße am Meer entlang hatte, die wegen ihrer abends wie Diamanten funkelnden Laternen „The Queens Necklace“, das Halsband der Königin genannt wird.

Von der geräumigen Eingangshalle mit der hohen, holzgetäfelten Decke führte eine breite freie Treppe in das obere Geschoss, das von Bapsi S. bewohnt wurde. Sie war die Hauseigentümerin, unsere „Landlady“, übergewichtige Witwe eines früheren Bürgermeisters von Bombay, stadtbekannt, vielseitig sozial engagiert, geliebt von denen, die ihr Hilfe verdankten und mit Hochachtung gefürchtet von jenen, die sie um Hilfe für Notleidende wie Witwen von Fischern, Blinde, Waise, Straßenkinder, Menschen wie Tiere in Not, angegangen war, wobei ihre Methoden der „Spendeneintreibung“ oft sehr unkonventionell und wohl deshalb umso wirksamer waren.

So hatte sich Bapsi S. mehrmals mit ihrem „kaum fassbaren Lebendgewicht“ auf dem Schoss von Reichen in einem vornehmen Restaurant häuslich niedergelassen und gedroht, nicht eher aufzustehen, bis der um Atem ringende von ihr „besessene“ Reiche den von Bapsi bereits ausgestellten Scheck mit einer mehrstelligen Summe vor dem Komma unterzeichnet hatte!

Über Bapsi S. müsste man ein Buch schreiben, um dieses gewaltige Naturereignis in menschlicher Gestalt zu schildern und unserer, auch von uns geachteten und gleichzeitig gefürchteten „Landlady“ halbwegs gerecht zu werden! Bapsi, damals über 70 Jahre alt, konnte kaum mehr gehen und ließ sich von ihren Dienern meistens in einer Sänfte tragen.

Bei kleineren Veranstaltungen im eigenen Haus benutzten wir die Eingangshalle mit der offenen Treppe nach oben als Kino-,Vortrags- oder Konzertsaal. Für das Solokonzert eines bekannten deutschen Cellisten hatten wir uns etwas Besonderes ausgedacht und über den Stufen, die zum ersten Stock hinaufführten, ein hölzernes Podium bauen lassen, so dass die Zuhörer in der Halle mit Blick auf den Treppenaufgang saßen. Die Akustik war schon wegen des vielen Holzes wunderbar und wurde auch vom Künstler bei der Probe hoch gelobt.

Bapsi S. erschien nie zu unseren Veranstaltungen. Fanden diese, vorwiegend für die Deutsch lernenden Sprachschüler im Garten statt, so saß sie wohl auch einmal in einem der kleinen Erker, durch steinernes Gitterwerk nur uns nicht sichtbar wie einst die Haremsdamen, kommentierte auch gelegentlich das Geschehen auf dem Rasen mit lauter und tiefer Stimme, die Widerspruch von vornherein ausschloss, und bei Dinnerparties im Institut schickte Bapsi ihren Diener mit einem leeren Teller herunter, den wir freundlichst zu füllen hatten.

Für dieses Cellokonzert auf dem Treppenabsatz war ich als „zweiter Mann“ erstmals allein verantwortlich, weshalb mir wahrscheinlich alles noch so besonders deutlich vor Augen steht!

Mein damaliger Chef hatte als Indologe noch andere Verpflichtungen, die gelegentlich seine Abwesenheit von Bombay erforderten, und schon bald wurde mir klar, weshalb er schon nach wenigen Tagen unserer Zusammenarbeit in Bombay einen schmeichelhaft lobenden Brief über mich an die Zentrale geschrieben und darin betont hatte, dass er mir als seinem „zweiten Mann“ auch über einen längeren Zeitraum das hiesige Institut absolut anvertrauen könne!

Hier saß ich nun mit seinem Vertrauen und seiner Frau zwei Stühle weiter, denn direkt neben mir saß in der ersten Reihe, zum ersten und letzten Mal, Bapsi S. mit vollem Gewicht und in ganzer Breite!

Bapsi war Parsin, also Angehörige der vor einigen Jahrhunderten aus religiösen Gründen aus Persien vertriebenen und vorwiegend in Bombay und Poona angesiedelten Anhänger Zarathustras, d.h. sie trug keinen Sari, eher westliche Kleidung, hatte aber ihren Körper ringsum mit bunten Tüchern drapiert. Nicht nur ihre bunten Röcke und Blusen sowie diese Tücher waren mit allerlei Glöckchen und klirrendem Schmuck benäht und behängt, auch an Armen und Beinen hatte Bapsi bei jeder Bewegung Klingendes, Tönendes angelegt, und da sie ständig in Bewegung war, ihre Kleider ordnete, sich kratzte oder auch nur unbewusst über Arme und Beine strich, war ein dauerndes Klingeling und Bimmelim deutlich zu hören und irritierte auch den armen Cellisten schon nach den ersten von ihm angestrichenen Tönen sichtlich. Ich schaute Bapsi von der Seite her an, aber sie lächelte nur freundlich zurück. Das Konzert, das ihr von Anfang an zu gefallen schien, nahm seinen Lauf.

An einer besonders schönen, sehr leisen Stelle, als Bapsi sich einmal nicht bewegte, begann oben das Telefon zu klingeln, und niemand hob ab! Maschinengewehrsalven oder Feueralarm hätten nicht störender wirken können als dieses penetrante Klingeln, das niemand beendete. Auch Bapsi S. blieb ruhig, aber die Frau meines Chefs sah mich vorgebeugt von der Seite her strafend an. Als ich sie nicht zu bemerken vorgab, beugte sie sich nach hinten und tippte mich an Bapsis Rücken vorbei an, als müsse sie mich aus tiefem Schlaf holen und auf das Geklingel erst aufmerksam machen!

Was hätte ich tun sollen? Ich konnte schließlich nicht an dem Künstler vorbei oder gar über ihn hinwegsteigen, um in das obere Stockwerk zu gelangen, und so ließ ich den Dingen ihren bzw. dem Konzert seinen Lauf.

Von der Frau meines Chefs deutlich genug als der Verantwortliche hingestellt, spürte ich jetzt fast körperlich die Augen aller Anwesenden im Rücken. Dem Cellisten traten zunehmend Schweißperlen auf die Stirn, und auch sein strafender Blick traf mich jetzt immer häufiger, und an seinem Gesicht war unschwer abzulesen, dass er meine Nachbarin in Gedanken erwürgte!

Aber es sollte noch schlimmer kommen! Denn als alle das Telefon endlich vergessen hatten, hörte man auch in der letzten Reihe noch das gleichmäßige Zsch-Zsch-Zsch der Flitspritze, mit der Bapsis Hausdiener das obere Stockwerk, das durch keine Tür oder Wand von uns getrennt war, moskitofrei sprühte! Zsch-Zsch-Zsch als Begleitung unseres deutschen Cello-Helden auf dem Treppenabsatz und der Geruch von Insektenvertilgungsmittel, der sich schwer wie Abendnebel langsam aber sicher auf Cellisten und Zuhörer legte.

Am Ende dieses alles in allem dennoch wunderbaren Konzerts war ich so in Schweiß gebadet wie der Künstler und ging noch während des Schlussbeifalls die Stufen zu ihm hinauf und bat um Vergebung und Nachsicht, aber er murmelte nur „diese Frau bringe ich um! Hoffentlich kommt sie nicht zu mir her!“

Bapsi konnte nicht zu ihm kommen, und sie war es ohnehin seit jeher gewohnt, dass man zu ihr kam, und auch ihre Hausgeister folgten gehorsam ihrem Wink zu kommen, selbst wenn sie wussten, dass sie verbal oder gar „handfest“ von Sofa, Bett oder Sänfte aus von Bapsi abgestraft wurden.

Wie von unsichtbaren Fäden gezogen folgte auch der erboste Cellist Bapsis stiller, nur durch leichtes Winken der nach unten abgewinkelten Finger angedeuteten Aufforderung zu kommen. Wie in Trance stieg er die Stufen hinunter, und ich folgte ihm wie sein Bodyguard, um notfalls vermittelnd eingreifen zu können. Bevor aber der Künstler aufbrausen oder auch nur ein Wort äußern konnte, bedeutete ihm Bapsi S. noch näher zu ihr zu kommen und den Kopf zu senken, und der Künstler folgte widerspruchslos.

Reglos und still verharrten die Besucher in den ersten Reihen, als Bapsi mit ihrer lauten, rauchigen Stimme sagte „was für ein begnadeter Künstler Sie sind. Es gibt nur einen, der bedeutender ist als Sie, und das ist Pablo Casals, and now I want to bless you“ ... , und sie legte dem sprachlosen, vorgebeugten Cellisten die Hand auf das Haupt und sagte „may God bless you, my dear!“

Die dienstfertigen Hausgeister hatten Bapsi S. längst in ihre Sänfte gehoben und in den ersten Stock zurückgetragen, als sich der deutsche Künstler aus seiner Benommenheit gelöst hatte und wieder sprechen konnte, und noch später beim Abendessen sagte er mit spürbar belegter Stimme „sollte ich einmal meine Memoiren schreiben, dann wird dieses Ereignis heute Abend ...“, und er vollendete den Satz nicht.

Als Bapsi ein Jahr später auf der Flucht aus ihrem verhassten Krankenhauszimmer zusammengebrochen und gestorben war, schrieb Indiens größte kommunistische Zeitung: „Wenn es denn einen Himmel gibt, so stehen seine Tore heute weit offen ..., denn Bapsi. S. is marching in!“
Von Dirk Angelroth